Kinder- und Jugendarbeit

Qualifizierungsbedarf für Teamer: Ein Interview mit Stephan Schiller

Angesichts der Vorfälle auf Ameland (während einer Ferienfreizeit des Stadtsportbundes Osnabrück auf der Insel sollen Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren 13-jährige Jungen sexuell missbraucht haben) fordern Jugendreiseveranstalter und Träger der Kinder- und Jugendhilfe, die im Jugendreisen aktiv sind, eine bessere Qualifizierung von Jugendleiter(inne)n. Das BundesForum Kinder- und Jugendreisen kündigte in einer Pressemitteilung das Erscheinen von Schulungsmaterialien über Sexualität und Prävention an, die im Sommer in einer Pilotphase erprobt werden sollen.

Stephan Schillervom BundesForum Kinder- und Jugendreisen/Copyright: Schiller
Stephan Schiller vom BundesForum Kinder- und Jugendreisen spricht mit dem Jugendhilfeportal über die Notwendigkeit, Teamer von Jugendbegegnungsreisen besser zu qualifizieren.
Copyright: Stephan Schiller

Prävention von sexuellem Missbrauch im Rahmen von Ferienfreizeiten – Was ist zu tun?

Das Jugendhilfeportal wollte von Stephan Schiller vom BundesForum Kinder- und Jugendreisen wissen, wo genau er Bedarf bei der Qualifizierung sieht und wie diese aussehen kann.

Jugendhilfeportal:
Sie haben gemeinsam mit anderen Organisationen Schulungsmaterial über Sexualität und Prävention erarbeitet. Was ist der Inhalt dieser Materialien und welche Ziele verfolgen sie?

Stephan Schiller:
In der Schulungsmappe stehen folgende Aspekte im Mittelpunkt:
• Aufgaben einer modernen Sexualpädagogik im Rahmen von Internationalen Begegnungen, Kinder- und Jugendreisen
• Einführung in die Sexualität des Jugendalters und in die Entwicklungsaufgaben für eine selbstbestimmte Sexualität
• Kommunikation, Liebe, Beziehungen und Partnerschaft im Jugendalter
• Arbeit am Thema Sexualität im interkulturellen Kontext
• Rechtliche Aspekte/gesetzliche Grundlagen
• Definition von und Prävention vor sexueller Gewalt
• Krisenintervention bei sexueller Gewalt

Die Ziele sind, den Teamenden wichtige Aspekte beider Seiten der Medaille [Heranwachsende entdecken ihre Sexualität, erproben neue Verhaltensweisen im Umgang mit dem anderen und dem eigenen Geschlecht und üben sich in Beziehungsaufnahme. Dazu bieten Internationalen Begegnungen, Kinder- und Jugendreisen Teilnehmenden eine Plattform. - Eltern erwarten jetzt ein noch professionelles und sicheres Handeln der Veranstalter] zu vermitteln und ihnen ein praktikables Instrument mit modernen Methoden und aktuellen Inhalten an die Hand zu geben. Teamende sollen die Angst davor verlieren, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Sie sollen lernen, sie an geeigneter Stelle bzw. zu gegebenen Anlässen einzubringen.

Jugendhilfeportal:
Sie sagen in Ihrer Pressemitteilung, Reiseleiter/-innen solle neben praktischem Arbeitsmaterial auch Reflexions- und Handlungssicherheit gegeben werden, wie sie mit Herausforderungen bei Internationalen Begegnungen und Kinder- und Jugendreisen in puncto Sexualität umgehen. Gerade Ferienfreizeiten bieten Raum für Heranwachsende, ihre Sexualität und neue Verhaltensweisen im Umgang mit dem anderen und dem eigenen Geschlecht zu erproben und Beziehungsaufnahme zu üben. Dafür muss ja auch ein gewisses Maß an Intimität zugestanden werden. Woran erkennt ein Jugendleiter, dass ein gesundes Maß überschritten ist und er eingreifen muss?

