Digitalisierung und Medien / Jugendforschung

Wie Model- und Fitness-Influencerinnen Essstörungen verstärken können

Eine sehr schlanke Frau hat ein Maßband um ihren Bauch gelegt und kontrolliert den Umfang.
Bild: © Christian Schwier - Fotolia.com

143 von Essstörungen betroffene Menschen wurden zu ihrer Instagram-Nutzung und der Rolle von Influencerinnen im Kontext ihrer Krankheit befragt. Die Studie zeigt: Instagram ist für viele Mädchen und Frauen ein Begleiter auf dem Weg in die Essstörung, kann in Einzelfällen aber auch zur Genesung beitragen.

Instagram ist für viele Mädchen und Frauen ein Begleiter auf dem Weg in die Essstörung, kann in Einzelfällen aber auch zur Genesung beitragen. Das zeigt eine aktuelle Studie, die vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen und der Hochschule Landshut durchgeführt und auf der Jahrestagung des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE) vorgestellt wurde. Befragt wurden, in Kooperation mit dem BFE und der Schön Klinik, 143 Menschen, 138 davon Mädchen und Frauen, die sich aktuell in Behandlung wegen Essstörungen befinden. Befragt wurde mit einem Fragebogen mit offenen und geschlossenen Fragen, die über die betreuenden Therapeut/-innen an die Betroffenen ausgegeben wurden. An der Studie beteiligten sich 26 auf Essstörungen spezialisierte Einrichtungen in ganz Deutschland.

Bilder auf Instagram zu posten, hat auch im realen Leben Konsequenzen

Drei Viertel (74 %) der Mädchen und Frauen mit Essstörungen sind aktiv auf Instagram und posten Bilder von sich. Auf ihren Bildern ist es ihnen besonders wichtig, „schlank“ auszusehen, aber auch, sich „von der besten Seite zu zeigen“ und „natürlich“ zu erscheinen. Um dies zu erreichen, nutzen sieben von zehn (72 %) Befragten Filter-Apps, um zum Beispiel die Haut zu korrigieren, die Zähne aufzuhellen oder Gesicht und Körper schlanker zu gestalten. Doch trotz Nachbearbeitung können die eigenen Bilder in den Augen der Befragten dem Vergleich mit anderen nicht standhalten. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen realen Körper steigt, sie beginnen, ihr Ess- und Trainingsverhalten zu verändern, die virtuelle Lebenswelt greift in den realen Alltag ein. Orientierung in Bezug auf Werte und konkretes Handeln bieten ihnen dabei Influencerinnen.

Influencerinnen wie Heidi Klum und Pamela Reif als Begleiterinnen in die Krankheit

Auf die Frage, ob es bestimmte bekannte Persönlichkeiten gibt, die besonderen Einfluss auf die Entwicklung der Essstörung hatten, werden eine ganze Reihe von Namen genannt. Die Hälfte der befragten Frauen und Mädchen gibt an, Heidi Klum hätte mindestens „ein wenig Einfluss“ auf die Entwicklung ihrer Essstörung gehabt. Lena Gercke, die Gewinnerin der ersten Staffel von Germany’s Next Topmodel, wird von jeder Dritten als bedeutsam beschrieben.

Jede vierte Befragte schreibt Fitness-Influencerin Pamela Reif einen Einfluss auf die Essstörung zu, 18% aller Befragten geben an, sie hätte sogar einen „sehr starken Einfluss“ auf ihre Erkrankung gehabt. Ein weiterer mehrfach als besonders bedeutsam genannter Name ist Anne Kissner. Frauke, 22 Jahre, seit vier Jahren in Behandlung wegen Anorexie, beschreibt beispielsweise: „Ich verglich die Mengen/Kalorien, die sie essen, mit meinen und dachte, dass so wenig Essen/Kalorien normal und gesund sind.“ Frauke nahm innerhalb von einem Jahr 18 kg ab und entwickelte so eine Anorexie.

Essstörungen sind komplexe psychosomatische Erkrankungen, es sind somit nicht Influencerinnen allein, die eine Essstörung befördern. Doch Influencerinnen leben Werte vor, zeigen Ziele im Leben auf und können zum konkreten Vorbild für essgestörtes Verhalten werden.

Wo Influencerinnen bei der Heilung unterstützen

So wie Fitness-Influencerinnen die Notwendigkeit eines sehr dünnen Körpers, ständiger Diät und Fitness propagieren, ist auch eine Erweiterung des Schönheitsideals und eine positive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper möglich. Explizit genannt wird zum Beispiel Fine Bauer: Als Model für große Größen half sie Leonie, 31 Jahre alt und seit 19 Jahren in Behandlung wegen Bulimie, ihren Körper zu akzeptieren und zu erkennen, „dass ich auch mehr Bauch haben kann und darf.“

„Diese Positivbeispiele zeigen: Wir brauchen dringend mehr Realitätsnähe, Individualität und diversere Körperbilder in der Medienlandschaft insgesamt, insbesondere aber auch bei den Influencerinnen“, sagt Dr. Maya Götz, Leiterin der Studie am Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. „Influencerinnen haben eine starke Wirkung auf junge Menschen“, betont Prof. Dr. Eva Wunderer, die an der Hochschule Landshut die Studie wissenschaftlich begleitete. „Sie müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein. Was viele Klicks erzeugt, ist nicht zwangsläufig auch gut für die Follower/-innen.“

Quelle: Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen vom 17.07.2019

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