Aufsatz

Die Rolle von Vätern im Kontext rechtsorientierter männlicher Jugendlicher

Junger Mann mit Wollmütze und Kaputzenpulli senkt den Kopf
Bild: andrewtneel/unsplash   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

In seinem Aufsatz „Es liegt an den Vätern. Die Rolle von Vätern im Kontext rechtsorientierter männlicher Jugendlicher und junger Männer“ führt der Diplompädagoge Wolfgang Nacken folgende These aus: Bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern mit rechten Orientierungen gibt es einen signifikanten Zusammenhang zur Abwesenheit einer positiven Beziehung zu deren Vätern. Nachfolgend der Aufsatz im Wortlaut:

Es ist unbestritten, dass die Beteiligung von Vätern[1] bei der Erziehung von Kindern aus vielerlei Gründen wichtig ist. Nachgewiesen ist u.a. die Wechselwirkung zwischen väterlicher Präsenz und der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung.[2] Es gibt zudem deutliche Hinweise darauf, dass die Beziehung zum Vater eine selbstwertstabilisierende Wirkung hat. Klar, dass Kinder, deren Vater nicht präsent ist, durchaus eine gesunde Entwicklung nehmen können. Aus der positiven Wirkung väterlicher Präsenz lässt sich im Umkehrschluss nicht automatisch die negative Wirkung deren Abwesenheit ableiten.

Meine folgenden Ausführungen nehmen diejenigen in den Fokus, die aufgrund einer labilen Identität und einer gering entwickelten emotionalen und sozialen Kompetenz rechte und menschenfeindliche[3] Orientierungen anhängen. Meine These: Bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern mit rechten Orientierungen gibt es einen signifikanten Zusammenhang zur Abwesenheit einer positiven Beziehung zu deren Vätern.[4]

Väter und Söhne, Söhne ohne Väter

Insbesondere bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität von Jungen ist deren Kontakt zum eigenen Vater wichtig: sein Selbstkonstrukt und sein Verhalten dienen als Rollenmodell und zugleich als Reibungsfläche zur eigenen Abgrenzung. Zwar gibt keine essentielle Form geschlechtlicher Identität. Gleichwohl ist die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit immer noch eine der wirkmächtigsten Faktoren der Identitätsentwicklung[5]. Entscheidend ist meines Erachtens, diese in einem Maße selbstreflexiv und flexibel zu gestalten, das Diversität und damit Respekt vor dem Anderen ebenso zulässt wie Raum für die eigene Entwicklung.

Im Idealfall erleben Kinder den eigenen Vater als erwachsenen Mann, der auch traurig sein kann, ängstlich oder verletzlich, seinen Ärger nicht destruktiv reguliert, der ebenso zärtlich und fürsorglich ist wie fröhlich, tatkräftig und kreativ. Mit anderen Worten: ein Mensch, der die real existierende Widersprüchlichkeit und Komplexität des eigenen und sozialen Lebens verkörpert. Er bietet neben dem der Mutter ein weiteres Orientierungsangebot. Für Jungen ist es umso bedeutender, als sie sich im System der überwiegenden Zweigeschlechtlichkeit zur eigenen Orientierung nicht mit der Mutter identifizieren. Eine geschlechterreflektierende Pädagogik, wie sie von vielen fortschrittlichen Theoretiker(inne)n gefordert[6] wird, ist nur dann möglich, wenn Heranwachsende vielschichtige Bilder von Geschlecht haben: dazu gehört auch die männliche Präsenz in der Erziehung.

Dass der Vater in der Erziehung des Kindes nicht präsent ist, kann verschiedene Ausprägungen haben: die Eltern haben sich getrennt und der Vater hat die Familie verlassen und den Kontakt abgebrochen. In anderen Fällen übernimmt die Mutter die Fürsorge- und Erziehungsarbeit völlig alleine; der Vater zieht sich zurück auf seine Arbeit und seine Hobbies, ist im Familienalltag unberührbar, blass, stumm. Beide Elternteile haben ein dysfunktionales Kommunikations- und Beziehungsmuster konstruiert.

Diese Väter kommen ihrer elterlichen Verantwortung nicht mehr nach. Das führt neben dem Ärger auf den Vater – z.T. verstärkt durch die Abwertungen durch die Mutter – ebenso zu einer stillen Sehnsucht. Diese wird abgespalten, weil sie unter dem Vorzeichen von Ärger, Enttäuschung und Abwertung nicht sein darf. Die Abwertung des eigenen Vaters ist im Grunde auch eine Abwertung eines Teils der eigenen Identität.

