Kinder- und Jugendarbeit / Freiwilliges Engagement

Sport und Soziale Arbeit müssen ihre Kräfte bündeln

Ein Junge spielt in einer Turnhalle Basketball
Bild: rawpixel.com

Es scheint Konsens zu sein: Bewegung, Spiel und Sport tun den Menschen und der Gesellschaft gut. Sport hat sich schon lange als methodischer Zugang in den Angeboten der Sozialen Arbeit etabliert. Waren es zunächst vor allem erlebnispädagogische Inhalte, leuchten heute die sportbezogenen Inhalte und Methoden der Sozialen Arbeit in allen Spektralfarben. Martin Schönwandt, Vorstand Jugendsport beim Deutschen Olympischen Sportbund, weist in seinem Kommentar darauf hin, dass Sportvereine auch als intermediäre Plattformen verstanden werden können, die vielfältige Möglichkeiten zur Teilhabe, zu Partizipation und Engagement eröffnen.

Billard- und Tischtennis-Turnieren gehören zum Standard in Jugendzentren; Straßenfußball-Projekte haben sich fest etabliert; Breakdance und Hiphop bieten Events und Festivals zuhauf; Körperarbeit wird im Kontext sozialer Projekte in neue Formen gegossen, wie zum Beispiel „Calisthenics“. Der gemeinnützige Sport propagiert mindestens genauso lange, dass Sport für Alle zugänglich sein soll. Die Sportvereine entwickeln ihre Angebote kontinuierlich und erfolgreich weiter. In Ballungsgebieten wird immer öfters ein Aufnahmestopp vermeldet, weil Sportstätten und Übungsräume nicht im benötigten Umfang zur Verfügung stehen.

In der Praxis sind vor diesem Hintergrund viele Brücken zwischen der Sozialarbeit und dem organisierten Sport entstanden. Das reicht von sozialpädagogischen Fanprojekten über Mitternachtssport und aktuell Sportangebote für Geflüchtete, um ihnen den Alltag etwas zu erleichtern. Auch verschiedene Stiftungen, die sich aus dem Sport entwickelt haben oder von einzelnen Sportlern/innen eingerichtet wurden, z.B. die Dirk Nowitzki Stiftung, fördern oft soziale Projekte im Sport, national und international.

Sportvereine als intermediäre Plattformen

Zwei Gedanken zum Sport sind im Hinblick auf seine sozialen Dimensionen leitend: Zum einen geht es darum, dazu beizutragen, allen interessierten Menschen die Angebote, Unterstützungen und Räume zur Verfügung zu stellen, die sie für ihre Entwicklung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit brauchen. Zum anderen können Sportvereine und -verbände auch als intermediäre Plattformen verstanden werden, die vielfältige Möglichkeiten zur Teilhabe, zu Partizipation und Engagement und damit Zugänge zu gesellschaftlichen Institutionen eröffnen und gemeinsinnstiftende Gelegenheiten schaffen, Demokratie unmittelbar zu erleben.

So einleuchtend die Verknüpfungen zwischen Sport und Sozialer Arbeit auch sind, sie haben noch nicht so, wie es wünschenswert wäre, zusammengefunden. Der wohlbegründete fachwissenschaftliche Anspruch der Sozialen Arbeit auf der einen Seite steht allzu oft im Konflikt mit den selbst zugeschriebenen sozialen Leistungen des Sports auf der anderen. Legitimationsnöte paaren sich mit dem wissenschaftlichen Anspruch, nicht alles in einen Topf zu werfen.

Es gilt zu differenzieren, Begriffe und Kategorien herauszuarbeiten, die den eigenen fachlichen Zugang beschreiben und in Qualitätsmerkmale gegossen beurteilen helfen, was Soziale Arbeit ist – und vor alle auch, was Soziale Arbeit nun nicht ist. Und da steht dann der gemeinnützige Sportverein im Blick, selbstorganisiert, von freiwilligem ehrenamtlichen Engagement getragen, von Menschen gestaltet, die – diplomatisch ausgedrückt – unterschiedliche Qualifikationen mitbringen und motiviert sind, etwas zum Gemeinschaftsleben beizutragen, vielleicht aber auch nur der eigenen Eitelkeit frönen.

