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Im Gespräch

Schule und Corona – Schulsozialarbeit vor allem jetzt eine wichtige Unterstützung

Wegweiser mit der Aufschrift Love To Learn
Bild: Tim Mossholder - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Der bisherige Verlauf der Corona-Pandemie hat bewiesen, dass noch viel zu tun bleibt in unseren Schulen, damit sie zu guten Lernorten für alle Schüler/-innen werden. Wie kann die Schulsozialarbeit im Sinne der jungen Menschen hier schützend und unterstützend einwirken? Welche Potentiale gibt es? Welche Risiken und Leerstellen ergeben sich? In unserer Interviewreihe „Im Gespräch“ beleuchten wir mit Fachreferentin Julia Schad-Heim die Rolle von Schulsozialarbeit im bisherigen Pandemiegeschehen und im Hinblick auf kommende Herausforderungen.

Unter sommerlichen Temperaturen sind die Inzidenzen niedrig. Daher treten Lockerungen in Kraft, die sich nach dem Infektionsgeschehen der Land- bzw. Stadtkreise richten. Nun steht der Herbst bevor und damit eine mögliche neue Welle. Insbesondere die Delta-Variante ist derzeit in der Öffentlichkeit groß im Gespräch. Junge Menschen könnten im Herbst besonders von Infektionen betroffen sein.

Es stellen sich im Hinblick auf das Schuljahr 2021/2022 dringende Fragen: Wie geht der Schulunterricht nach den Sommerferien weiter? Gibt es Präsenzunterricht, eine Maskenpflicht? Was wurde bislang getan und was kann noch passieren, damit Schule und ihre Fachkräfte sich gut aufstellen können? Was brauchen Schüler/-innen?

In unserer Interviewreihe „Im Gespräch“ beleuchten wir verschiedene Aspekte der Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe sowie auf junge Menschen und ihren Alltag.

Diesmal sind wir mit Julia Schad-Heim im Gespräch. Sie ist Referentin für Schulsozialarbeit bei IN VIA Deutschland e.V. und gibt uns einen Einblick in die aktuelle Fachdiskussion zur Situation der Schulsozialarbeit bzw. Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) in der Corona-Pandemie. Sie spricht sich für eine weitere Stärkung der Kooperation von Jugendhilfe und Schule aus. Auch wirbt sie dafür, dass die Sommerferien dazu genutzt werden, außerschulische Räume für den Bedarfsfall mitzudenken oder Spuck- und Schutzwände zu installieren, damit die jungen Menschen sich wieder auf ihre gemeinsamen Lernorte verlassen können - „Schulschließungen sollten ja mittlerweile keine Option mehr sein". 

Fachkräfte haben sich pragmatisch, flexibel und kreativ auf diese nie dagewesene Situation eingestellt

Frau Schad-Heim, häufig ist ja ein kleiner Rückblick sinnvoll bevor man es wagt, nach vorne zu schauen. Können Sie uns sagen, wie Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter die letzten 1,5 Jahre während der Corona-Krise erlebt haben?

Für die meisten jungen Menschen und an Schulen tätige Personen waren die plötzlichen pandemiebedingten Schulschließungen im März 2020 einschneidende Erfahrungen. Alle standen vor großen Herausforderungen mit vielen Fragezeichen. Sehr viele Schulsozialarbeiter/-innen, Fachkräfte der Jugendsozialarbeit an Schulen und Kolleg/-innen aus der schulbezogenen Jugendsozialarbeit* haben sehr schnell reagiert. Sie haben sich pragmatisch, flexibel und kreativ auf diese nie dagewesene Situation eingestellt und ihre Angebote angepasst. Immer vor Augen, dass junge Menschen in dieser Krisenzeit besonders verletzbar sind und Unterstützung benötigen.

