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Dokumentarfilm "Berliner Rand" - Interview mit dem Regisseur

Burger essender junger Mann auf Fahrrad
Bild: rbb/Arte

Der Filmemacher Jens Becker erzählt in seinem 2009 entstandenen Dokumentarfilm drei Geschichten von deutschen Jugendlichen - die entwurzelt, ohne Flügel - mitten unter uns leben. Es sind Schicksale, die berühren, die sprachlos machen, angesichts der ihnen zugefügten Rohheit. Betroffen und hilflos entlässt dieser Film sein Publikum.

Der Dokumentarfilm "Berliner Rand" wird am 13. August 2010 um 22:35 Uhr auf ARTE zum ersten Mal im Fernsehen gesendet, am 16. September 2010 auch im Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb).

 Professor Jens Becker, Copyright: Jens Becker
Copyright: Professor Jens Becker

Jens Becker ist Professor für Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg.

Sensibel und genau beobachtend, niemals seine Protagonisten kompromittierend und absolut wertfrei spiegelt dieser Film eine Seite unserer Gesellschaft, die kaum einer zu sehen bekommt oder auch nur wahrnehmen möchte.

Aus Anlass der Preview am 23.06.2010 in der Berliner Wabe hatte  Nadja Wienholz vom "Die Kappe e. V. - Verein für soziale Alternativen in Berlin" die Gelegenheit, Herrn Prof. Jens Becker zu treffen, und führte das folgende Interview mit ihm:

Angesichts Ihres bisherigen Schaffens von mehr als 50 Spiel-, Trick- und Dokumentarfilmen als Drehbuchautor und Regisseur, indem Sie vielfältigste Themen und Bereiche  behandelten und gemessen am Zeitgeist unglaublich spannende Ereignisse sensibel erzählt, gespiegelt und nicht bekannte Zeitzeugnisse dargelegt haben: Warum wählten Sie gerade dieses Thema?

Ich habe einige Jahre tolle Reportagen gemacht, die nicht so beachtet wurden. Dann bin ich in die Geschichtsdokus  rein geraten und das sehr erfolgreich. Vor zwei Jahren dann habe ich den Film „Krieg in Arktis“ gedreht mit einem Produzenten, der mich fragte, ob ich nicht Lust hätte mit ihm einen Film auf einer anderen Ebene zu machen. „Ja gerne, aber ich möchte nicht immer Geschichtsdokus machen,  sondern würde gerne mal wieder einen Stoff behandeln, der in der Gegenwart spielt. Der die Probleme beschreibt, die wir hier haben und die in den Fokus gerückt werden müssen. Mich interessieren wirklich die Verwerfungen in der Gegenwart.“ Das nahm er zur Kenntnis und kam nach einiger Zeit auf mich zu und fragte: „Wollen wir nicht etwas machen über Kinder im Abseits aus sozialen Gründen?“ Hintergrund war der, seine Frau ist Botschafterin der „Arche“ und das war dann auch mein erster Anlaufpunkt. Ich kam dahin und schaute mir diese für mich völlig fremde Welt an. Ich wohne in Pankow, gut bürgerlich, meine Tochter besucht ein Elitegymnasium. So etwas kannte ich nicht. Für mich war  erschreckend, wie viele Kinder in Deutschland so leben, fern von Bildung, abseits von Emotionalität und Liebe. Und dann sah ich einen Film mit Namen „Zirkus ist nicht“, der genau dieses Phänomen beschreibt und der Klasse ist. Und da wusste ich, das geht nicht, den Film gibt es schon. Aber dann kam ich auf die Idee, man könnte doch mal etwas über Jugendliche machen. Weil das richtig spannend ist, Jugendliche zu begleiten, die in dem Alter sind, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen müssen und die das nicht können. Weil sie Eltern haben, die sie nicht fördern. Weil sie in der Schule nicht klar kommen. Es war krass, was ich dann erlebt und kennengelernt habe, dass sie teilweise Analphabeten sind oder  Drogen nehmen, weil sie überhaupt keinen Halt haben. Für mich war von Anfang an klar, dass der Film ein Langzeitdokument werden muss. Ich habe die Jugendlichen dann ein Jahr lang begleitet, weil ich Entwicklungen zeigen wollte. Ich habe mir bewusst Jugendliche ausgesucht, von denen zu erwarten war, dass in einem Jahr eine Entwicklung passieren wird, egal in welcher Richtung. Und dann, ich hatte in der Arche meine Recherchen begonnen, wollte ich davon aber auch wegkommen, nicht nur darauf fokussieren sondern gucken, gibt es staatliche oder städtische Träger, gibt es eigentlich noch andere Möglichkeiten. Und dann ist mir etwas Erstaunliches aufgefallen. Am Anfang habe ich gedacht, diese Jugendlichen, die sind sich selbst überlassen und finden keine Hilfe. Über das Jahr habe ich gelernt, dass das nicht so ist. Sondern jeder kann Hilfe finden. Nur, sie sind meistens in einer Situation, wo sie selber nicht mehr in der Lage sind, sich diese Hilfe zu suchen. Also das eigentliche Problem aus meiner Beobachtung ist, wie finden die Hilfsmöglichkeiten und die Hilfsbedürftigen zu einander. Da habe ich in dem Jahr wirklich einiges erlebt, das mich sehr überrascht und sehr erschreckt hat was man auch im Film sieht wie Jugendliche ziellos durchs Leben taumeln und wie man ihnen hilft.

