Junge Flüchtlinge / Ganztagsbildung

UNESCO: Lehrkräfte sind nicht ausreichend vorbereitet auf traumatisierte Flüchtlingskinder

Das traurige Gesicht eines Jungen afrikanischer Herkunft
Bild: © Kzenon - fotolia.com

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl von Kindern mit Migrations- und Fluchterfahrung im schulpflichtigen Alter weltweit um 26 Prozent gestiegen. Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen gemacht, die sich negativ auf ihre Lernfähigkeit auswirken. Die Bildungssysteme der Aufnahmeländer stellt das vor große Herausforderungen. Die UNESCO fordert deshalb eine bessere Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer.

Am Weltflüchtlingstag rief die UNESCO in einem Positionspapier dazu auf, die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu verbessern, die traumatisierte Kinder unterstützen.

„Für viele Situationen bin ich schlicht nicht ausgebildet“, sagt Jennifer Herbst, die in Berlin Lehrerin einer Willkommensklasse ist. „Dass traumatisierte Kinder nicht wie andere lernen können, wissen viele Lehrerinnen und Lehrer nicht“, fährt sie fort. „Einige dieser Kinder tragen plötzlich die Verantwortung für ihren gesamten Haushalt. Ihnen fehlt die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, um das Erlebte zu verarbeiten.“

„Integration beginnt im Klassenzimmer“, unterstreicht Prof. Dr. Maria Böhmer, die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission. „Aber dort stoßen viele Lehrerinnen und Lehrer trotz großer Motivation an ihre Grenzen“, so Böhmer weiter. „Eine immer heterogenere Schülerschaft und Kinder, die in ihren Herkunftsländern oder auf dem Weg nach Deutschland traumatische Erfahrungen gemacht haben, stellen unsere Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Wir müssen sie in Zukunft noch besser unterstützen und den Erwerb interkultureller Kompetenz fest in der Lehrerbildung verankern.“

Jedes fünfte Flüchtlingskind in Deutschland ist traumatisiert

In Deutschland leidet etwa jedes fünfte Flüchtlingskind unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Weltweit zeigt sich, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonders gefährdet sind. In Norwegen litt rund ein Drittel von 160 untersuchten unbegleiteten Kinder aus Afghanistan, dem Iran und Somalia an PTBS. In Belgien zeigten von 166 unbegleiteten Minderjährigen bis zu 47 Prozent schwere oder sehr schwere Zeichen von Angstzuständen, Depressionen und PTBS.

Auch in Ländern mit mittlerem oder geringem Einkommen sind viele Flüchtlingskinder traumatisiert. So wurde bei einer Untersuchung unter Binnenflüchtlingen in Süd-Darfur, Sudan, festgestellt, dass drei Viertel der 331 untersuchten Kinder unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung litten und 38 Prozent an einer Depression erkrankt waren.

Lehrerinnen und Erzieher fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet

Besonders wenn es an einer adäquaten Gesundheitsversorgung mangelt, kommt Schulen eine besondere Rolle dabei zu, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität zurückzugeben. Aber um Traumasymptome richtig zu deuten, benötigen Lehrkräfte das nötige Grundlagenwissen. So fühlt sich die Mehrheit der Lehrerinnen und Erzieher in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet, um auf die besonderen Bedürfnisse von Flüchtlingskindern einzugehen.

Lehrerinnen und Lehrer sind keine Experten für psychische Erkrankungen. Aber mit der richtigen Ausbildung können sie eine wichtige Stütze für Kinder sein, die an einem Trauma leiden“, sagt Manos Antoninis, Direktor des UNESCO-Weltbildungsberichts. „Konflikte und Vertreibung werden nicht verschwinden. Wir müssen die Unterrichtspraxis ändern und Lehrkräften einen anderen Zugang zu diesen Kindern geben“, so Antoninis weiter. „Wenn sie ihnen helfen, sich auszudrücken und Selbstvertrauen aufzubauen, kann das ihr Rettungsanker sein.“

Empfehlungen des Positionspapiers „Education as healing“

  1. Lernumgebungen müssen sicher, unterstützend und bedarfsorientiert sein.
  2. Lehrerinnen und Lehrer, deren Schülerinnen und Schüler während Flucht oder Migration traumatische Erfahrungen gemacht haben, sind besonderen Belastungen ausgesetzt. Sie müssen geschult werden, um mit dieser Herausforderung umzugehen.
  3. Psychosoziale Interventionen erfordern die Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen, Gesundheits- und Sozialdiensten.
  4. Soziales und emotionales Lernen muss kultursensibel und dem Kontext angepasst sein. Es sollte auch durch außerschulische Aktivitäten vermittelt werden.
  5. Die Einbindung von Umfeld und Eltern darf nicht vernachlässigt werden.

Hintergrund

Der UNESCO-Weltbildungsbericht evaluiert jährlich die Fortschritte bei der Umsetzung des Globalen Nachhaltigkeitsziels 4: „Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen sicherstellen.“ Der Weltbildungsbericht 2019 erschien mit dem Schwerpunkt Flucht und Migration. Ergänzend veröffentlicht die UNESCO-Positionspapiere zu Stand und Entwicklung der Bildung weltweit.

Das UNESCO-Positionspapier „Education as healing: Addressing the trauma of displacement through social and emotional learning“ (PDF, 272 KB) steht auf der Webseite der UNESCO zur Verfügung.

Quelle: Deutsche UNESCO-Kommission vom 20.06.2019

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