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Im Gespräch

Jugend und Corona – Wie gehen junge Menschen mit der Krise um?

Jugendlicher mit Atemschutzmaske vor Wand mit Graffitis
Bild: Orna Wachmann - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten wieder vermehrt mediale Urteile über eine ganze Generation gefällt wurden, werden wir exemplarisch genauer hinschauen. In einer Gesprächsreihe ist das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe mit jungen Menschen, Fachkräften und der Steuerungsebene im Dialog. Wir starten mit einem Gespräch mit Celina und Elias über ihre Eindrücke, Meinungen und Wünsche.

Jede Generation wächst unter anderen Rahmenbedingungen auf. Und nach diesen Bedingungen werden sie wie keine andere Altersgruppe kategorisiert und beurteilt: Generation X, Y oder Z, Generation Greta oder Corona. Wie ist diese Jugend? Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Wahrnehmung und Darstellung von jungen Menschen aus? Was sind Ansprüche, Herausforderungen und Ängste von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Celina Ost, eine 19-jährige Studentin, und Elias Kefalas*, ein 17-jähriger Schüler, geben uns Einblick in ihr Leben. Wie geht es jungen Menschen in der jetzigen Situation? Wie wird das Verhältnis zwischen den Generationen durch Corona beeinflusst?

Im Interview berichten Celina und Elias ganz persönlich über ihre Corona-Erfahrungen. Celina studiert Jura in Hamburg. Normalerweise wäre sie die meiste Zeit unterwegs, da sie zwischen Städten und Ländern hin und her pendelt. Sie engagiert sich ehrenamtlich, bringt sich bundesweit in jugendpolitische Prozesse ein und hat bereits eine gemeinnützige Stiftung gegründet. Elias geht in die 12. Klasse auf ein Gymnasium in Potsdam, hätte ohne Corona regelmäßig zu Tischtennisturnieren eingeladen und würde tagtäglich seine Freunde treffen – unterwegs und zuhause. All diese Normalitäten werden bereits seit einigen Monaten auf die Probe gestellt. Wir fragen Elias und Celina nach ihrer Perspektive. 

„Es gibt nicht die eine Jugend“

Eine ganze Zeit lang wurden Jugendliche als die sogenannten „Superspreader“ dargestellt. Zuletzt hatte sogar Kanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich bei einer Pressekonferenz an die Jugend appelliert, jetzt doch lieber Mal auf Partys zu verzichten. Stimmt das Bild einer feierwütigen Jugend, die nicht an die anderen denkt? 
 

Elias: Jeder möchte natürlich Freunde treffen. Besonders wenn man nach der Schule sowieso nur mit Leuten etwas unternimmt und sich trifft, mit denen man auch zur Schule geht. Dort sitzen wir auch nebeneinander und stehen zusammen auf dem Schulhof. Dann ist es schon in gewisser Weise unfair, wenn man in der Schule ohne große Sicherheitsmaßnahmen nebeneinander ist, aber am Nachmittag in der identischen Gruppe dumm angeguckt wird. Ich muss auch sagen, dass wir die Sicherheitsmaßnahmen respektieren, obwohl wir nicht glücklich darüber sind. Ich denke, jeder der ein bisschen was im Kopf hat, ist sich der momentanen Situation bewusst und weiß auch, dass man Rücksicht nehmen muss. Allerdings hat auch jeder Mensch Bedürfnisse. Man braucht auch einen Ausgleich von der stressigen Zeit in der Schule. 

Celina: Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass man nicht von der einen Jugend sprechen kann. Jugend ist eine Lebensphase, in der sich viele, ganz verschiedene Individuen befinden. In meinem Umfeld sind die meisten jungen Leute momentan sehr vorsichtig. Viele wohnen auch noch bei ihren Eltern oder sogar Großeltern und wollen diese keinesfalls anstecken. Jedoch muss man auch bedenken, dass eine kleine, aber laute Gruppe an jungen Menschen nicht ganz unschuldig an dem Bild der „Superspreader“ ist. Gerade in den letzten Monaten sind viele Jugendliche zunehmend nachlässig geworden und haben sich in größeren Zahlen mit ihren Freunden getroffen. Das habe ich auch miterlebt. Viele junge Leute leiden sehr unter den Folgen der Pandemie. Zur Jugend gehört das Feiern gehen, Cornern [Jugendwort für „draußen in einer Ecke rumhängen, zusammen chillen und etwas trinken“; Anm. der Redaktion] und Freunde treffen dazu. Studentenjobs sind nicht mehr da und die aktuelle Lernsituation in Universitäten ist belastend. Ich denke, dass die Situation mit weiteren Lockdowns nicht unbedingt entspannter wird. Das ist nicht nur ein Problem bei uns, auch die Älteren halten sich weniger an die Maßnahmen. Es liegt in der Pflicht jedes Einzelnen seine Kinder, Kollegen, Familien und Freunde, die eventuell nachlässig werden, darauf aufmerksam zu machen und an ihre Vernunft zu appellieren. 