Ich hatte mich bewusst für Marzahn, Hellersdorf und Lichtenberg entschieden, denn ich wollte auf gar keinen Fall etwas über Migrantenjugendliche erzählen. Davon gibt es schon genügend Geschichten. Ich wollte zeigen, dass es diese Problematik unter Deutschen gibt und dass das nämlich nicht thematisiert, stattdessen unter den Teppich gekehrt wird. Das ist sozusagen der Wurmfortsatz der Pisadebatte. Das ist der Teil, über den keiner mehr wagt zu reden, wie viele Kinder und Jugendliche es gibt, die von der Gesellschaft aufgegeben worden sind. Was die eigentlich für ein Potential haben.

Ich habe dann diese drei Geschichten in Form von vier jugendlichen Protagonisten begleitet, ein Zwillingspärchen Daniela und Katja, der 19-jährige Volkmar Kevin und das Mädchen Kathi. Keine der Geschichten ist so ausgegangen, wie ich es erwartet hatte.

Mein erster Drehtag war mit Volkmar-Kevin, als er von zuhause auszog. Ich lernte seine Eltern und sein Zuhause kennen und danach war klar, es konnte nur besser werden. Und das hat dann auch geklappt. Er hatte das Glück, vom Jugendamt vermittelt, in eine "Betreute Jugendwohngemeinschaft" des Vereins Die Kappe e. V. einziehen zu können. Ab da an ging’s bergauf. Das ist die geradeste, beste, ja die Erfolgsgeschichte geworden. Aber ganz kurz vor dem Ziel hatte Volkmar Kevin einen schwerwiegenden Fahrradunfall. Das hat auch etwas damit zu tun wie er gepolt ist. Er ist jemand, der ganz antriebsarm und langsam ist. Mein Bild von ihm ist immer, er steht oder sitzt im Raum und alle um ihn herum bewegen sich oder tun etwas für ihn und er sagt dann irgendwann mal ja oder nee. Aber mehr passiert da nicht. Und das, was ihm im Leben an Tempo fehlt, lebt er auf seinem Fahrrad aus. In der Zeit, in der wir gedreht haben, hatte er grandiose Chancen, die er alle nicht genutzt hat und dann noch dieser schwere Unfall. Trotz alledem ist für seine Verhältnisse am Ende alles gut ausgegangen. Nämlich, er hat die Schule beendet, eine Lehre als Lagerist bekommen und hat sich zwischendurch zum ersten Mal verliebt. Das ist dann zwar wieder auseinander gegangen, aber es war eine gute Erfahrung. Also: Alles in allem eine Erfolgsgeschichte.

Dann gab es Kathi, sie lebt in einem schwierigen Haushalt. Der Vater hat achtzehn Kinder mit fünfzehn Frauen. Kathi musste immer auf irgendeins ihrer Geschwister aufpassen. Sie definierte sich ausschließlich darüber für andere da zu sein. Sie selbst war nie anwesend, sondern nur als Kindermädchen dieser Familie. Kathi ist nahezu Analphabetin und kann auch nicht rechnen. Sie scheitert an Aufgaben: Wie 60 minus 6 und das mit 18 Jahren. Offenbar ist sie dem Jugendamt durchgerutscht, weil die Familie alle halbe Jahre den Wohnort wechselt. Immer wenn die Ämter auf sie aufmerksam werden, entziehen sie sich durch Umzug, das ist der Trick.  Deswegen hatte sie auch keine Schulbildung.

