Expertengruppe der WHO

Empfehlungen für die Europäische Region zum Schulbetrieb während der COVID-19-Pandemie

Ein Kindergartenmädchen übt Zahlen an einem Tisch. Sie trägt einen Mund-Nase-Schutz.
Bild: Kelly Sikkema – Unsplash

Schulen müssen unter Einhaltung ausreichender gesundheitlicher und sozialer Maßnahmen so lange wie möglich offen gehalten werden, und die Regierungen sollten die Sommermonate dazu nutzen, Maßnahmen zum Schutz des Präsenzunterrichts im nächsten Schuljahr einzuführen. So lautet eine gerade veröffentlichte Empfehlung einer vom Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzten internationalen Expertengruppe zum Schulbetrieb während der COVID-19-Pandemie.

Größte Beeinträchtigung des Schulbetriebs in der Geschichte aufgrund von Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 darf die Kinder nicht ihrer Bildungs- und Entwicklungschancen berauben

Die aktualisierten Empfehlungen sind vor dem Hintergrund steigender Infektionsraten in einigen Ländern der Europäischen Region zu sehen, die hauptsächlich auf eine Lockerung der gesundheitlichen und sozialen Maßnahmen im Zusammenwirken mit verstärkten Sozialkontakten und einer unausgewogenen Verteilung des Impfstoffs innerhalb der Europäischen Region zurückzuführen sind.

„Die Sommermonate bieten den Regierungen eine wertvolle Gelegenheit zur Einführung eines geeigneten Maßnahmenpakets, das die Infektionsraten niedrig halten und Schulschließungen verhindern kann, die, wie wir gesehen haben, so schädliche Auswirkungen auf den Bildungserfolg und das soziale und seelische Wohlbefinden unserer Kinder und Jugendlichen haben“, sagte Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. „Die Ausbreitung neuer Varianten und das Fortbestehen von ungeimpften Gruppen in schulischen Einrichtungen bedeuten, dass wir keine Zeit verlieren dürfen. Die Zeit zum Handeln ist jetzt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Pandemie die Kinder ihrer Bildungs-  und Entwicklungschancen beraubt.“

„Auch wenn die meisten Länder Fernunterricht anbieten, so sind doch der Lernverlust und die Folgen der Abwesenheit von der Schule für die Kinder problematisch. Dies gilt in besonderem Maße für Kinder aus benachteiligten und marginalisierten Familien. In den vergangenen zwölf Monaten haben Eltern, Betreuer/-innen und Kinder sich bemüht, sich an die neue Lernumgebung anzupassen, aber wir können es nicht riskieren, solche Störungen ein weiteres Jahr zuzulassen“, erklärte Afshan Khan, UNICEF-Regionaldirektorin für Europa und Zentralasien. „Wir müssen den ganzen Sommer über gemeinsam darauf hinarbeiten, den Kindern eine sichere Rückkehr in die Schule zu ermöglichen, damit sie das Versäumte nachholen können.“

„Wir müssen aus dieser durch COVID-19 verursachten Krise gestärkt hervorgehen – mit widerstandsfähigeren Bildungs- und Gesundheitssystemen – und ehrgeizige Ziele verfolgen, um das Versäumte nachzuholen und das Bildungswesen so umzugestalten, dass jede Schülerin und jeder Schüler effektiver lernt, bessere soziale und emotionale Fähigkeiten entwickelt und mehr Gesundheit und Wohlbefinden erlebt“, sagte Zhan Tao, Leiter des Instituts für Informationstechnologien im Bildungswesen (UNESCO-IITE). „Wir müssen jetzt handeln. Die Zukunft dieser Generation steht auf dem Spiel.“

Im Mittelpunkt der aktualisierten Empfehlungen stehen acht zentrale Aspekte, die für Kinder und den Schulbetrieb während der COVID-19-Pandemie von Bedeutung sind:

  • die Anwendung von PCR- oder Antigen-Schnelltests im schulischen Umfeld;
  • die Notwendigkeit von Studien zur Feststellung der Effektivität von Risikominderungsmaßnahmen im Bereich der Infektionsbekämpfung;
  • die Bedeutung der Sicherung des Bildungserfolgs sowie des seelischen und sozialen Wohlbefindens;
  • die Notwendigkeit, in prekären Verhältnissen lebende Kinder gebührend zu berücksichtigen;
  • Veränderungen im schulischen Umfeld, die der Gesundheit der Kinder und der Infektionsbekämpfung zugute kommen;
  • die Bedeutung der Einbeziehung der Kinder bei allen Entscheidungen;
  • Impfstrategien in schulischen Umfeldern und
  • die Offenhaltung von Schulen als zentrales übergeordnetes Ziel.

Schulschließungen sollten nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden, wenn „es zu größeren Ausbrüchen kommt oder die Übertragung in der Bevölkerung nicht anders unter Kontrolle gebracht werden kann“, stellen die Mitglieder des TAG in ihren Empfehlungen fest.

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Schulbetrieb

Die Pandemie hatte in der gesamten Europäischen Region der WHO gravierende Auswirkungen auf den Schulbetrieb im Schuljahr 2020/2021. Eine Untersuchung der UNESCO zu nationalen Konzepten für den Fernunterricht kam zu dem Ergebnis, dass 44 der 53 Länder in der Europäischen Region der WHO am Höhepunkt der Pandemie im April 2020 landesweit ihre Schulen geschlossen hatten.

Schulschließungen haben schwerwiegende Auswirkungen auf Bildungserfolg, Entwicklungschancen und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Sie haben sie nicht nur der notwendigen sozialen Kontakte beraubt, die ihr seelisches Wohlbefinden fördern, sondern auch durch den Fernunterricht eine Umgebung geschaffen, die nicht denselben Bildungserfolg ermöglicht. Selbst unter den günstigsten Umständen sind benachteiligte Kinder und Kinder mit erhöhtem Bedarf an Lernunterstützung zurückgefallen, was die sozialen Ungleichheiten zwischen wie auch innerhalb von Ländern verschärft.

Zwar öffneten die meisten Länder ihre Schulen am Ende des Sommers 2020 wieder, doch machten in den Herbst- und Wintermonaten steigende Infektionsraten in zahlreichen Ländern strengere Maßnahmen erforderlich, teilweise sogar die erneute Schließung von Schulen. Dabei verdeutlichen Studien, die in den Wintermonaten 2020 in einigen Mitgliedstaaten durchgeführt wurden, dass die Inzidenz von SARC-CoV-2 unter Schülern niedriger war als in der Allgemeinbevölkerung: so machten die Sekundärinfektionen an Schulen weniger als 1% der Gesamtzahl der Infektionen aus. (Eine prospektive Querschnitts-Kohortenstudie zur Rolle von Schulen bei der zweiten SARS-CoV-2-Welle in Italien.)

Im Schuljahr 2020/2021 haben wir die größte Beeinträchtigung im Bildungswesen in der Geschichte erlebt. Mit diesen Empfehlungen stehen jetzt die Evidenz und die Instrumente zur Verfügung, mit denen dafür gesorgt werden kann, dass Kinder und junge Menschen sicher zum Präsenzunterricht zurückkehren können.

Quelle: Weltgesundheitsorganisation (WHO), Regionalbüro für Europa vom 02.07.2021

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