Im Verlauf der letzten Monate mussten sich Schulsozialarbeiter/-innen immer wieder auf (teilweise) Schulöffnungen einstellen, wechselnde Infektionsschutz-Auflagen bei ihren Angeboten beachten und zwischenzeitlich auch wieder Schulschließungen erleben. Wie haben sie das gemeistert?

Mit der Zeit konnten die Fachkräfte einen Umgang mit diesen Herausforderungen finden. Zusammen mit Lehrkräften wurde in den letzten 1,5 Jahren alles darangesetzt, alle Kinder und Jugendlichen im Blick zu behalten. Schwer auszuhalten war, wenn manche Schüler/-innen tatsächlich nicht erreichbar waren. Kontinuierlicher persönlicher Kontakt, Gruppenangebote und ein unbeschwerter Alltag am Lern- und Lebensort Schule fehlen den meisten weiterhin sehr. Von unserer IN VIA-Bundesgeschäftsstelle aus sind wir seit Beginn der Pandemie mit Trägern und Schulsozialarbeiter/-innen zu diesen Entwicklungen im Gespräch. Ihre Perspektiven und Anliegen können wir so gebündelt auf die Bundesebene, in die Öffentlichkeitsarbeit und in die Politik tragen.

Was haben Fachkräfte der Schulsozialarbeit in den Zeiten der Schule auf Distanz gemacht? Wie sind sie mit den jungen Menschen und ihren Familien in Kontakt geblieben?

Zunächst sicherten die Schulsozialarbeiter/-innen ihre Ansprechbarkeit per Telefon, E-Mail und über soziale Medien. In vielen Fällen wurden auch immer wieder persönliche Kontakte über Balkon- und Fenstergespräche sowie Spaziergänge und per Post ermöglicht. Welche Kontaktformen sich am besten eignen, hängt immer auch von der Altersgruppe der jungen Menschen, ihren individuellen Anliegen und dem Schultyp ab, an dem die Schulsozialarbeiter/-innen tätig sind. Die technische Ausstattung und das Know-How sowohl der jungen Menschen als auch der Fachkräfte ist natürlich auch sehr ausschlaggebend. 

Nicht alle Träger sind in der Lage, ihre Fachkräfte technisch angemessen auszustatten

Wie konnten Schulsozialarbeiter/-innen darauf reagieren, wenn beispielsweise die technische Ausstattung der Schüler/-innen nicht ausreichend war?

Schulsozialarbeiter/-innen und ihre Träger haben teilweise über Spenden Tablets für junge Menschen angeschafft und verliehen. Aber auch Fachkräfte waren und sind immer noch nicht ausreichend technisch vorsorgt. Während einige Träger in der Lage waren ihre Fachkräfte selbst rasch mit Smartphones und/oder Dienstlaptops ausstatten konnten, haben andere Träger diese Möglichkeiten nicht. Leider haben Schulsozialarbeiter/-innen auch nicht unmittelbar Zugang zu Mitteln aus dem DigitalPakt Schule.

Haben sich dennoch digitale Kompetenzen bei der Schulsozialarbeit weiterentwickelt? 

So oder so steigerten die große Mehrheit der Schulsozialarbeiter/-innen ihre Kompetenzen im Bereich digitaler Medien. Es haben sich mehr Möglichkeiten und eine konzeptionelle Weiterentwicklung geschützter Online-Beratungstools ergeben. Zudem haben sie neue kreative Projekte entwickelt. Über Musik-Challenges zum Beispiel, für die auch ausgewählte Online-Plattformen genutzt wurden, konnten sie Anliegen und Themen junger Menschen aufgreifen und in die Öffentlichkeittragen. Auch Podcasts gehören mittlerweile zum Angebotsportfolio einiger Schulsozialarbeiter/-innen. Mehr denn je sind für die Kolleg/-innen auch eine kompetente Fachberatung und der Austausch untereinander wichtig.

Junge Menschen wie auch ihre Familien waren dankbar für die Unterstützung durch die Schulsozialarbeiter/-innen

Wir haben vorhin über das ständige Hin und Her der Öffnung und Schließung von Schulen gesprochen. Wie lief in dieser Zeit die Zusammenarbeit von Schulsozialarbeit mit Lehrkräften und Eltern?