„Für uns gibt es viele negative Konsequenzen“

Die Tageszeitungen haben eine Kehrtwende gemacht und berichten nun von der „Generation Corona“. Sie schreiben, dass nichts normal ist für die Jugend derzeit. Eine "Generation Corona" wächst heran - mit negativen Folgen für die Jugend und ihre Zukunft, sagen sie. Wie seht Ihr das?
 

Celina: Ich denke, die negativen Folgen sind unübersehbar. In den Universitäten fallen massenhaft Kurse aus. Die können auch über digitale Lösungen nicht aufgeholt werden. Es ist auch nicht das Gleiche. Es ist einfach anders, den ganzen Tag allein am Schreibtisch zu sitzen. Überall wird Social Distancing gepredigt und nach der Vorlesung einen Kaffee mit Kommilitonen zu trinken, geht auch nicht mehr. Die Situation ist von so viel Unsicherheit geprägt, dass es schwer ist, überhaupt motiviert und produktiv zu arbeiten und zu lernen. 
Viele spüren auch die Unsicherheiten bei ihren Eltern. Das ist für alle belastend. Vielleicht sind das auch nicht riesige Probleme, mit denen wir gerade zu kämpfen haben, aber aus meiner Sicht haben diese Dinge einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden.

Elias: Ich stimme da absolut zu. Ich denke, dass es viele negative Konsequenzen für uns gibt. Ich würde zum Beispiel gerne nach diesem Schuljahr eine Zeit im Ausland verbringen, um Erfahrungen zu sammeln und auch mal etwas anderes zu machen außer Bulimielernen. Allerdings gehe ich nicht mehr davon aus, dass das klappen wird. Außerdem betrifft mich als Abiturient auch das Problem, dass die Vorbereitung der Prüfungen sehr löchrig ist. Manche Themenbereiche sollen gestrichen werden. Und das macht es noch schlimmer, da bei mir zum Beispiel in Mathe die Stochastik aus dem Abiturlernplan gestrichen wurde. Diese fiel mir aber sehr leicht im Vergleich zu Themen wie Analysis. Man sollte, finde ich, Umfragen machen und die Mehrheit der Schüler entscheiden lassen, welche Themenbereiche gestrichen werden. 

„Herausforderungen stellen sich für Jung und Alt“

Nehmt ihr ein Spannungsfeld wahr zwischen den Bedürfnissen der jungen Menschen und denen der restlichen Gesellschaft? 
 

Elias: Absolut, junge Menschen wünschen sich Freiheit, Unabhängigkeit und wollen Erfahrungen sammeln. Das ist alles sehr schwierig zurzeit. Das kommt aber vor allem bei der älteren Generation nicht gut an. Wir haben Ziele, die die Älteren schon erreicht und erlebt haben. Leider hat man nur eine gewisse Zeit in seinem Leben. Wenn einem diese Zeit genommen wird, führt das natürlich zu Unzufriedenheit. Ich kann beide Seiten gut verstehen und finde es sehr schwer, einen Kompromiss zu finden. 

Celina: Tatsächlich glaube ich, dass alle gerade ähnliche Probleme und Herausforderungen haben. Es gelten ja für alle die gleichen Regelungen und Maßnahmen. Alle haben irgendwelche Probleme, bei denen ich nicht erkennen kann, welche schwerer wiegen. Auch was Feiern und Beschränkung von sozialen Kontakten angeht, sehe ich keine großen Unterschiede. Abgesagte Kulturveranstaltungen betreffen sowohl Jung als auch Alt. Natürlich scheint es im ersten Moment so, als ob Jugendliche in Bezug auf das Corona-Virus weniger gefährdet wären. Jedoch denke ich, dass wir jungen Menschen ruhig zutrauen können, dass sie sich sowohl um ihre als auch um die Gesundheit ihrer Mitmenschen kümmern. 

„Online-Unterricht ist noch nicht gut genug“

Das Digitale gehört mit zum Alltag, doch wie hat sich der Einfluss des Digitalen auf eure Leben verändert? Wie fühlt es sich für euch an, zurzeit so viel auf digitale Medien angewiesen zu sein, um in Kontakt zu bleiben? 
 

