Im Gespräch

Gesundheit(-sförderung) und Corona – Interview zur COVID KIDS-Studie mit Kindheitsforscher Sascha Neumann

Ein Junge schaut unmotiviert auf einen Laptop
Bild: Thomas Park - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Für unsere Reihe „Im Gespräch“ haben wir mit dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Sascha Neumann von der Universität Tübingen über die Studie COVID KIDS gesprochen. Bei der internationalen Studie der Universitäten Tübingen und Luxemburg wurden Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren bereits an einem frühen Zeitpunkt in der Pandemie zu ihrem Alltag während der Corona-Krise befragt. Neben dem Familienalltag wurden dabei auch Themen wie Homeschooling, Internetnutzung und Freundschaftsbeziehungen untersucht.

Herr Prof. Neumann, Sie haben mit der COVID KIDS eine internationale Studie zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie durchgeführt.
Können Sie kurz erläutern wovon die Studie genau handelt?

Die Studie untersuchte zu einem recht frühen Zeitpunkt (Mai-Juli 2020) mittels einer Online-Befragung, wie sich die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung auf den Alltag sowie das subjektive Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Zudem nahm sie die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen mit dem Homeschooling in den Blick. Das Besondere an der Studie war, dass Kinder und Jugendliche selbst befragt wurden (und nicht etwa ihre Eltern oder Lehrpersonen). Die Online-Befragung wurde in mehreren Ländern durchgeführt, was wiederum Möglichkeiten des internationalen Vergleichs eröffnete.

Führen Sie noch weitere Befragungen durch oder ist die Studie soweit bereits abgeschlossen?

Ich selbst bin an keiner weiteren Befragung oder Studie beteiligt. Das heißt, die Covid Kids Studie im damaligen Format ist abgeschlossen; es gibt lediglich in Luxemburg eine erneute Befragung, die ich aber nicht (mit-)verantworte.

3.000 Kinder und Jugendliche weltweit beantworteten den Fragebogen

Wie viele Kinder und Jugendliche aus welchen Ländern haben Sie befragt? In welchem Zeitraum? Wie alt waren die jungen Menschen?

An unserem Online-Survey in sechs Sprachen, den wir hauptsächlich in Brasilien, Deutschland, der Schweiz und Luxemburg verbreitet haben, nahmen über 3.000 Kinder und Jugendliche teil, davon ca. 750 aus Deutschland. Befragt wurden die Kinder und Jugendlichen im Jahr 2020, zwischen dem 6. Mai und dem 14. Juli. Die Altersspanne der Teilnehmenden lag zwischen sechs und 16 Jahren.

Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund berichteten häufiger über Sorgen

Was für einen sozioökonomischen Hintergrund haben die befragten Kinder und Jugendlichen? Haben Sie Unterschiede bei der Lebenszufriedenheit in Verbindung mit dem Hintergrund der Kinder und Jugendlichen festgestellt?

Der weit überwiegende Teil der befragten Kinder und Jugendlichen stammt aus Familien mit mittlerem und hohem soziökonomischem Status. Das hat auch damit zu tun, dass während des Erhebungszeitraums nur eine Online-Befragung möglich war, denn Kinder und Jugendliche waren im Zeitraum der Befragung, die in Deutschland während des ersten Lockdowns stattfand, nicht anders erreichbar. Damals schon war uns bewusst, dass wir damit Kinder und Jugendliche ausschließen, die nicht über die technischen Möglichkeiten zur Teilnahme an einer Online-Befragung verfügen. Gleichwohl konnten wir über einen Gruppenvergleich Unterschiede im Wohlbefinden zwischen Kindern mit mittlerem oder hohem sowie niedrigem sozioökonomischen Status feststellen. Hier zeigte sich: Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund berichteten häufiger über Sorgen und negative Gefühle (Ängste, Langeweile, Einsamkeit etc.) sowie generell über eine geringere Lebenszufriedenheit.

Immer weniger Kinder und Jugendliche mit ihrem Leben zufrieden

Gibt es länderspezifische Besonderheiten für das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen in einem bestimmten europäischen Land? In Deutschland haben junge Menschen häufig ihren Ärger darüber formuliert, dass sie sich von Politik und Gesellschaft nicht gehört fühlten und ihre Belange nicht genügend Berücksichtigung gefunden haben.

Ja, es gibt hier eine Reihe von Unterschieden zwischen den Befragten aus den verschiedenen Ländern. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit überall deutlich abgenommen hat, in der Schweiz am wenigsten und in Brasilien am stärksten. Für Deutschland waren insbesondere drei Ergebnisse auffällig, die auch von den Befunden in den anderen Ländern abwichen: Eine sehr große Zahl der Kinder im Grundschulalter – nämlich über 50 % – hatte während des Zeitraums der Befragung keinen direkten Kontakt zu Lehrpersonen. Zweitens äußerten sich insbesondere in Deutschland die Kinder und Jugendlichen häufig explizit über die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Drittens zeigte sich für Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit der eigenen Freiheit während der Phase des Lockdowns und der generellen Lebenszufriedenheit, der sich für die Befragten aus den anderen Ländern so nicht aufweisen ließ: Je zufriedener die Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit ihrer empfundenen persönlichen Freiheit waren desto zufriedener zeigten sie sich auch mit ihrem Leben insgesamt.