Sportvereine als ein gutes Stück Nachbarschaft

Wie auch immer: Neben den Großsportvereinen, die über hauptberufliche besetzte Geschäftsstellen verfügen und in ihrem sozialen Umfeld mit einer breiten Angebotspalette fest verankert sind, sind Sportvereine in Deutschland überwiegend gering institutionalisiert und eher ein gutes Stück geronnene Nachbarschaft. Aber das sind sie eben auch: ein gutes Stück Nachbarschaft. Sie sind (noch) in hohem Maße agil und anpassungsfähig an die jeweiligen Entwicklungen, bieten sportliche Wettbewerbe an, sind Orte der Begegnung und tragen so als Wahlgemeinschaften erheblich zum Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bei.

Allerdings ändern sich die Rahmenbedingungen immer schneller und der Anpassungsdruck wird zunehmend größer. Die Aufgabe, guten und durchaus auch erfolgreichen Sport gerade für junge Menschen zu organisieren, bewegt sich grundsätzlich in völlig anderen Kontexten und verfolgt andere Ziele als die Soziale Arbeit. Und an dieser Stelle sind die Sphären, obwohl sie in der Praxis vielfach zusammengefunden haben, voneinander getrennt, Sinnhaftigkeiten auch nur aus dem jeweils eigenen Kontext zu bewerten.

Gleichzeitig wächst durch unsere auseinanderdriftende Gesellschaft der Druck, über alles Trennende hinweg gemeinsam mehr für den Zusammenhalt zu tun, auch in der Theorie Gemeinsamkeiten zu entdecken und belastbar Schnittstellen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Ansatz zu begründen. Und das nicht nur, weil hier die Praxis vorauseilt, sondern vor allem auch, weil nicht abzusehen ist, dass die weltweiten ökologischen, ökonomischen und vor allem auch sozialen Entwicklung aus dem Krisenmodus herausfinden werden: Die sozialen Scheren, wo immer man sie auch anlegen will, gehen weiter auseinander, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu und enden viel zu oft in Gewalt auf den Straßen, bei Festen und Konzerten oder gegenüber den Menschen, die zu uns gekommen sind, um hier Schutz zu finden.

Kräfte von Sport und Sozialer Arbeit gemeinsam entfalten

Dem entgegenzuwirken ist gleichermaßen Aufgabe der Sozialen Arbeit und des Sports. Ansatzpunkte dafür gibt es genug, sowohl im Hinblick auf die Entfaltungsbedürfnisse und Entwicklungsaufgaben der Menschen, als auch in der strukturellen Zusammenarbeit von gemeinnützigen Sportorganisationen und Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Deshalb ist es trotz fachwissenschaftlicher Fokussierung auf der einen Seite und einer aus einem Verantwortungsgefühl heraus motivierten Bereitschaft, sich an der Bewältigung auch komplexer gesellschaftlichen Aufgaben zu beteiligen, auf der anderen Seite höchste Zeit, die Kräfte – theoriegeleitet – auf einem gemeinsamen Handlungsverständnis zu bündeln und auch gemeinsam zu entfalten, im Hier und Jetzt und für die Entwicklung einer weltoffenen, demokratischen und sozialen Gesellschaft.

Über den Autor

Der Autor Martin Schönwandt ist Geschäftsführer der Deutschen Sportjugend und Vorstand Jugendsport des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Der oben stehende Beitrag ist in der DOSB-Presse Ausgabe Nr. 42 / 17. Oktober 2017 erschienen und zuvor als Gasteditorial in der August-Ausgabe von „Soziale Arbeit“, Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen.

Quelle: Deutsche Sportjugend im Deutschen Olympischen Sportbund e.V.

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