Celina: Ich muss zugeben, dass ich mich an diese Überflutung von digitalen Angeboten erst einmal gewöhnen muss. Natürlich habe ich digitale Medien auch vor Corona genutzt. Jedoch ist meine Aktivität drastisch gestiegen. Auch ich gehöre zu den „Quarantäne Tik-Tokern“ die sich die App in den letzten Monaten heruntergeladen haben und sie jetzt nicht mehr löschen können. Ein weiterer Punkt ist das Arbeiten unter Covid-Bedingungen. Zum Glück musste ich mich dort weniger umstellen. Meine Arbeit läuft schon seit Gründung der Stiftung vollständig digital, so dass ich mich schon an virtuelle Meetings gewöhnt hatte. 
Das Lernen habe ich aber ganz anders aufgefasst. Gerade auch das Jurastudium stößt dabei an Grenzen. Wir leben praktisch in unseren Bibliotheken und digitalisiert wurde in den letzten Jahren leider kaum etwas. Alle versuchen tapfer mit der Situation umzugehen. Der Spaß am Unileben geht jedoch schnell verloren. Das ist auch ein Grund, warum so viele meiner ehemaligen Kommilitonen abgebrochen haben. 

Elias: Für mich persönlich war das keine sehr große Umstellungen. Ich setze mich in meiner Freizeit auch mit digitalen Medien auseinander. Es war für mich eine sehr spannende und auch positive Erfahrung von zuhause Homeschooling zu betreiben, wenn es mal stattfand. Der Online-Unterricht war aber leider auf keinem guten Niveau. Es gab Lehrer, die zu viele Aufgaben verteilt haben und andere haben es nicht mal hinbekommen, eine Aufgabe hochzuladen. Wenn das noch besser gemacht wird, ist Online-Unterricht für mich eine positive Sache und bereitet auf die Digitalisierung und den Umgang damit gut vor.

„Manche Erfahrungen lassen sich nicht nachholen“

Habt ihr das Gefühl, dass ihr möglicherweise wegen Corona Erfahrungen verpasst, die ihr nicht nachholen könnt? 
 

Celina: Ja! Eigentlich hatte ich geplant, das Wintersemester in Nordspanien zu verbringen. Das ist bereits vor dem Sommer abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Gerade ein Auslandssemester war für mich immer eine der Sachen, auf die ich mich im Rahmen meines Studiums am meisten gefreut habe.  
Außerdem bin ich seit Jahren engagiert und besuche viele Veranstaltungen, wo ich viele spannende Menschen kennenlerne. Fast alle Veranstaltungen wurden abgesagt oder digitalisiert. Das gesamte analoge Netzwerken geht für mich dabei verloren. 
Ein anderer Punkt ist, dass meine Familie zum Teil auch im Ausland lebt. Zurzeit kann ich nicht problemlos dorthin reisen. Das ist für mich persönlich eine der größten Einschränkungen. 

Elias: Natürlich, ein Beispiel wäre der Sommerurlaub mit Freunden, welcher wegen Corona nicht stattfand. Wenn ich in die Zukunft schaue, mache ich mir besonders um die Abi-Fahrt und den Abi-Ball sorgen. Wir haben auch momentan keine Möglichkeiten, dafür Geld zu sammeln. Es wäre sehr schade, wenn Veranstaltungen, die auch als Abschied von Freunden gedacht sind, nicht stattfinden. 

Gemeinsam durch die Krise – Selbstständiger werden

Neben den Dingen, die ihr für euch geplant hattet, haben sich wegen Corona für euch vielleicht auch neue Wege ergeben, oder? Was sagt ihr, hat die Krise auch etwas Gutes?
 

Elias: Ich glaube, das einzig Positive ist, dass ich selbstständiger geworden bin, da man weniger Personen hatte, die man direkt um Hilfe bitten konnte. Außerdem habe ich gelernt, wie man sich auch zuhause sportlich betätigen kann. Ansonsten ist da nicht viel, was mir einfällt.

Celina: Neben vielen Nachteilen hat sich für mich ein großer positiver Effekt abgezeichnet. Lösungen wie Homeoffice oder -schooling waren lange schon überfällig. Die letzten Monate haben gezeigt, das digitales Arbeiten und Lernen möglich ist. 
Aber der wohl größte Vorteil ist der soziale Zusammenhalt und die Unterstützung von allen Seiten. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Vor allem auf Social Media Plattformen haben viele User Mut gemacht und auch gezeigt, dass jeder mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat. Ich glaube, wir haben alle in den letzten Monaten gelernt, dass man Krisen nur gemeinsam überwinden kann. 

*Name von der Redaktion geändert 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nadine Salihi  

Gesprächsreihe vom Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe

In unserer Gesprächsreihe fragen wir Schüler/-innen, Studierende, Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, Vertreter/-innen aus dem Bundesfamilienministerium sowie junge Menschen mit Fluchterfahrung, wie sie derzeit ihren Alltag erleben, welche Eindrücke und Wünsche sie haben. 

Das nächste Gespräch in unserer Reihe ist mit:
Immanuel Benz aus dem Bundesjugendministerium, Referat Jugendstrategie, Eigenständige Jugendpolitik

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