Im Gespräch

Jugend und Corona – Warum sind realistische Jugendbilder wichtig?

Junge Frau steht inmitten von Seifenblasen, die in der Sonne glitzern. Im Hintergrund stehen Menschen.
Bild: unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

In unserer Gesprächsreihe über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Lebenswelten ist das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe diesmal mit Immanuel Benz aus dem Bundesjugendministerium im Dialog. Er erklärt, weshalb es so wichtig ist, dass junge Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden.

Für unsere Gesprächsreihe „Jugend und Corona“ wollen wir exemplarisch genauer hinschauen: Wie ist diese Jugend? Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Wahrnehmung und Darstellung von jungen Menschen aus? Was sind Ansprüche, Herausforderungen und Ängste von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Im Interview erläutert Immanuel Benz aus dem Referat Jugendstrategie, Eigenständige Jugendpolitik im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, warum realistische Jugendbilder wichtig sind und wieso die Gefahr bestehe, dass Generationen sich gegeneinander ausspielen lassen. Doch wir alle – ob jung oder alt – seien von den Einschränkungen und Folgen der jetzigen Zeit betroffen. Wenn wir zusammenhalten, ergeben sich vielleicht sogar Chancen aus der Krise?!

Vorstellungen über „die Jugend von heute“

Unter Federführung des Bundesjugendministeriums wird seit 2019 gemeinsam mit allen Ressorts die Jugendstrategie der Bundesregierung umgesetzt. Denn Jugend ist eine eigenständige Lebensphase, die besonderer gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedarf. Ziel der Jugendstrategie ist es, allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestmögliche Chancen und Perspektiven für die Lebensphase Jugend zu bieten.

Immanuel Benz, die Regierung formuliert in ihrer Jugendstrategie, dass es wichtig ist, dass junge Menschen realistisch dargestellt und wahrgenommen werden. Können Sie uns kurz erklären, weshalb Jugendbilder aus politischer Perspektive so bedeutsam sind?
 

Es gibt immer gewisse gesellschaftliche Vorstellungen über „die Jugend von heute“. Diesen Vorstellungen liegen oft pauschale Vorstellungen oder Vorurteile darüber zu Grunde, wie junge Menschen vermeintlich sind oder doch bitte sein sollen. Da sind junge Menschen oft die, die ein Problem haben oder die Probleme machen. In jüngster Zeit gab es auch immer wieder das Bild einer Generation, die als sehr pragmatisch oder gar zu brav und angepasst wahrgenommen wurde. Seit Kurzem werden junge Menschen wieder verstärkt als politisch gesehen – natürlich mag das auch nicht immer allen passen. Aber egal welches Generationenlabel oder verallgemeinernde Jugendbild man nimmt: Der tatsächlichen Vielfalt junger Menschen und ihrer Lebenswirklichkeiten wird es nicht gerecht. Junge Menschen haben aufgrund ihres Alters zwar einiges gemeinsam. „Die“ eine Jugend gibt es aber eben nicht. Problematisch wird es daher vor allem dann, wenn die öffentliche Wahrnehmung einer ganzen Altersgruppe auf ein Einzelthema reduziert wird und derartige Annahmen etwa als Grundlage für ein politisches Programm dienen. Wichtig ist daher, dass etwa Politik aber auch Medien und Wissenschaft sich dieser jugendlichen Vielfalt bewusst sind und ihr Handeln an den tatsächlichen Lebensrealitäten junger Menschen ausrichten.

„Das Bild entspricht nicht der Realität“

Denken Sie, dass Jugendbilder „vor Corona“ anders waren als sie zurzeit sind?
 

In Zeiten von Corona lässt sich in der öffentlichen Debatte erneut beobachten, dass überwiegend pauschale, negative Bilder „dieser“ Jugendlichen transportiert werden. So waren gerade zu Beginn der Krise die vermeintlich uneinsichtigen Jugendlichen, die weiter „Corona-Partys“ feiern, weil sie nicht zur Risikogruppe gehören, ein vielbemühtes Argumentationsmuster. Anfang Herbst auf der Suche nach Ursachen für die steigenden Infektionszahlen wurde das Bild der „feierwütigen Jugend“ dann noch einmal richtig dominant. So unverantwortlich derartige Handlungen auch waren oder sind: das medial vermittelte Bild eines Massenphänomens der jungen Ego-Shooter entspricht nicht der Realität.

Nehmen Sie in der Öffentlichkeit denn Jugendbilder wahr, die mehr der Realität entsprechen?
 

Es gab viele Berichte und Geschichten darüber, wie viele junge Menschen ganz praktisch solidarisch handeln: ob sie Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, eine Nachbarschaftshilfe etwa zum Einkaufen anbieten oder andere kreative digitale Wege finden, das Sozialleben zu fördern. Es hat mich positiv überrascht, dass diese wertschätzende Perspektive auf junge Menschen gerade im Frühjahr doch vielfach eingenommen wurde. 

Negative Jugendbilder scheinen sich in den Köpfen der Leute eher festzusetzen. Was, denken Sie, ist die Konsequenz davon?
 

Aktuell besteht leider die große Gefahr, Generationen gegeneinander auszuspielen. Diese Schuldzuweisung von Alt nach Jung und andersrum ist ein gängiger Reflex, der an den wirklichen Problemen vorbei geht. Als Bundesjugendministerium wehren wir uns daher gegen einseitige Pauschalisierungen und versuchen deutlich zu machen: Die Trennung verläuft zwischen Unvernünftigen und Vernünftigen. Nicht zwischen Jung und Alt.

