Kindertagesbetreuung / Digitalisierung und Medien

Medienbildung in Kitas – Was muss passieren?

Ein kleiner Junge benutzt mit großer Aufmerksamkeit ein Tablet
Bild: NadineDoerle - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Medien sind in der kindlichen Lebenswelt allgegenwärtig. Daher sind sich Medienpädagog(inn)en einig, dass Kinder bereits in der Kita auf ihre technologisierte Zukunft vorbereitet werden müssen. Um den Grundstein für entsprechende Kompetenzen bereits in der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte zu legen, bedarf es struktureller Veränderungen auf politischer Ebene. Studierende der TH Köln haben sich mit dem Thema Medienbildung beschäftigt und veröffentlichen ihre Ergebnisse in dem folgenden Beitrag.

Fernseher, Konsole, Laptop und Smartphone – nicht nur, da Kinder so viel Zeit mit elektronischen Medien verbringen, sondern auch der gesetzliche Bildungsauftrag von Kindertagesstätten begründet die Etablierung der Medienpädagogik im Elementarbereich. Das SGB VIII (SGB VIII, § 22) fordert Kitas beispielsweise auf, die Erziehung und Bildung in der Familie zu unterstützen und zu ergänzen. In einer mediatisierten Lebenswelt, in der Lernprozesse mehr und mehr medial durchdrungen sind, Eltern diese aber nicht gleichermaßen fördern, ist die Ergänzung von Erziehung durch Medienerziehung daher unumgänglich.

Eigenverantwortlichkeit und Partizipation sind dabei zwei wichtige Schlüsselkompetenzen, die auch im Bereich der Mediennutzung von Bedeutung sind.  Um Kinder und Jugendliche zu einer für sie positiven Mediennutzung zu befähigen, ist es wichtig, nicht nur Medienkompetenzen zu vermitteln, sondern den Grundstein für eine reflektierte Haltung zu Medien in Bezug auf die eigene Medienbiografie auszubilden. Dieser Prozess wird als Medienbildung bezeichnet (Baacke 2007).

Doch inwieweit findet die Medienbildung im Alltag der Kinder, in Bildungsinstitutionen und auf gesellschaftlicher Ebene Beachtung? Eine Spurensuche durch die drei Ebenen soll einen Überblick geben und Handlungsbedarfe aufzeigen.

Der Medienalltag von Kindern: Die Mikroebene

Nicht nur ein Blick in die deutschen Wohnzimmer zeigt: Fernseher, Konsole, Laptop und Smartphone sind allgegenwärtig. Laut der miniKIM-Studie (PDF, 2,8 MB) von 2014 sind diese Medien in so gut wie jedem Haushalt (95-99%) vorhanden. Nahezu jedes Kind kann somit schon medial teilhaben. Dies spiegelt sich auch im Nutzungsverhalten wider: Mindestens einmal in der Woche schauen 68% der 2 bis 3-Jährigen sowie 89% der 4 bis 5-Jährigen Fern. Das Fernsehen ist auch das Leitmedium (favorisierte Medium) der Kinder. Zudem nutzen insgesamt 42% der 4 bis 5-Jährigen mindestens einmal wöchentlich Konsolen, Computer und Smartphones.

Forschungen zeigen, dass die Nutzung von Medien einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Kindern nimmt. Einfluss nehmen Medien z.B. auf die Struktur ihres Tagesablaufs (vgl. Charlton/Neumann 1990). Gemeint sind damit tägliche Rituale, wie das abendliche Vorlesen der Eltern, das Hörspiel zum Einschlafen oder die halbe Stunde mit der Computerspiel-App am Nachmittag. Von besonderer Bedeutung ist auch die soziale Funktion von Medien, da Kinder über Medien in die Interaktion mit Eltern, Geschwistern, Freunden wie auch mit ihren Erzieher(inne)n treten.

Medien helfen Kindern auch, noch unbekannte Themen und Sachverhalte zu verstehen und sich diese anzueignen (vgl. Charlton/Neumann, S.152f). Zudem können Medien die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben unterstützen (vgl. Tillmann/Hugger 2014, S.31). So wählen die Heranwachsenden zum Beispiel mit Vorliebe die symbolischen Themen und Inhalte aus, welche in der jeweiligen Lebensphase von Bedeutung für ihre Persönlichkeitsentwicklung sind (vgl. Bachmair 2009, S.179). Sie bearbeiten Themen wie Macht und Ohnmacht oder Stärke und Schwäche. Mediale Begleiter(innen) helfen Kindern zudem, sich zu orientieren und den Alltag oder aktuelle Problemlagen symbolisch zu bewältigen (vgl. Paus-Hasebrink u.a. 2004). Kinder fantasieren sich beispielsweise in Held(inn)en, die stark sind oder das Leben mit Witz und Schläue meistern. Insbesondere in Kinderfilmen erleben Kinder ihresgleichen oftmals stark und mächtig – ganz anders als in der Realität, wo sie gesagt bekommen, was sie wann und wo mit wem zu tun haben und sich zum Teil eher ohnmächtig erleben.

