Kinder- und Jugendarbeit / Demokratie

„Judasfeuer“ in Bayern – Brauchtum mit antisemitischem Einschlag

Brennende Streichölzer
Bild: © Stauke - Fotolia.com

Kurz vor Ostern werden in Teilen Bayerns sogenannte „Judasfeuer“ entzündet, die in einer antisemitischen Tradition stehen. Vielen Menschen, die die Feuer veranstalten oder daran teilnehmen, mag der antisemitische Hintergrund nicht bewusst sein. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS) regt mit einer Dokumentation dazu an, sich mit diesem Brauchtum auseinanderzusetzen.

Der Brauch, bei dem in Teilen Bayerns kurz vor Ostern teilweise Puppen in Menschengestalt verbrannt werden, dient der symbolisch-rituellen „Bestrafung“ der biblischen Figur Judas Iskariot für seinen Verrat an Jesus Christus. Judas Iskariot wird in antijudaistischer Tradition christlicher Prägung mit „den Juden“ identifiziert. Dies geht aus einer aktuellen Veröffentlichung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) hervor.

Gelegenheit, sich mit dem Brauchtum auseinanderzusetzen

„Aufgrund von Corona werden in diesem Jahr wohl kaum Judasfeuer stattfinden. Somit eine Gelegenheit, sich mit der antisemitischen Tradition der Feuer auseinanderzusetzen. Vielen Menschen, die die Feuer veranstalten oder daran teilnehmen mag der antisemitische Hintergrund des Judasfeuers gar nicht bewusst sein. Auf diese Leerstelle wollen wir aufmerksam machen", sagte RIAS-Bayern-Leiterin Dr. Annette Seidel-Arpacı.

Die „Judasfeuer“, die nicht mit traditionellen Osterfeuern zu verwechseln sind, konzentrieren sich auf die Gegend zwischen Donauwörth, Ingolstadt, Augsburg, Landsberg am Lech und München sowie Teile Unterfrankens. Dabei handelt es sich seltener um kirchliche Veranstaltungen. Ein Großteil der Feuer wird von christlichen Laien, oft Jugendlichen, die in örtlichen Vereinen organisiert sind, veranstaltet.

Ein „Judasfeuer“ im polnischen Pruchnik sorgte 2019 für weltweite Empörung, Anlass für die Recherche- und Informationsstelle hier weiter nachzuforschen. In Pruchnik wurde eine Puppe mit der Bezeichnung „Judas 2019“ verbrannt, die mit Hakennase und orthodox-jüdischer Kopfbedeckung und Haartracht entsprechend stereotyper antisemitischer Vorstellungen gestaltet war. Die „Judasfeuer“ in Bayern finden laut RIAS Bayern zwar nicht mit einer derartigen antisemitischen Markierung statt, gründen aber auf derselben Tradition. Noch im 20. Jahrhundert wurden in Bayern die Feuer teilweise „Jud“ oder „Judenfeuer“ genannt.

Die Broschüre „Das Judasfeuer - Ein antisemitischer Osterbrauch in Bayern“ findet sich im Bestellservice von RIAS Bayern.

Stimmen der katholischen Jugendverbände

Zu der vorgelegten Dokumentation kommentiert die KLJB-Landesseelsorgerin Julia Mokry aus Sicht des größten Landjugendverbands in Bayern:­ „Wir sind sehr dankbar für diese wertvolle Arbeit und sehr gute Recherche von RIAS Bayern. Sie enthält auch für uns neue Erkenntnisse zu einem völlig vernachlässigten Thema, das uns als kirchliche Jugendverbände in unserer Bildungsarbeit für Demokratie und Toleranz herausfordert. Wir sehen die Arbeit als sehr gute Anregung, auf antisemitische Ursprünge und bis heute vorhandene Symboliken von einigen Osterfeuer-Veranstaltungen hinzuweisen. Diese sind den Veranstaltenden und Gästen ganz überwiegend nicht bewusst.“
 
Julia Mokry sieht die Bildungsarbeit der kirchlichen Jugendarbeit und Verbände gefordert: „Wir sehen es auch als Mitglied der Bundes-Arbeits-Gemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus als unsere Pflicht an, unsere Gliederungen darauf aufmerksam zu machen und für jede örtliche Form jeweils passende Gespräche und Bildungsarbeit über Antisemitismus anzuregen.“
 
Jens Hausdörfer, Landesjugendseelsorger und Geistlicher Verbandsleiter des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Bayern, ist ebenfalls dankbar für die Veröffentlichung: „Die coronabedingten Absagen 2020 sind eine unfreiwillig gute Gelegenheit, diese Veranstaltungen zu überdenken, eigene christliche Traditionen kritisch aufzuarbeiten und über Antisemitismus aufzuklären. Als Folge wünschen wir uns, dass nur noch zum wertschätzenden Dialog der Religionen und Glaubensgemeinschaften passende Formen von Feuern um Ostern stattfinden. Die katholische Jugendarbeit ist dabei sehr aufmerksam und spielt eine sehr wichtige Rolle, in Stadt und Land weltliches Brauchtum, kirchliche Feiern und Gemeinschaft zu pflegen und mit einem klaren Bekenntnis für Demokratie und Toleranz zu verbinden.“

Über RIAS Bayern

RIAS Bayern nimmt Meldungen über antisemitische Vorfälle auf und unterstützt Betroffene von Antisemitismus in Bayern. Die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus ist beim Bayerischen Jugendring (BJR) angesiedelt und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales finanziert.

Quelle: Bayerischer Jugendring vom 01.04.2020 sowie Katholische Landjugendbewegung (KLJB) Bayern vom 01.04.2020

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