Junge Menschen sind von den Maßnahmen der Virus-Eindämmung stark betroffen 

Das bedeutet ja letztendlich, dass wir alle im selben Boot sitzen. Aber wenn Sie junge Menschen mit anderen Altersgruppen vergleichen – welchen besonderen Herausforderungen sind Jugendliche und junge Erwachsene derzeit ausgesetzt?
 

Junge Menschen sind durch das Corona-Virus zwar tendenziell gesundheitlich weniger gefährdet. Von den Maßnahmen zur Virus-Eindämmung sowie den sozialen Einschränkungen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind sie dafür umso stärker betroffen.
Junge Menschen müssen nun – kurz vor oder am Anfang ihres Berufslebens – mit unsicheren Zukunftsperspektiven umgehen. Besonders groß sind die Sorgen junger Menschen, die sich an den Übergängen zwischen Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf befinden. Wir müssen ganz genau im Blick haben, wie es jungen Menschen ergeht, die gerade auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, deren Studi-Job gekündigt wurde oder die um ihre befristete Stelle bangen oder die es auf dem Arbeitsmarkt gerade deutlich schwerer haben. Auch hier macht sich bemerkbar, dass bestehende soziale Ungleichheiten im Zuge der Corona-Krise verstärkt werden können.   

Viele junge Menschen sind zurzeit verunsichert. Sie können weniger zuversichtlich ihre Zukunft planen. Und wie sieht es mit ihrer Lebensqualität im Hier und Jetzt aus? 
 

Jugendliche und junge Erwachsene sind gerade durch die Corona-Einschränkungen in ihrer natürlichen Entwicklung, ihren sozialen Bedürfnissen und in ihrem Lebensstil extrem eingeschränkt. Der Umgang mit Freundinnen und Freunden, die aktive Freizeitgestaltung, Reisen oder auch mal Feiern gehen – all das geht nicht oder nur sehr eingeschränkt und dann auch noch über einen ziemlich langen Zeitraum. Besonders einschneidend ist es natürlich, wenn einmalige Lebensereignisse, etwa der Schulabschluss oder der 18. Geburtstag, nun unter diesen Umständen begangen werden müssen. 

Schließlich machen alle Untersuchungen zum Verhalten und zur Haltung von Jugendlichen in Zeiten von Corona deutlich, dass sich viele Jugendliche nicht ausreichend wahrgenommen und gehört fühlten, unter anderem, weil sie nur in ihrer Rolle als Schülerinnen und Schüler gesehen wurden. 

Die Folgen der Pandemie werden maßgeblich von der jungen Generation getragen 

Was kann nun die Regierung tun, um etwaige negative Folgen der Pandemie für junge Menschen abzumildern?
 

Es kommt darauf an, dass die Situation junger Menschen bei der Bekämpfung der Pandemie eine wichtige Rolle spielt und junge Menschen auch gehört werden. Nicht zuletzt, weil die zur Bekämpfung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen notwendigen enormen finanziellen Investitionen maßgeblich von der jungen Generation getragen werden. 

Die Auswirkungen der Corona-Krise machen noch einmal deutlich, dass Jugendpolitik eine gesellschaftliche Gesamtaufgabe ist. Egal, ob Jugendhilfe oder Familienpolitik, ob Mietrecht oder Verkehrsentwicklung, ob Bildungs- oder Arbeitsmarktpolitik – Vorhaben und Entscheidungen in allen Politikfeldern können besondere Auswirkungen auf junge Menschen haben. Daher ist es wichtig, die Perspektiven der jungen Generation ressortübergreifend zu berücksichtigen. 

Und wie kann die gemeinsame Berücksichtigung jugendlicher Belange gelingen?
 

Mit ihrer Jugendstrategie hat die Bundesregierung ja bereits ihre gemeinsame Verantwortung für die junge Generation bekräftigt. Die Jugendstrategie wurde gemeinsam von allen Ressorts in der Interministeriellen Arbeitsgruppe Jugend entwickelt und dient einem ganzheitlichen jugendpolitischen Ansatz. Auch der vom Bundesjugendministerium geförderte Jugend-Check, der alle Gesetzesvorhaben auf ihre Auswirkungen auf junge Menschen überprüft, leistet hier einen wichtigen Beitrag.

Natürlich haben wir es zudem mit einer politischen jungen Generation zu tun, die in der momentanen Situation mitreden und mitgestalten will. Daher sind neue Wege für jugendgerechte Information und Erklärung von politischen Entscheidungen sowie Möglichkeiten zum Dialog und der wirksamen Mitbestimmung besonders wichtig. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nadine Salihi  

Mehr zur Jugendstrategie der Bundesregierung

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Referat 501 – Jugendstrategie, Eigenständige Jugendpolitik
Glinkastr. 24
10117 Berlin  
Telefon: 03018/ 555-0
E-Mail: jugendstrategie@DontReadMebmfsfj.bund.de
Internet: www.bmfsfj.de/jugendstrategie
und auf dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe: www.jugendhilfeportal.de/jugendstrategie/

Gesprächsreihe vom Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe

In unserer Gesprächsreihe fragen wir Schüler/-innen, Studierende, Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, Vertreter/-innen aus dem Bundesfamilienministerium sowie junge Menschen mit Fluchterfahrung, wie sie derzeit ihren Alltag erleben, welche Eindrücke und Wünsche sie haben. 

Das nächste Gespräch in unserer Reihe ist mit:
Florencia van Houdt, Referatsleiterin in der Generaldirektion für Bildung, Jugend, Sport und Kultur der EU-Kommission.

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