Medien sind damit zu einem selbstverständlichen Teil der kindlichen Lebenswelt und zu einem nicht wegzudenkenden Begleiter für Kinder geworden. Der Medienpädagoge und Erziehungswissenschaftler Norbert Neuß spricht in diesem Zusammenhang von Kindern als „aktive Rezipienten“ (Neuß 2013, S.35): Die Medien prasseln nicht nur auf sie ein, sondern werden durch sie interpretiert, reflektiert und verändert.

Medienpädagogik in Bildungsinstitutionen: Die Mesoebene

Die Frage ist, in welcher Form pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten den Medienalltag von Kindern aufgreifen. Laut einer Umfrage der Stiftung „Haus der kleinen Forscher” begleiten fast die Hälfte (47,9%) aller Erzieher(innen) die Kinder nie bei der Nutzung von digitalen Geräten. Auch die andere Hälfte integriert diese nur unregelmäßig in den Kitaalltag, lediglich 1,6% der Fachkräfte geben eine tägliche Begleitung bei der Mediennutzung an. Dies liegt zum einen an der mangelhaften technischen Ausstattung: Die meisten Kitas verfügen lediglich über eine digitale Geräteart und fast 30% besitzen sogar kein einziges Gerät. Zum anderen geben 78,2% der Fachkräfte an, in ihrer Institution kein verbindliches Konzept für den Einsatz von und den Umgang mit Medien zu haben.

Schaut man sich die Ausbildungs- und Studieninhalte angehender Fachkräfte an, ist die seltene Mediennutzung in der pädagogischen Praxis nicht verwunderlich. Medienpädagogik wird kaum bis gar nicht gelehrt bzw. besteht oft als unverbindliches Wahlfach. Auch der zeitliche Umfang ist nicht einheitlich geregelt. Folglich gehen viele pädagogische Fachkräfte in die Praxis, ohne sich jemals mit dem Thema Medienbildung auseinandergesetzt zu haben. So ergab auch eine Recherche zu Studiengängen, dass an nur 51 von 426 deutschen Hochschulen eine Professur oder ein Lehrstuhl im Bereich der Medienpädagogik vorhanden ist (vgl. Knaus/Meister/Tulodziecki 2017, S.8).

Medienbildung als gesellschaftliche Aufgabe: Die Makroebene

Die Bildungspläne für frühkindliche Bildung in den verschiedenen Bundesländern stellen eine Grundlage für die pädagogische Praxis dar. Die Fachkräfte finden Orientierung in den darin enthaltenen Bildungsgrundsätzen. Die Medienbildung findet allerdings nicht in allen Bildungsplänen Beachtung, teils wird sie nicht explizit genannt oder lediglich in andere Bildungsbereiche integriert (vgl. Neuß 2014, S.15). Medienbildung stellt nur selten einen eigenständigen Bildungsbereich dar.

Eine professionelle medienpädagogische Arbeit in Kitas bedarf einer detaillierteren und praxisorientierten Ausarbeitung der Bildungspläne. Viele Fachkräfte stehen zudem vor dem Dilemma, die Bildungsgrundsätze mit medialen Inhalten umsetzen zu müssen, ohne sich jemals mit Medienpädagogik in ihrer Ausbildung beschäftigt zu haben. Es erfordert ein hohes Maß an Eigeninitiative, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Best-practice-Projekte, Handlungsempfehlungen, Fortbildungen, aber auch die Kooperation mit Medienpädagog(inn)en können die Fachkräfte hierbei unterstützen. Auf eine Vielzahl von Angeboten weisen die medienpädagogischen Datenbanken der einzelnen Bundesländer hin, wie zum Beispiel das Medienkompetenzportal NRW.

Die GMK liefert Lösungsansätze

Um die Verantwortung nicht nur in die Hände der einzelnen Fachkräfte und Träger zu legen, hat die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur das Positionspapier „Kinder im Mittelpunkt: Frühe Bildung und Medien gehören zusammen“ veröffentlicht, in dem Forderungen für strukturelle Veränderungen auf politischer Ebene aufgestellt sind. Darin wird deutlich, dass Medienbildung als Querschnittsaufgabe angesehen werden muss und entlang der gesamten Bildungskette zu verankern ist.

