Corona-Pandemie

Profis am Limit – Arbeitsbelastung in der Sozialen Arbeit

Frau mit Mundschutz sitzt an einem PC-Monitor
Bild: Engin Akyurt - unsplash.com

Eine Online-Befragung unter mehr als 3.000 Beschäftigten in der Sozialen Arbeit zeigt: Ihre Arbeitssituation hat sich im zweiten Lockdown verschärft – durch steigende Nachfrage, zunehmende Arbeitsverdichtung, veränderte Beziehungen zu den Adressat(inn)en. „Die Folgen werden wir auch als Gesellschaft insgesamt spüren“, sagt Studienleiter Professor Dr. Nikolaus Meyer, Professor für Profession und Professionalisierung Sozialer Arbeit an der Hochschule Fulda. Auf einer digitalen Konferenz der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zum Internationalen Tag der Sozialen Arbeit hat er die Ergebnisse der Studie vorgestellt.

Im Forschungsprojekt „Soziale Arbeit macht Gesellschaft“ befragte er während des zweiten Lockdowns in Kooperation mit der Gewerkschaft ver.di Beschäftigte aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. 3.064 Personen beteiligten sich zwischen dem 9. November und 6. Dezember 2020 an der Online-Erhebung. Da bis heute kein Überblick über die genaue Zahl der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit vorhanden ist, kann die Studie zwar nicht als repräsentativ gelten. Doch die Verteilung der Teilnehmenden entspricht in etwa den bisher bekannten wissenschaftlichen Annahmen zur Personalverteilung über die verschiedenen Handlungsfelder. Daher kann die Befragung Tendenzen zur aktuellen Situation in der Sozialen Arbeit und erste Hinweise auf mögliche langfristige Änderungen in diesem Arbeitsfeld liefern.

„Die Berufsgruppe der Sozialen Arbeit ist diejenige, die für die Bewältigung der Krise und deren soziale Folgen eine Schlüsselrolle einnimmt. Doch sie ist selbst stark von der Krise betroffen“, betont Professor Meyer. „Die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit waren schon vor der Pandemie nicht optimal. Die Corona-Pandemie wirkt nun wie ein Brennglas.“

Nachdenken über Stellenwechsel

Die Online-Befragung zeigt: Einrichtungen sind im zweiten Lockdown sowohl häufiger geöffnet als auch von Beschränkungen der Angebote betroffen. Beschäftigte müssen daher mehr Angebote möglich machen oder mehr Adressat(inn)en parallel begleiten (24,8 Prozent), auch weil Kolleg(inn)en als Angehörige einer Risikogruppe ausfallen (18,3 Prozent) oder selbst erkrankt sind (47,2 Prozent). In der Folge verdichtet sich die eigene Arbeit und verändert sich nahezu vollständig (88,6 Prozent). 62,1 Prozent der Beschäftigten fühlen sich belastet oder sogar extrem belastet. Aus Sicht jeder zweiten befragten Person verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen. 29,9 Prozent denken über einen Stellenwechsel nach, 16,2 Prozent sogar über einen Berufswechsel.

Tendenzen zur Deprofessionalisierung

Aus Sicht jeder zweiten befragten Person verändern sich auch die fachlichen Strukturen wie etwa die Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften negativ. Der veränderte Austausch mit Vorgesetzten, Kolleg(inn)en sowie Kooperationspartner(inne)n wirkt sich negativ auf die eigenwahrgenommene Arbeitsqualität aus. Mit den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen verbunden zeigen sich darüber hinaus auch grundsätzlichere Mechanismen der Deprofessionalisierung. So werden etwa Hilfen bei 13,3 Prozent der Befragten früher als üblich beendet.

Mehr Probleme der Adressat(inn)en, weniger professionelle Interventionen

Die Beschäftigten geben an, dass das Leben der Adressat(inn)en in der Corona-Pandemie herausfordernder und prekärer geworden ist. Gleichzeitig sagen Adressat(inn)en häufiger geplante Termine ab, wodurch sich die Möglichkeiten zur professionellen Intervention verringern. Die Kontaktzahl zu Adressat(inn)en über alle Handlungsfelder hinweg nimmt bei mehr als jeder zweiten befragten Person ab. „Eine gefährliche Entwicklung, und das nehmen die Befragten auch so wahr“, sagt Professor Meyer. Hinzu kommt: Die Schutzmaßnahmen verschlechtern die Interaktion. Fast drei Viertel der Befragten bewerten diese für das Arbeitsbündnis mit den Adressat(inn)en negativ. In den offenen Antworten geben sie an, dass die Adressat(inn)en durch die Schutzmaßnahmen verunsichert oder überhaupt nicht mehr erreicht würden.

