Hilfen zur Erziehung / Coronavirus

Careleaver e.V. fordert und bietet schnelle Hilfen für Careleaver in der Corona-Krise

Zwei Jugendliche mit bunten Armbändern halten sich den den Händen
Bild: Luisella Planeta Leoni - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Careleaver sind junge Menschen, die in der stationären Jugendhilfe aufgewachsen sind und sich im Übergang in ein eigenständiges Leben befinden. Wie bei allen jungen Menschen eine herausfordernde Phase, in der sie lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Während jedoch Gleichaltrige häufig bis Mitte 20 und darüber hinaus noch Unterstützung durch ihre Eltern erhalten, sind Careleaver schon sehr früh auf sich alleine gestellt. Viele von ihnen sind deshalb von den Auswirkungen der Corona-Krise besonders betroffen. Der Careleaver e.V. leistet schnell und unbürokratisch Hilfe und zeigt, was eine Selbsthilfeinitiative in einer solchen Krise leisten kann.

Auch Stephanie saß in einem der sogenannten Rückholflüge, die die Bundesregierung in den vergangenen Wochen nicht nur für Urlauberinnen und Urlauber, sondern auch für junge Menschen organisiert hat, die ihren Freiwilligendienst im Ausland absolvierten. Und obwohl sie es bedauert hat, den Freiwilligendienst vorzeitig beenden zu müssen, war Stephanie doch froh, einen Platz in einem der Rückholflieger ergattert zu haben. Doch während bei anderen Freiwilligen die Anspannung abfiel, sobald sie sicher im Flugzeug saßen, nahm bei Stephanie die Anspannung eher zu. Denn auf sie warteten keine besorgten Eltern, die sie am Flughafen erleichtert in die Arme schließen und ganz selbstverständlich mit nach Hause nehmen würden. Stephanie ist eine Careleaverin; seit ihrem 13. Lebensjahr lebt sie nicht mehr bei ihrer Familie. Daher wurde sie am Flughafen nicht von ihren Eltern erwartet, sondern lediglich von der Frage nach dem Wohin – denn die eigene Wohnung ist noch bis Ende August untervermietet.

Für Dr. Melanie Overbeck, 2. Vorsitzende des Careleaver e.V. und selbst Careleaverin, ist dies ein typisches Beispiel für die besondere Situation von Careleavern. „Niemand macht sich Gedanken darüber, was mit den jungen Menschen passiert, die vorzeitig zurückgeholt werden. Man geht ganz selbstverständlich davon aus, dass sie vorübergehend nach Hause zu ihren Eltern zurückkehren“.

Einsamkeit, Geldsorgen, Prüfungsangst – Careleaver sind besonders betroffen

Irene kann im Moment aufgrund der Beschränkungen nicht arbeiten. Seit Wochen sitzt sie allein in ihrer Wohnung – was ihr bleibt, sind Kontakte per WhatsApp. Eine Situation, von der im Moment sehr viele Menschen in Deutschland betroffen sind. Doch vielen Careleavern fehlt beim Übergang in die Selbstständigkeit ein soziales Netz, das ihnen Halt und Sicherheit gerade in schwierigen Zeiten geben kann. Viele leben alleine in einer kleinen Wohnung; durch die fehlenden familiären Strukturen sind sie ganz besonders von der sozialen Isolation betroffen. Manche befinden sich in psychologischer Behandlung; sind auf eine feste Struktur in ihrem Leben dringend angewiesen. Doch durch die Beschränkungen fallen sowohl die feste Tagesstruktur als auch die notwendige Behandlung weg.

Charlotte ist Studentin und sorgt sich vor allem um ihre finanzielle Situation. Als Studentin kann sie keine Kurzarbeit beantragen, ihr Studium finanziert sie jedoch über ihren Job. Was, wenn sie den nicht mehr ausüben kann? Für Careleaver, die sich noch in Ausbildung oder Studium befinden und nun aufgrund der Corona-Maßnahmen ihre Nebenjobs verloren haben, stellt die aktuelle Situation eine Existenzbedrohung dar. Junge Menschen, die in der stationären Jugendhilfe aufwachsen, müssen sich mit 75 Prozent ihrer etwaigen Einkünfte an den Jugendhilfekosten beteiligen und haben daher keinerlei Möglichkeit, finanzielle Rücklagen für Notfälle zu bilden. Auch insoweit fehlt ihnen im Gegensatz zu den meisten jungen Menschen die Rückendeckung ihrer Familie. Es gibt Niemanden, den sie bitten könnten, ihnen etwas Geld zu leihen oder bei dem sie vorübergehend unterkommen können.