Eine individuelle Ausgestaltung des Kita-Konzepts bildet das Grundgerüst für eine gelingende Umsetzung der Medienpädagogik. Gerade in der Anfangsphase sollte eine professionelle Unterstützung – unter anderem durch ausgebildete Medienpädagog(inn)en in multikompetenten Teams – bereitgestellt werden. Die neu aufgestellten Qualitätsstandards sollten dann in ihrem Prozess immer wieder evaluiert und hinterfragt werden. Medienbildung sollte daher auch in die Organisationsentwicklung integriert werden. In technischer Hinsicht bedarf es zusätzlich einer sorgfältigen Ausstattungs- und Supportplanung.  Auch die Eltern der Kinder sollten in den Prozess der Medienbildung einbezogen werden. Im Sinne einer Bildungspartnerschaft dienen die Eltern als Expert(inn)en für ihre Kinder und sind für die medienbezogene Eltern- und Familienbildung unabdingbar.

Aktiv werden – Engagement der Fachkräfte

Eine Möglichkeit für pädagogische Fachkräfte, Medienbildung in Kitas zu fördern, ist sich fachpolitisch zu engagieren. Dazu zählen auch die Verbreitung und Diskussion medienpädagogischer Inhalte und deren Bedeutung unter Kolleg(inn)en und beteiligten Akteur(inn)en, der Aufbau von und die Mitwirkung an Arbeitsgruppen sowie eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Je mehr Personen sich dieser Aufgabe bewusst werden und annehmen, desto mehr Aufmerksamkeit erhält das Thema und kann schneller politische Ebenen erreichen, um letztendlich strukturelle Veränderungen zu bewirken.

Autor(inn)en: Bianca Kappelmann, Justus Lohkemper und Nicola Winterhoff

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Köln im Studiengang Pädagogik und Management in der Sozialen Arbeit (Master) entstanden. Die Studierenden haben sich über ein Semester mit den Herausforderungen der Digitalisierung für die Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt und fassen ihre Ergebnisse in verschiedenen Beiträgen auf dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe zusammen.

 

Literatur

– Baacke, Dieter (2007): Medienpädagogik. Tübingen: Niemeyer.
– Bachmair, Ben (2009): Medienwissen für Pädagogen. Medienbildung in riskanten Erlebniswelten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
– Charlton, Michael; Neumann, Klaus (1990): Medienrezeption und Identitätsbildung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.
– Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (Hrsg.) (2017): Kinder im Mittelpunkt: Frühe Bildung und Medien gehören zusammen. Positionspapier der GMK-Fachgruppe Kita. Zugriff am: 13.02.2018 unter:  www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/gmk_medienbildung_kita_positionspapier.pdf
– Knaus, Thomas; Meister, Dorothee; Tulodziecki, Gerhard (2017): Futurelab Medienpädagogik: Qualitätsentwicklung – Professionalisierung – Standards. Thesenpapier zum Forum Kommunikationskultur 2017 der GMK. Zugriff am: 13.02.2018 unter: www.medienpaed.com/article/view/597
– Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2014): miniKIM 2014: Kleinkinder und Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 2- bis 5-Jähriger in Deutschland. Zugriff am: 12.02.2018 unter:   www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/miniKIM/2014/Studie/miniKIM_Studie_2014.pdf
– Neuß, Norbert (2013): Medienkompetenz in der frühen Kindheit. In: Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.): Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche. Eine Bestandsaufnahme. Zugriff am: 13.02.2018 unter: www.medienkompetenzbericht.de/pdf/Medienkompetenzfoerderung_fuer_Kinder_und_Jugendliche.pdf
– Neuß, Norbert (2014): Medienbildung in Kitas – Ein kritischer Überblick. Zugriff am: 19.01.2018 unter: www.soziales.bremen.de/sixcms/media.php/13/Vortrag_Norbert%2BNeuss.pdf
– Paus-Hasebrink, Ingrid; Neumann-Braun, Klaus; Hasebrink, Uwe; Aufenanger, Stefan (2004): Medienmarken - Medienkindheit. Untersuchungen zur multimedialen Verwertung von Markenzeichen für Kinder. Schriftenreihe der LPR Hessen. Bd. 18. München
– Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hrsg.) (2017): „Wie nutzen Erzieherinnen und Erzieher digitale Geräte in Kitas?“ – Eine repräsentative Telefonumfrage. Zugriff am: 08.01.2018 unter: www.haus-der-kleinen-forscher.de/fileadmin/Redaktion/3_Aktuelles/Presse/171213_Ergebnisse_zur_Telefonbefragung_Digitales.pdf
– Tillmann, Angela & Hugger, Kai-Uwe (2014): Mediatisierte Kindheit – Aufwachsen in mediatisierten Lebenswelten. In: Tillmann, Angela; Fleischer, Sandra; Hugger, K.-U. (Hrsg.): Handbuch Kinder und Medien. Wiesbaden: Springer.

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