Haben Kinder und Jugendliche Angaben dazu gemacht, wie sie mittlerweile ihre Freizeit verbringen? Lassen sich Ihrer Meinung nach daraus Schlüsse ziehen, ob sich für junge Menschen etwas verändern wird, auch längerfristig?

Da die Befragung zu einem recht frühen Zeitpunkt während der Pandemie stattfand, können wir aus unseren Daten keine Schlüsse ziehen, wie inzwischen die Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen aussieht. Es wurde aber sichtbar, dass die Kinder und Jugendlichen deutlich mehr Zeit mit der Familie und ihren Eltern verbracht haben. Ebenso stieg die Zeit deutlich an, die sich Kinder und Jugendliche mit digitalen Medien bzw. mit dem Internet beschäftigt haben. Das war auch durch das Homeschooling bedingt, aber nicht nur, wie wir aus den Antworten auf die offenen Fragen wissen. Auch wurden Freunde viel häufiger online getroffen als zuvor. Da zeigten unsere Daten bereits im letzten Jahr einen Trend an, der sich nach dem nächsten Lockdown im Herbst und Frühjahr noch verstärkt haben dürfte und wohl auch zukunftsweisend ist.

Zukunftssorgen wurden häufig thematisiert

Kann darüber hinaus tatsächlich jetzt schon von (psychischen) Langzeitfolgen gesprochen werden und wenn ja welche sind das?

Das lässt sich aus unseren Daten nicht unmittelbar ableiten und ist insgesamt auch schwierig, weil das von vielen kontextuellen Faktoren abhängt. Allerdings konnten wir sehen, dass bestimmte Kinder und Jugendliche stärker mit Ängsten und Sorgen belastet sind als andere, Mädchen etwa oder Kinder und Jugendliche aus soziökonomisch benachteiligten Familien. Es wurde insgesamt häufig über Traurigkeit und Einsamkeit berichtet, aber auch über Zukunftssorgen, Sorgen hinsichtlich des eigenen Medienkonsums oder Sorgen bezogen auf die Schulleistungen. Wenn man annimmt, dass diese negativen Gefühle auch über den Rest des Jahres 2020 hinweg angehalten haben, dann ist es nicht überraschend, wenn andere Untersuchungen vermehrt über psychische Auffälligkeiten wie etwa Depressionen, Angst- oder Essstörungen bei jungen Menschen berichten. Zudem haben einige Untersuchungen gezeigt, dass Kinder, die bereits zuvor psychisch auffällig waren, nochmal stärker von der Situation rund um die Pandemie belastet wurden. Das manifestierte sich mittelbar auch in unseren Daten. Jedenfalls war es so, dass Kinder, deren Wohlbefinden vor der Pandemie hoch war, auch während der Pandemie eine höhere Lebenszufriedenheit aufwiesen.

Haben Kinder und Jugendliche Wünsche für eine Zeit nach der Pandemie formuliert?

Danach haben wir zum damaligen Zeitpunkt nicht gezielt gefragt, weil noch gar nicht abzusehen war, dass der pandemische Zustand derart lange andauern wird. Aus den Antworten auf die Frage nach den Sorgen der Kinder und Jugendlichen und dem, was sie am meisten vermisst haben, lassen sich aber einige Rückschlüsse ziehen. Im vergangenen Jahr äußerten viele die Angst davor, dass sie selbst, ihre Angehörigen oder Freunde krank werden, äußerten Angst vor der Zukunft oder vor finanziellen Schwierigkeiten der eigenen Familie. Vor allem wurden Freunde vermisst und jene Angehörige, die nicht in der eigenen häuslichen Gemeinschaft wohnen. Auch äußerten viele eine gewisse Vorfreude auf den Wiederbeginn der Schule. Also, wenn man das in Wünsche übersetzt, dann zeigt sich hier z.B. der Wunsch nach Gesundheit, der Wunsch Freunde und Verwandte wieder sehen zu können, aber auch der Wunsch, die Schule wieder besuchen oder Freizeitangebote wahrnehmen zu können.

Junge Menschen endlich in den Mittelpunkt rücken

Haben Sie Vorschläge wie verhindert werden kann, dass es zu einer verlorenen Corona-Generation kommt?

Nachdem in Deutschland die Situation von Kindern und Jugendlichen für die politisch verantwortlich handelnden Personen lange Zeit keine besondere Rolle gespielt hat, sollte wenigstens jetzt versucht werden, die jungen Menschen zu unterstützen. Wichtig ist vor allem, ihre Situation ernst zu nehmen, das lässt sich auch auf der Basis unserer Ergebnisse sowie ausgehend von anderen Studien sagen. Bedenken sollte man auch, dass die Regelschule die Probleme nicht alle wird auffangen und lösen können, das kann auch ein privater Markt an Nachhilfeangeboten nicht. Wichtig ist es jetzt, die soziale Infrastruktur zu stärken, das Angebot an kinder- und jugendtherapeutischen Leistungen z.B., aber auch das der Schulsozialarbeit.

Vielen Dank für Ihre Einblicke zu den Ergebnissen Ihrer Studie und viel Erfolg bei Ihrer weiteren Forschung!

Weitere Informationen zur Studie COVID KIDS stehen auf den Seiten der Universität Tübingen bereit.

Das Gespräch führte Mareike Ketelaar.

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