Zerrieben zwischen Anspruch und Wirklichkeit

„Die Beschäftigten werden in der Pandemie zerrieben zwischen Vorgaben von außen, die weitgehend nicht den beruflichen Standards entsprechen und den hohen professionellen Ansprüchen an die Qualität der eigenen Arbeit. Diese Diskrepanz gleichen sie nur durch hohen persönlichen Einsatz aus, um die Adressat(inn)en individuell angemessen begleiten zu können“, analysiert Professor Meyer die Ergebnisse der Umfrage. Da könne es nicht verwundern, dass die Befragten zu Beginn des zweiten Lockdowns nur eine geringe Anerkennung der eigenen Arbeit durch die Gesellschaft wahrgenommen hätten.

Auswirkungen auf Adressat(inn)en und Gesellschaft

„Wir haben in der Studie zwar nicht untersucht, wie sich die Situation der über eine Million Beschäftigten in der Sozialen Arbeit auf die mindestens fünf Millionen Adressat(inn)en auswirkt. Aber: Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit haben letzten Endes auch Einfluss auf die Adressat(inn)en“, betont Professor Meyer und fordert: „Wir müssen anerkennen, dass Soziale Arbeit und die in ihr Beschäftigten für unsere Gesellschaft extrem wichtig sind. Diese Berufsgruppe organisiert Prävention, Erziehung und Bildung ebenso wie Hilfe und Unterstützung in den verschiedensten problembelasteten Lebenslagen. Das ist für die Aufarbeitung der durch die Corona-Pandemie entstehenden sozialen Probleme ungeheuer wichtig.“

Digitale Konferenz der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 

Deutlich wird, dass dringend Handlungsbedarf notwendig ist. Darüber diskutierten am Internationalen Tag der Sozialen Arbeit Beschäftigte mit dem Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales Björn Böhning, der stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Christine Behle sowie den Autoren der Studie Prof. Dr. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und der Gewerkschafterin Elke Alsago (ver.di) in einer digitalen Konferenz.

Christine Behle (stellvertretende ver.di-Vorsitzende):

„Die Berichte vieler unserer Mitglieder über die Arbeitsbedingungen während der Pandemie, die wir jetzt auch noch durch eine Studie belegt bekommen, sind dramatisch. Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit, in den Kitas, Frauenhäusern, in Einrichtungen für Behinderte und allen anderen Arbeitsfeldern, werden sich weitgehend allein überlassen. Sie sind verpflichtet, die Einrichtungen offenzuhalten und die von ihnen zu betreuenden Menschen irgendwie zu erreichen, häufig, ohne geschützt zu werden. Wenn man bedenkt, wie wir uns engagieren mussten, um wenigstens den Beschäftigten in Kitas eine frühe Impfung zu ermöglichen und jetzt dabei sind, Covid 19 als Berufserkrankung für diese Berufe anerkennen zu lassen, wird deutlich, dass die sozialen (Frauen-)berufe nach wie vor nicht genügend wertgeschätzt werden. Es bleibt für uns alle gemeinsam viel zu tun, um diese Situation zu ändern.“

Björn Böhning (Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales):

„Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit leisten jeden Tag praktische Hilfe. Sie unterstützen Menschen - und halten so unsere Gesellschaft zusammen. Ich weiß, dass ihre Arbeit wegen der Pandemie gerade besonders schwierig ist. Wir müssen gemeinsam Rahmenbedingungen für die Praxis finden, die zugleich den Schutz und die Bedürfnisse der Menschen im Blick haben. Dem Arbeitsschutz kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Deshalb haben wir als BMAS die Corona-Arbeitsschutzverordnung erlassen, die für sicheres Arbeiten auch in der Pandemie sorgt. Darüber hinaus sind anständige Löhne, faire Arbeitsbedingungen und starke Betriebsräte von entscheidender Bedeutung.“