Toxische Kompensation

Bei Jungen kommt hinzu, dass ihnen das im Alltag erlebbare Rollenmodell abhandengekommen ist. Die Folge kann sein, dass sie sich an nicht real gelebten Konstrukten von Männlichkeit orientieren, die

  • von einer Eindeutigkeit sind, die jegliche Komplexität und Widersprüchlichkeit verleugnet
  • sich am Bild eines kämpferischen, kräftigen und ausschließlich erfolgreichen Mannes orientiert, der möglichst weiß, heterosexuell und nicht behindert ist[7]
  • durch ihre Idealisierung und Überhöhung für die Jungen äußerst attraktiv sind
  • einerseits nur durch die Abgrenzung vom Anderen (Weiblichen, Homosexuellen, Behinderten, Uneindeutigen, Weichen…) aufrechterhalten werden kann
  • andererseits nie erreichbar ist und im eigenen Handel immer wieder neu produziert werden muss.

Zugleich sind Menschen mit labilen und unrealistischen Identitätskonstrukten besonders anfällig für die Unterordnung in autoritäre Strukturen. Wer seine Selbst-Bestätigung nicht aus sich heraus aufrechterhalten kann, braucht die Bestätigung aus dem Außen – die Zugehörigkeit zur Clique, Szene, Organisation oder Nation wird überlebenswichtig.
Eine fragile Identität ist verwundbar. Das führt dazu, an seinem Identitätskonstrukt besonders hartnäckig und unflexibel festzuhalten, sich häufig angegriffen zu fühlen und sich entsprechend aggressiv verteidigen zu müssen. Da man nicht gelernt hat, seinen Ärger und seine Scham adäquat zu regulieren, muss viel Energie aufgewendet werden, um sie abzuwehren[8]. Das so Abgespaltene wird auf die Anderen projiziert, häufig auf die vermeintlich Schwächeren, Unperfekten. Paradoxerweise sieht man sich selbst zugleich als deren Opfer. Hier gilt einmal mehr, dass Faschismus die prekäre Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn ist. Daraus erwächst Hass, der in Vernichtungsphantasien, schließlich im Vernichtungswillen mündet.

Dieses Selbstkonstrukt ist nicht nur schädlich für die Anderen. Solche männliche Jugendliche und jungen Erwachsene schädigen auch sich selbst, indem sie von den eigenen Bedürfnissen abgeschnitten sind, eigene Gefühle nicht wahrnehmen und durch ihr sozial inadäquates Verhalten immer wieder Sanktion und Ausgrenzung erleben – und dadurch ihr Potential bei weitem nicht zur Geltung bringen. Wir sprechen von toxischer Männlichkeit.

Bemerkenswert an dieser Stelle ist, dass sich gegenwärtig der Hass besonders an Frauen ausagiert, die durch ihre Positionierung gegen Formen toxischer Männlichkeit in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machen. Der Hass, der ihnen im Netz entgegenschlägt, ist grenzenlos, gewalttätig und sexistisch konnotiert. Die Täter fühlen sich offenbar im Kern ihrer Identität angegriffen und es fehlt ihnen zugleich an – emotionalen wie sozialen – Ressourcen, darauf adäquat zu reagieren – so dass sie diesen Zustand nur mehr destruktiv und dissozial kompensieren können.

Nimmt man die genannten Fehlentwicklungen von Söhnen nicht-präsenter Väter zusammen, also

  • emotionale, kognitive und soziale Defizite
  • eine fragile (Geschlechts-)Identität
  • die ausschließliche Orientierung an kämpferischen, hegemonialen Männlichkeitskonstrukten
  • die Suche nach Eindeutigkeit und Ablehnung von Widersprüchlichkeit und Komplexität
  • die Abspaltung von Scham, Trauer, Angst
  • die mangelnde adäquate Regulierung von Ärger
  • die Unterordnung unter autoritäre Strukturen
  • die Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zum Kollektiv,

dann ist es naheliegend, sich mit einer solchen Disposition einer rechten Szene anzuschließen und sich ein entsprechendes Weltbild zuzulegen. Tatsächlich findet man in der Literatur ebenso wie in der Beratungspraxis signifikant häufig diesen Zusammenhang[9].

Väterarbeit als Prävention

Neben vielen anderen Formen der Prävention gegen Rechtsextremismus würde sich auch Väterarbeit anbieten. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass sie ebenfalls geschlechterreflektiert ist. Ansonsten besteht die Gefahr, o.g. hegemoniale Männlichkeitskonstrukte zu zementieren. Es muss zudem vermieden werden, die toxische Männlichkeit der Väter auf die eigenen Söhne zu übertragen[10] – vielmehr geht es darum, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Eine solche Väterarbeit im Sinne der Rechtsextremismusprävention bietet Unterstützung bei der Entwicklung der väterlichen Präsenz gegenüber den eigenen Kindern. Die emotionalen und sozialen Ressourcen können gestärkt werden; die männliche Identität reflektiert, auf ihre Wirkung auch auf die eigenen Söhne überprüft und weiterentwickelt.

