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Erfahrungsbericht

Über Online-Vorlesungen und das Studentenleben im Lockdown

Hörsaal
Bild: © Rockstar0815 - Fotolia.com

Im Rahmen der Reihe „Jugend im Shutdown“ des Pressenetzwerks für Jugendthemen, berichtet die Studentin Marta Mauelshagen über ihre Erfahrungen in der Corona-Zeit während ihres Studiums in den Niederlanden – von Online-Vorlesungen, geplatzten Auslandsaufenthalten und dem Stundentenleben im Lockdown.

Hallo! Ich bin Martha Mauelshagen aus Bonn, Deutschland. Zurzeit studiere ich International Communication in den Niederlanden in der Stadt Groningen. Mein Alltag hat sich über Nacht radikal verändert, weil die Universitäten mit dem ersten Lockdown Anfang März geschlossen wurden.

Niemals hätten wir Studierenden gedacht, dass sich die ganze Welt wegen Corona im Ausnahmezustand befinden wrid. Auch die öffentlichen Orte, an denen ich mich in meiner Freizeit aufgehalten habe, wie Cafés, Bars, Bibliotheken und Fitnessstudios wurden geschlossen. Die sonst so belebte Studentenstadt ähnelte einer Geisterstadt und die Atmosphäre war beklemmend. Innerhalb einer Woche hat sich meine Universität auf Homeschooling umgestellt, sodass Vorlesungen und Seminare weiterhin, aber nun online, stattfinden konnten. Statt von morgens bis abends unterwegs zu sein, auf dem Campus, mit Freunden oder beim Sport, habe ich die meiste Zeit in meiner WG verbracht. Das Highlight des Tages war ein Spaziergang durch die nahegelegenen Felder oder der Gang zum Supermarkt.

Der Ausnahmezustand hat uns zusammengeschweißt

Die ersten Wochen haben sich wie eine ganz merkwürdige Art von Ferien angefühlt und dabei richtig produktiv zu werden war nicht die einfachste Aufgabe. Nach einiger Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt und mir meine eigene Struktur geschaffen. Die meisten Dozenten waren sehr verständnisvoll und haben sich regelmäßig nach unserem Wohlbefinden erkundigt und betont, dass die aktuelle Situation für alle ein absoluter Ausnahmezustand sei. Zu wissen, dass sich die ganze Welt in derselben Situation befindet hatte auf mich, und ich glaube auch viele andere, eine beruhigende Wirkung und hat uns trotz „social distancing“ auf eine Art und Weise doch zusammengeschweißt.

Das Jahr 2020 hat für mich damit begonnen mein drittes Studienjahr, bestehend aus Pflichtpraktikum und Auslandssemester, zu planen. An meinem 23. Geburtstag (20. Februar) habe ich die Nachricht erhalten, dass ich an der Uni in Cuernavaca, Mexiko angenommen wurde, um dort 2021 mein Auslandssemester anzutreten. Das war das wohl beste Geschenk, was mir jemand hätte machen können! Mein Geburtstag war in diesem Jahr an Weiberfastnacht – der Übergangstag vom Sitzungskarneval zum Straßenkarneval – was vor allem im Raum Köln/Bonn unübersehbar gefeiert wird. Zu dem Zeitpunkt haben wir noch unbesorgt und ohne Mindestabstand miteinander gesungen und getanzt. Ein perfekter Tag und heute unvorstellbar.

Vorlesungen bis auf weiteres online

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Am 12.03.2020, genau drei Wochen später, zurück in Groningen, wurde die vorübergehende Schließung unseres Campus verkündet. Wie es nun weitergeht, weiß keiner. 16.03.2020, Gastronomie, Sporteinrichtungen und sämtliche öffentliche Orte sind gezwungen ihre Türen auf unbestimmte Zeit zu schließen. Die Menschen werden panisch und kaufen die Regale im Supermarkt leer. Hygieneartikel wie Toilettenpapier und haltbare Lebensmittel wie Nudeln und Konserven werden über Nacht zur Mangelware. Am 20.03.2020 gibt unsere Universität bekannt, dass sämtliche Veranstaltungen ab dem 23.03.2020 bis auf weiteres online stattfinden werden. Ob und inwiefern Klausuren stattfinden werden, bleibt unbekannt.

Täglich werden neue Infektions- und Todeszahlen veröffentlich. In den Medien wird über mögliche Grenzschließungen spekuliert und der öffentliche Verkehr, vor allem der Flugverkehr, werden drastisch eingeschränkt. Groningen, eine Stadt in der zu einem großen Teil internationale Studenten wohnen, wird immer leerer. Viele reisen aus Angst zurück in ihr Heimatland, um im Falle eines Lockdowns bei der Familie zu sein.

Keine Ahnung wie meine Zukunft aussieht

Ende März, ich befinde mich noch immer in den Niederlanden, gemeinsam mit meinen drei Mitbewohnerinnen. Ohnmächtig verfolgen wir die Nachrichten und versuchen gleichzeitig in dem ganzen Wahnsinn einen „normalen“ Alltag zu entwickeln. Wir nehmen an den Vorlesungen und Seminaren teil und befolgen einfach die Anweisungen unserer Dozenten. Es fühlt sich paradox an, Recherche zum Thema „Interne Unternehmenskommunikation“ zu führen während um einen herum die ganze Welt auseinanderbricht.

Nebenbei müssen wir uns für Praktika bewerben, damit es im September planmäßig weitergeht für uns Studenten. Allerdings haben die meisten Unternehmen logischerweise ganz andere Sorgen als sich Bewerbungsschreiben durchzulesen. Von den ursprünglichen Ambitionen, das Praktikum in England zu absolvieren verabschiede ich mich. Nachdem ich entweder gar keine Antwort oder eine Absage bekomme, wäre ich froh um jeden Platz. Monate lange habe ich keine Ahnung, wie meine unmittelbare Zukunft aussehen wird. Meine Universität bietet zwar Alternativen, allerdings sind diese wenig zufriedenstellend und nicht wirklich darauf bedacht, die beste Lösung für uns Studenten bereitzustellen.

Quelle: Der Beitrag von Marta Mauelshagen wurde vom Pressenetzwerk für Jugendthemen e.V. in der Reihe „Jugend im Shutdown“ veröffentlicht am 29.09.2020

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