Kinder- und Jugendpolitik / Kinder- und Jugendarbeit

„Es geht um nicht weniger als einen Kulturwandel“ – Interview mit Jan Holze (dsj) zur Jugendpolitik

Interviewpartner Jan Holze vor einer Wand mit dem Logo der Deutschen Sportjugend
Bild: © Deutsche Sportjugend (dsj)

Jan Holze reflektiert im Gespräch mit der Arbeitsstelle Eigenständige Jugendpolitik – jugendgerecht.de aus Sicht der Deutschen Sportjugend (dsj) die Erwartungen an die Jugendpolitik auf Bundesebene und unterstreicht den notwendigen Kulturwandel bei allen Akteur(inn)en in der Bundespolitik.

Die gemeinsame Jugendstrategie der Bundesregierung wurde im Dezember 2019 beschlossen. Herr Holze, was sind Ihre Erwartungen an die Bundesregierung?

Kinder und Jugendliche sind alles in einem Schüler/-innen, Konsument(inn)en, Verkehrsteilnehmer/-innen, Vereinsmitglieder, ehrenamtlich Engagierte, Patient(inn)en, Steuerzahler/-innen und vieles mehr. Ganz egal, ob es um den Sportstättenbau, den Ausbau von Ganztagsschulen, die Rahmenbedingungen für Freiwilligendienste, den digitalen Alltag oder um Maßnahmen zum Klimaschutz geht, sie sind betroffen. Ihr Leben, ihre Wünsche und die manchmal besonderen Bedürfnisse aus der Lebensphase müssen in einer Gesellschaft, die ein gelingendes Zusammenleben organisieren will, ernst genommen werden. Für deren Unterstützung können nicht nur „die“ Jugendpolitik im engeren Sinne und Programme oder Budgets, die daran hängen, zuständig sein. Deswegen finde ich es absolut richtig, Jugendpolitik neu zu positionieren und das über Ressorts, also alle Bereiche des alltäglichen Lebens hinaus zu tun. Ich bedanke mich herzlich bei all denen, die sich dafür in den letzten Jahren eingesetzt haben, insbesondere für die Jugendstrategie.

Natürlich erwarte ich, dass die Jugendstrategie der Bundesregierung mehr als nur ein politischer Aufschlag ist. An dem Ansatz, Politik nicht über die Köpfe der jungen Menschen hinweg zu machen, muss sich die Bundesregierung künftig messen lassen. Und wenn man es zu Ende denkt, geht es dabei ja um nicht weniger als um einen Kulturwandel bei allen Akteur(inn)en in der Bundespolitik. Die Vision ist, dass man bei allen Maßnahmen in der Bundespolitik daran denkt, Jugendinteressen einzuholen, zu berücksichtigen und somit die Ausgestaltung von Aktivitäten anzupassen. Unseren Beitrag, den wir als Jugendverbände und Organisationen mit viel ehrenamtlichem Engagement von jungen Menschen leisten können, erbringen wir gerne.

Welche Handlungsfelder und Schwerpunktsetzungen sieht die Deutsche Sportjugend für sich als jugendpolitische Akteurin?

Für die Deutsche Sportjugend als nationaler Dachverband ist es eine Kernaufgabe, junges Engagement zu fördern. Wir erleben, dass Sport im Verein für junge Menschen attraktiv ist, es gehört zur Alltagskultur. Die nahezu 10 Millionen Mitgliedschaften von Kindern und Jugendlichen in den Vereinen belegen, dass junge Menschen im Sport vielfältige Erlebnisse und (Frei-)Räume für die Bewältigung von Entfaltungs- und Entwicklungsaufgaben finden und viele auch den Wunsch haben, dabei zu sein, das Vereinsleben mitzugestalten und weiterzuentwickeln. Wir wollen zusammen mit unseren Mitgliedsstrukturen Plattformen für die laufende Reflexion und Qualifikation von jungen, ehrenamtlich engagierten Menschen bieten. Innerhalb der Sportverbände unterstützen wir dabei, die Jugendvertretungen zu stärken. Das ist zum Beispiel ein starkes jugendstrategisches Moment, denn im Politikfeld Sport werben wir für Jugendbeteiligung und -struktur. Das sind immer wieder Aushandlungsprozesse in großen Verbänden.