Regina wird zurzeit noch in der Jugendhilfe betreut und bangt nun um ihr Abitur. Sie hat sich in der Vorbereitung sehr angestrengt und tut sich schwer damit, dass die Prüfungen nun ganz anders ablaufen als geplant. Die Verunsicherung ist groß und steigert ihre ohnehin schon große Prüfungsangst. Unter gar keinen Umständen möchte sie für den Abschluss länger brauchen als geplant. Denn für Kinder und Jugendliche, die in Pflegefamilien, Einrichtungen oder Wohngruppen aufwachsen, ist die Zeit in der Jugendhilfe endlich. Oftmals geht die Hilfe nicht über das 18. Lebensjahr hinaus; nur in wenigen Fällen wird sie bis zum Ende des Schulabschlusses oder der Ausbildung gewährt. Wenn Regina das Abitur in diesem Jahr nicht schafft, besteht die Gefahr, dass die Hilfe vor dem Abschluss beendet wird und sie die Hochschulreife ohne die finanzielle und soziale Unterstützung der Jugendhilfe erreichen muss.

Besondere Hilfen für besondere Herausforderungen erforderlich

Die genannten Beispiele machen deutlich, dass Careleaver in dieser besonderen Zeit nochmals deutlich mehr gefordert sind als Menschen, die in ihren Herkunftsfamilien aufgewachsen sind. Der Careleaver e.V. fordert daher, einen besonderen Fokus auf die Situation von Careleavern zu legen. Es ist Aufgabe von Politik und Verwaltung, dafür Sorge zu tragen, dass die jungen Menschen, deren Lebensweg ohnehin von prekären Startbedingungen geprägt ist, im Zuge der Corona-Pandemie nicht endgültig durch das soziale Netz fallen. So ist es in der aktuellen Situation wichtiger denn je, dass Careleaver über die stationäre Jugendhilfe hinaus Beratungs- und Unterstützungsangebote erhalten, die sie in dieser wichtigen Phase des Übergangs in die Selbstständigkeit begleiten und ihnen Halt geben können.

Zudem schließt sich der Careleaver e. V. den Forderungen der Studierendenwerke an, Unterstützungsleistungen für Studierende anzubieten, die auf ihre Minijobs angewiesen sind. Das Angebot der Politik, den Betroffenen Darlehen zur Verfügung zu stellen, ist hier wenig zielführend. Denn Careleaver, die versuchen, einen höheren Bildungsgrad zu erreichen, sind in der Regel ohnehin schon hoch verschuldet. Durch eine noch weitere Verschuldung würde die soziale Benachteiligung noch mal größer.

Nicht zuletzt bedarf es einer intensiveren Betreuung für diejenigen, die sich noch in der Jugendhilfe befinden, um einen gelungenen Übergang trotz der Ausnahmesituation in Schule und Ausbildung zu sichern. Wir erwarten von den Jugendämtern, dass Hilfen auch über das 18. Lebensjahr hinaus automatisch verlängert werden, wenn Hilfeplanziele aufgrund der Corona-Pandemie nicht in dem vereinbarten Zeitraum erreicht werden konnten. Es muss dafür Sorge getragen werden, dass die Pandemie keine nachhaltigen Spuren in den Bildungsbiographien von Careleavern hinterlässt.

Careleaver e.V. bietet Unterstützung – psychisch und finanziell

Der Careleaver e.V. ist die einzige, bundesweite Selbsthilfeorganisation in Deutschland, die sich für die Belange von jungen Menschen einsetzt, die in der stationären Jugendhilfe aufgewachsen sind. In dieser Krise zeigt sich, was eine solche Selbsthilfeinitiative zu leisten vermag: Stephanie ist vorübergehend bei einem anderen Vereinsmitglied untergekommen. Regina steht im regelmäßigen Chat-Kontakt zu anderen Mitgliedern; hier erhält sie moralische Unterstützung und kann auch mal eine knifflige Aufgabe im Fach Biologie diskutieren. Im virtuellen Stammtisch tauschen sich Mitglieder darüber aus, wie es ihnen aktuell ergeht. Sie berichten von ihren Erfahrungen, tauschen Nähanleitungen für Mund-Nase-Bedeckungen aus und geben sich gegenseitig Tipps zu möglichen Sportangeboten für zu Hause.

Darüber hinaus hat der Careleaver e.V. einen Notfallfonds eingerichtet, um in akuten finanziellen Notlagen schnelle Unterstützung anbieten zu können. Wer Careleaver ist (egal ob Mitglied im Verein oder nicht), kann über notfallfonds@DontReadMecareleaver.de schnell und unbürokratisch Hilfe beantragen.

Kontakt

Kontakt für Interviewanfragen über den Careleaver e.V.

Dr. Melanie Overbeck (2. Vorstandsvorsitzende), Münster, Tel: 0173 - 5923922, [email protected]
Alexandra van Driesten (Gründungsmitglied des Vereins), München, Tel: 0163 - 2892707 

Koordinierungsstelle Careleaver e.V.
Basler Str. 115
79115 Freiburg

Vorstandsreferentin Andrea Edler
Mail: [email protected]
Tel. 01522 5602425

Quelle: Careleaver e.V.

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