Stephan Schiller:
Es ist völlig richtig, dass Teilnehmenden bei Ferienfreizeiten und Internationalen Begegnungen ein Freiraum gewährt werden muss, um sich entwickeln zu können. Diese Entwicklung darf allerdings nicht zu körperlichen und/oder seelischen Schäden unter den Teilnehmenden führen. D.h. sollten Teilnehmende während einer Ferienfreizeit oder Internationalen Begegnung im negativen Sinne verhaltensauffällig werden, so müssen bei den Betreuenden die Alarmglocken schrillen. Denn im Normalfall werden die Teilnehmenden aufgrund positiv ablaufender gruppendynamischer Prozesse aufgeweckter und selbstbewußter. D.h. sie ziehen sich nicht zurück. Damit das klappt, müssen die Betreuenden eine offene Atmosphäre schaffen, die es den Teilnehmenden erlaubt, offen mit den Betreuenden zu kommunizieren und zwar auf allen Ebenen. Dazu gehört dann natürlich auch die non-verbale Kommunikation.

Jugendhilfeportal:
Viele Jugendverbände haben sich gegen die Ausweitung der Praxis des erweiterten Führungszeugnisses auf Ehrenamtler ausgesprochen. Es gibt aber auch Vereine, die in der Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch aktiv sind, die sich für ein erweitertes  Führungszeugnis für Ehrenamtler aussprechen, weil es eine abschreckende Wirkung habe. Wie stehen Sie zu einem solchen Zeugnis?

Stephan Schiller:
In der Praxis wird es in der Tat sehr unterschiedlich gehandhabt. Diese Unterschiede lassen sich sowohl unter den gemeinnützigen als auch unter den gewerblichen Anbietern feststellen. Es gibt in beiden Bereichen Veranstalter, die lehnen es kategorisch ab und andere verlangen es von allen ihren Mitarbeitenden. Das BundesForum stellt sich weder auf die eine noch auf die andere Seite, sondern überlässt es seinen Mitgliedern und Partnern, damit pflichtbewusst umzugehen. Denn es gibt keinen einfachen Weg. Denn Führungszeugnisse sind absolut kein Allheilmittel. Viel wichtiger ist eine gute Ausbildung aller Mitarbeitenden, auch und gerade über Sexualität, denn bereits seit Jahrzehnten ist Liebe, Sex und Zärtlichkeit Reisemotiv Nr. 1 der jungen Leute.

Jugendhilfeportal:
Auch bei der Erprobung von Sexualität und Aufnahme intimer Beziehung im Jugendalter spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund beispielsweise gelten häufig andere sexuelle Codices als für deutsche Jugendliche. Entsprechendes mag bei Reisen ins Ausland eine Rolle spielen. Gehen Ihre Schulungsmaterialien darauf ein?

Stephan Schiller:
Selbstverständlich wird in dem gemeinsam mit der aej Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. aus Hannover, der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken e.V. aus Recklinghausen, dem Experiment e.V. aus Bonn und RUF Jugendreisen aus Bielefeld in Zusammenarbeit mit Expert(inn)en vom isp Institut für Sexualpädagogik aus Dortmund und pro familia aus Leipzig mit Unterstützung der BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus Köln und des FPD Forscher-Praktiker-Dialogs erarbeiteten Schulungs- und Arbeitsmaterialien auf kulturelle Unterschiede eingegangen. Es wird ausführlich auf das Thema „Sexualität im interkulturellen Kontext“ eingegangen. Denn es müssen die Bedürfnisse und Wünsche möglichst aller Teilnehmenden einer Ferienfreizeit oder Internationalen Begegnung berücksichtigt werden und diese können bei Heranwachsenden mit Migrationshintergrund andere sein. Die Teamenden werden dafür sensibilisiert, darauf einzugehen.

Jugendhilfeportal:
Vielen Dank für das Gespräch!

asta

Info-Pool