Wir können aber auch allen anderen Feldern der Jugendstrategie unsere dsj-Schwerpunktsetzungen zuordnen. Eben habe ich schon das Feld „Beteiligung und Engagement“ genannt. Zum Jugendstrategiefeld „Vielfalt und Teilhabe“ passt z.B. unser Schwerpunkt, den wir „Sport mit Courage“ nennen. Unter diesem Motto fassen wir unsere Aktivitäten der Extremismusprävention im Sport und die Stärkung demokratischer Kultur in Sportvereinen zusammen. Nahe liegt uns natürlich auch der Bereich „Gesundheit“. Junge Menschen wollen fit sein und die Jugendarbeit im Sport leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung. Durch Bewegung und Sport kann die körperliche, emotionale und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefördert werden. Gleichzeitig bewirken Bewegung und Sport eine präventive Gesundheitsförderung, ohne dass der Gesundheitsaspekt dominiert. Lebensfreude und Spaß durch Selbstwirksamkeits- und Erfolgserlebnisse prägen diesen gesundheitsorientierten Ansatz, und an diesem Punkt möchte ich betonen: eine Arbeit in diesem Bereich gehört nicht nur in die Schublade „Gesundheitspolitik“. Hier muss wieder ein Denken im Sinne der Jugendstrategie einsetzen, welches eben nicht nur in die eine Richtung funktioniert.  

Die Deutsche Sportjugend bewegt sich mit ihren Themen traditionell in mehreren politischen Ressorts. Was könnte sich eine ressortübergreifende Jugendpolitik von der Sportjugend abschauen?
 
Auch wenn nicht „Jugendpolitik“ draufsteht, kann Jugendrelevanz, Jugendstrategie oder Jugendgerechtigkeit drinstecken. Jungen Menschen Gehör zu verschaffen und sie in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen, ist seit jeher eine Zielsetzung von uns, von der Bundesebene über die Mitgliedsorganisationen bis hin zur Basis. Mit unseren Aktivitäten und Themen bewegen wir uns in der Umweltpolitik, der Innenpolitik, der Gesundheitspolitik, der Sportpolitik, der Kulturpolitik, der Bildungspolitik, der Sozialpolitik, und als Jugendverband tun wir dies logischerweise für Kinder und Jugendliche. Ich finde, wir könnten alle etwas mehr versuchen, uns in die Logik von anderen Politikfeldern reinzudenken – dazu gehört auch immer branchenspezifischer Jargon. Vielleicht erkennen wir dann die Jugendrelevanz in vielen Feldern besser und kommen dem Ziel näher, auch in anderen Feldern davon zu überzeugen, dass es richtig ist, mehr mit und für Jugend zu agieren.

Zur Person: Jan Holze, Jurist, seit 2016 ist er ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Sportjugend (dsj), nachdem er zuvor seit 2010 stellvertretender Vorsitzender der dsj war. Als Vorsitzender der dsj ist er gleichzeitig Mitglied des Präsidiums des Deutschen Olympischen Sportbundes. In seinem Hauptamt ist er Geschäftsführer der Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern.

Weiterführende Informationen

Eigenständige Jugendpolitik bezeichnet einen Politikansatz, der die Interessen und Bedürfnisse von jungen Menschen zwischen 12 und 27 Jahren in den Mittelpunkt ressortübergreifenden politischen Handelns stellt. Weiterführende Informationen sind auf www.jugendgerecht.de zu finden.

Informationen zu Hintergründen, Bausteinen und Arbeitsweisen der Jugendstrategie der Bundesregierung finden sich unter www.jugendhilfeportal.de/jugendstrategie

Die Broschüre zur Jugendstrategie „In gemeinsamer Verantwortung - Politik für, mit und von Jugend“ (PDF, 6,5 MB) steht als Download beim Bundesjugendministerium bereit.

Quelle: jugendgerecht.de – Arbeitsstelle Eigenständige Jugendpolitik

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