Uns wurde berichtet, dass Kinder und Jugendliche in Lockdown-Zeiten froh waren, dass sie auch Bezugspersonen außerhalb ihrer Familien hatten. Auch viele Eltern waren dankbar für eine Kontaktaufnahme und Unterstützung von Ansprechpartner/-innen wie Schulsozialarbeiter/-innen. Sehr deutlich wird einfach, welche zentrale Brückenbau- und Scharnierfunktion die Schulsozialarbeit hat. Zu ihren Kompetenzen gehört schon immer, dass sie zwischen dem Schulsystem und Angeboten der Jugendhilfe vermittelt. Verstärkt haben sich zum Beispiel auch Lehrkräfte an Schulsozialarbeiter/-innen gewendet, die bei der Kontaktaufnahme zu Schüler/-innen und ihren Familien sowie bei ihrer Begleitung Unterstützung suchten.

Hat diese verstärkte Brückenfunktion der Schulsozialarbeit in Pandemiezeiten Folgen?

Unsere Praxis zeigt: der Schulsozialarbeit wird mehr Wertschätzung entgegengebracht und eine Kooperation auf Augenhöhe wird deutlicher seit Beginn der Pandemie. Viele Kolleg/-innen haben mittlerweile auch Zugang zu Lernplattformen und Cloud-Lösungen, die an Schulen genutzt werden. Leider ist das bei weitem nicht überall der Fall und variiert sehr je Bundesland. Schwierig ist es für die Schulsozialarbeit aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen auch nach wie vor, klassen- und altersstufenübergreifende Gruppenangebote umzusetzen. 

Schulen zu schließen sollte mittlerweile keine Option mehr sein!

Was brauchen Fachkräfte jetzt, wo es um eine Rückkehr in den Präsenzunterricht geht?

Schulsoziarbeiter/-innen sind mittlerweile gut in der Lage, ihre Beratungsangebote und Projekte anzupassen, je nach lokaler Situation und Hygienevorgaben. Grundlegend ist für sie und junge Menschen aber eine kontinuierliche persönliche Kontakt- und Beziehungsarbeit in Präsenz. 
Notwendig sind mehr Ressourcen, sowohl zeitlicher als auch materieller Art, für die Weiterentwicklung digitaler Konzepte in der Schulsozialarbeit und bei der Sicherstellung der technischen Ausstattung. So ist ein Ausbau hybrider Angebote möglich.

Und noch wichtiger ist jetzt kurzfristig sowie mit Blick auf einen ungewissen Herbst, konkrete Schutzmaßnahmen in Schulen zu realisieren! Denn, Schulen wieder zu schließen, sollte mittlerweile keine Option mehr sein. Schulsozialarbeit soll für alle niederschwellig erreichbar sein und auch aufsuchend tätig sein können – das geht nur mit offenen Schulen, Begegnung und Beziehungsarbeit. Damit junge Menschen sowie alle an Schulen tätigen Personen sich sicher fühlen können, sind endlich flächendeckend (mobile) Luftfilteranlagen anzuschaffen und Lösungen für genügend Raum zu finden. Konzeptionell muss hier auch ein Ausweichen auf außerschulische Räume mitgedacht werden. Zudem sollten in den Klassenzimmern und Büros, wenigstens zeitweise, auch Spuckschutz-Scheiben einsetzbar sein. Hierfür sollten diesmal die Sommerferien wirklich genutzt werden!

Welche Bedarfe sehen Schulsozialarbeiter/-innen derzeit bei ihren Schüler/-innen? Wie kann Schulsozialarbeit gerade jetzt Schüler/-innen unterstützen?