Konkret bedeutet das, unter dem hier beschriebenen Vorzeichen Väter durch psychosoziale Angebote zu begleiten – angefangen beim Geburtsvorbereitungskurs, über Väter-Kinder-Nachmittage, Ausflüge, bis hin zu themenorientierten Abendveranstaltungen.

Insbesondere die Beratungsarbeit zum Thema Vaterschaft müsste ausgebaut werden, die sich u.a. Erziehungsfragen widmet und sich neben den Vätern auch an Mütter bzw. Paare richtet. Eine solche Beratung müsste emotionsvertiefend sein, denn es geht auch immer um die Weiterentwicklung der Affektwahrnehmung und -Regulation.

Schließlich bleibt eine wertschätzende und zugleich differenzierte Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern nicht aus, die Männern und Jungen Orientierungen geben kann, die sich jenseits hegemonialer und toxischer Männlichkeitskonstrukte befinden.

Eine so verstandene Väterarbeit bietet bewusst Raum für Mehrdeutigkeiten, Unsicherheit, und Ambivalenz: schlicht weil das Leben so ist.

Autor: Wolfgang Nacken, 10.11.2020

Quellen

[1] Im Folgenden wird nicht zwischen biologischer und sozialer Vaterschaft unterschieden
[2] Vgl. BMFSFJ (Hg.): Väterreport. Berlin 2018, sowie Fthenakis, V.; Minsel, B.: Die Rolle des Vaters in der Familie. Köln 2002; Rohrmann, T.: Junge Junge, Mann O Mann. Hamburg 1994
[3] Im Sinne des Konzepts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“; vgl. Küpper, B.; Zick, A.: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Rechtsextremismus 10.2015
[4] An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass die Entwicklung einer rechten Orientierung nie monokausal erklärbar ist. Neben familiären Faktoren gibt es soziale, historische und politische. Es geht auch immer um Zugehörigkeit, Anerkennung sowie die Übernahme rechter Narrative. Auch erlebtes autoritäres Verhalten bzw. Gewalttätigkeit des Vaters oder Konflikte mit dem Stiefvater als Faktoren menschenfeindlicher Einstellungen werden – obgleich wichtig – in dieser Überlegung nicht weiter verfolgt werden.
[5] … was nicht bedeutet, dass es immer so bleiben muss.
[6] Vgl. Lehnert, E.; Radvan, H.: Gender als wesentlicher Bestandteil des modernen Rechtsextremismus. Konsequenzen und Herausforderungen für das pädagogische Handeln. In: Offene Jugendarbeit 4.2012
[7] Vgl. des Konzept der hegemonialen Männlichkeit bei Connell, R.: Der gemachte Mann. Wiesbaden 2015
[8] Vgl. Marks, S.: Scham - die tabuisierte Emotion. Eschbach 2019
[9] Vgl. u.a. Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hg.): „Was ein rechter Mann ist…“. Berlin 2010; darin insb. Brandt, M.: Fallbeispiele zu geschlechterreflektierenden Strategien gegen Rechtsextremismus in der Kinder- und Jugendhilfe (S. 237ff.) sowie Rommelsbacher, B.: „Der Hass hat uns geeint“. Frankfurt /M. 2006 (S.33f.)
[10] Zur Problematik der signifikanten Vater-Sohn-Dyade bei der Weitergabe rechtsextremer Weltbilder vgl. Boehnke, K.: Ist Rechtsextremismus "erblich"? Zur Ähnlichkeit rechtsextremer Verhaltenstendenzen von Studierenden und ihren Eltern. In: Zeitschrift für Familienforschung, 29(3) 2017

Über den Autor

Wolfgang Nacken ist als Diplompädagoge seit 23 Jahren in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. 2009 hat er das mobile Beratungsteam Hamburg gegen Rechtsextremismus aufgebaut, danach die Maßnahmen der Freien und Hansestadt gegen Rassismus und Rerchtsextremismus koordiniert. Er ist als Berater beim VÄTER e.V. tätig. Im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“ (Deinet, U.; Sturzenhecker, B. (Hg.) 2013) ist er Autor zum Thema „Rechtsorientierte und rechtsextreme Jugendliche“.

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