Prof. Dr. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda):

„Die zweite Untersuchung der Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie lässt einen sprachlos zurück: Die Soziale Arbeit geht weitgehend unge-steuert in den zweiten Lockdown und gleichzeitig bleiben die Einrichtungen mehrheitlich geöffnet. Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit werden in der Pandemie zerrieben zwischen Vorgaben von außen, die weitgehend nicht den beruflichen Standards entsprechen und den hohen professionellen Ansprüchen an die Qualität der eigenen Arbeit. Diese Diskrepanz gleichen die Beschäftigten nur durch hohen persönlichen Einsatz aus, um die Adressatinnen und Adressaten individuell angemessen begleiten zu können. Diese ungeheure Belastung kann man nicht lange aushalten. Wir müssen anerkennen, dass Soziale Arbeit und die Beschäftigten in ihr für unsere Gesellschaft extrem wichtig sind. Diese Berufsgruppe organisiert Prävention, Erziehung und Bildung ebenso wie Hilfe und Unterstützung in den verschiedensten problembelasteten Lebenslagen. Das ist für die Aufarbeitung der durch die Corona-Pandemie entstehenden sozialen Probleme ungeheuer wichtig.“

Dr. Elke Alsago (ver.di):

„Die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit waren vor der Pandemie schon eher prekär und die Untersuchung zeigt: Sie sind aktuell noch schlechter. Es geht den Beschäftigten in der Sozialen Arbeit nicht gut. 15 Prozent können keine persönliche Schutzausrüstung während der Arbeit tragen, Leitungskräfte verweigern Angehörigen der Risikogruppe Schutzmaßnahmen und am Ende kümmern sich Teams selber um die Einhaltung von Schutzmaßnahmen – das ist skandalös. Die Ergebnisse zeigen damit dreierlei: 1. Die Kooperation zwischen ver.di und Hochschule Fulda war für die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit ungeheuer wichtig, weil sonst die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen nicht öffentlich geworden wären. 2. Diese schlechten Arbeitsbedingungen wurden durch die Kooperation von Wissenschaft und Vertretung der Beschäftigten deutlich, was zeigt, dass die Finanzmittel zur Erforschung der Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit noch immer nicht ausreichend ausgebaut sind. Hier muss die Bundesregierung nachlegen. 3. Wenn wir als Gesellschaft nicht wollen, dass die aktuell schlechten Arbeitsbedingungen sich auf die Adressatinnen und Adressaten auswirken, dann müssen sich die Arbeitsbedingungen bald ändern.“

Hintergrundinformationen

Die Studie „SOZIALE ARBEIT MACHT GESELLSCHAFT“ baut auf einer Online-Befragung von 1.867 Beschäftigten in der Sozialen Arbeit im ersten Lockdown auf. Die quantitativen Daten zeigten, dass sich die professionellen Handlungsweisen verändern und Arbeitsbedingungen verschärfen (Buschle & Meyer 2020). Die Befragung im zweiten Lockdown fragte darüber hinaus, welche Veränderungen im professionellen Handeln sich dauerhaft etablieren. Zu diesem Zweck wurde ein Online-Fragebogen zwischen dem 9. November sowie dem 6. Dezember 2020 freigeschaltet. Der Link wurde an die ver.di-Mitglieder in diesem Bereich, alle Studierenden sowie Kooperationspartner der Hochschule Fulda sowie an die Studiengangskoordinator(inn)en aus dem Verbund „Bachelor Soziale Arbeit Online“ (BASA-Online), hier arbeiten sieben Hochschulen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, weitergegeben. Außerdem erhielten den Link alle Landesverbände der Berufsgruppenvertretungen Gilde Soziale Arbeit sowie Deutscher Berufsverband Soziale Arbeit (DBSH) und die wissenschaftliche Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA). Ebenso wurden Interessenvertretungen wie die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe - AGJ und die Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (DVSG) mit der Bitte um Weitergabe kontaktiert. Alle angeschriebenen Institutionen nahmen den Link in ihre Verteiler auf. Auf diese Weise wurden 3.064 Teilnehmende aus den verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit gewonnen.

Quelle: Hochschule Fulda und ver.di-Bundesvorstand vom 16.03.2021

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