Aktuell kommt es darauf an, die Rückkehr und das Ankommen im Schulalltag gut zu begleiten. Für viele ist es schwierig, sich wieder an eine schulische Alltagsstruktur zu gewöhnen. Bereits seit Ende des ersten Lockdown verzeichnet die Schulsozialarbeit ein sehr hohes Aufkommen von Einzelfallarbeit und -beratung von jungen Menschen und Eltern. Beratungsanlässe sind oft Ängste und weitere psychische Schwierigkeiten, die junge Menschen entwickelt haben sowie Fragen zum Umgang mit teils stark gesteigertem Medienkonsum. Es wird auch um die Aufarbeitung von Konflikten und Erlebnissen gehen, die Kinder und Jugendliche in Lockdown-Zeiten erfahren haben. Hinzu kommt, dass tatsächlich einige in schlechtem körperlichem/gesundheitlichem Zustand sind.

Wichtig ist es jetzt sehr präsent zu sein als Schulsozialarbeiter/-in und so viel wie möglich an unbeschwertem Beisammensein zu bieten.

Ist es der Schulsozialarbeit möglich, für all diese akuten Bedarfe entsprechend da zu sein?

Leider gibt es noch lange nicht an allen Schulen Schulsozialarbeiter/-innen. Zudem sind einige nur mit geringem Stundenumfang eingesetzt. Wir hoffen sehr, dass die Bundesländer ihr Engagement zum Ausbau und der nachhaltigen Absicherung der Schulsozialarbeit jetzt steigern. Hierfür bietet das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ zumindest einen wichtigen Anschub. Zudem ist das Angebot kürzlich im Kinder- und Jugendhilfegesetz als neuer Paragraph 13a verankert worden. Das sollte den Handlungsdruck unterstreichen.

Es gilt, die Fortschritte in der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule weiter zu stärken

Welche Chancen und Potentiale ergeben sich derzeit für die Schule, Schulsozialarbeit und junge Menschen?

Trotz aller Entbehrungen und Ungewissheiten der letzten Monate, haben sowohl junge Menschen als auch Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter/-innen wichtige Lernerfahrungen gesammelt und neue Kompetenzen erlangt. Wir sehen Fortschritte in der Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe- und Schulsystem. An diesen gilt es festzuhalten und eine multiprofessionelle Zusammenarbeit weiter zu qualifizieren. Schulsozialarbeit kann auch verstärkt als Türöffner und Kooperationspartner dienen für Akteure außerschulischer Bildungs- und Jugendarbeit. Hier könnte noch mehr an Vernetzung und Zusammenarbeit entstehen.

Zudem bot das digitale Lernen für einige junge Menschen ungeahnte Chancen. Gerade für junge Menschen, die Schwierigkeiten haben in einem Klassenverband oder die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Schule gehen (können).

Sehr deutlich ist allerdings geworden, dass in der Pandemie über bestehende Beteiligungsstrukturen für junge Menschen in der Schule, z. B. Schüler/-innenvertretungen und andere Formate, zu lange einfach hinweggesehen wurde. Das darf nicht wieder passieren. Im Gegenteil, Beteiligungsstrukturen sind jetzt systematisch aufzubauen und zu stärken.

Schulen und das Bildungssystem insgesamt können sicherlich einige Lehren aus den letzten Monaten ziehen – wir hoffen nicht nur, wir drängen auch darauf, dass dies zu Veränderungen im Bildungssystem hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nadine Salihi.

Zur Person:

Julia Schad-Heim arbeitet auf der Bundesebene als Referentin für Bildung, Schulsozialarbeit und Jugendsozialarbeit bei IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit – Deutschland e.V. Sie ist auch für das Themenfeld „Bildung und Schulsozialarbeit“ bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e.V. zuständig. Zudem ist sie Mitglied im Kooperationsverbund Schulsozialarbeit.

*Für die unterschiedlichen Bezeichnungen Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit an Schulen und schulbezogene Jugendsozialarbeit verwendet die Interviewpartnerin in ihren Antworten Schulsozialarbeit als Überbegriff.

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