Dann passierte etwas Unerwartetes. Kathi fuhr in den Ferien mit der Arche in die Schweiz. Wir fuhren eher zufällig mit, denn ich habe am Anfang lange überlegt, schon aus Kosten-gründen für unseren Film - ob wir das machen sollen. Aber ich hatte so ein Gefühl,  diese Reise könnte wichtig werden. In der Schweiz ist Kathi in eine ganz normale Mittelstandfamilie gekommen. Mutter Hausfrau, Vater gehobener Bankangestellter, der es sich leisten kann am Nachmittag von seiner Arbeit nach Hause zu kommen, um mit den Kinder Karten zu spielen, nach den Hausaufgaben zu fragen, mit ihnen zu essen und dann geht er noch mal arbeiten. In dieser Familie hat Kathi eine Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, die sie in ihrem ganzen Leben noch nie hatte. Von da an konnte sie nicht mehr in ihrer Familie leben, musste fliehen und ist dann weg. Wir haben sie begleitet, das war schon sehr aufregend und das habe ich nicht erwartet.

Die dritte Geschichte war die chaotischste und schlimmste, die der einundzwanzigjährigen Zwillinge Katja und  Daniela. Beide leben mehr oder weniger auf der Straße und haben überhaupt keinen Halt. Das Arbeitsamt hatte ihnen den Zugang in die Einrichtung „Die Manege“ ermöglicht, die den Zwillingen alle Chancen bot, die sie nur irgendwie erhalten konnten, damit sie wieder Halt und Grund unter ihre Füße bekommen. Die beiden haben alles versaut, was man sich nur versauen kann. Damals waren sie schon 21 Jahre und eigentlich erwachsen. Aber sie kamen einem nicht so vor, weil emotional und geistig verkümmert. Es war ungeheuer beeindruckend mit welcher Geduld die Mitarbeiter dieses Trägers versucht haben, auf sie einzugehen, ihnen eine Berufausbildung und ein Zuhause zu geben und das ist wirklich völlig misslungen. Sie sind inzwischen obdachlos irgendwo in Berlin.

Nun haben Sie diesen Film gemacht, Sie sind fertig. Aber was könnte, was sollte jetzt aus Ihrer Sicht passieren?

Also, ich hatte die Hoffnung, als wir den Film gemacht haben, dass ich ihn ins Kino bekomme. Ich fand das alles sehr aufregend was wir beobachtet haben und ich finde es auch – wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf – sensationell. Ich kenne keinen Film, der das gemacht hat. Dann habe ich versucht den Film aufs Festival zu schicken und habe vier Ablehnungen bekommen. Die Berlinale wollte ihn nicht, das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilms (DOK Leipzig) sagte ab,  die Internationalen Hofer Filmtage sowie das Paléo Festival Nyon in der Schweiz lehnten ihn ab. Damit ist klar, ins Kino bekomme ich ihn nicht. Dieser Film ist etwas, das offensichtlich auf zuwenig Interesse in der Gesellschaft trifft. Er wird auf Arte gesendet, da denke ich, wird er eine gute Aufmerksamkeit bekommen und er wird im rbb laufen. Da erhoffe ich mir, dass ihn auch viele Leute sehen. Ich mache mir jetzt nicht zu viele Illusionen, der wird sicherlich keine riesige Quote haben, aber ich bin überzeugt, die Leute, die diesen Film sehen, die werden ihn nicht vergessen. In denen wird er etwas auslösen. Das ist ja das Tolle am Fernsehen, deswegen arbeite ich wirklich gerne fürs Fernsehen, selbst wenn man nicht die Wahnsinnsquote hat, sehen ihn vielleicht immer noch eine Million Menschen. Wenn dieser Film bei einer Million Menschen etwas bewegt, etwas anstößt zum Denken, dann ist das doch super. Was will man mehr?

Ich habe ihn ja nun auch gesehen und auf mich wirkte der Film wie eine Ohnmacht. Ich habe auch laut gelacht, überwogen haben aber die Tränen. Meine Frage: Wie ist, wie wird man nicht ignorant?

Ich kann ja immer nur Denkanstöße vermitteln. Mehr kann ich nicht machen. Filme können niemals Lösungen sein für die Gesellschaft, sondern sie können nur Fragen stellen, sie können provozieren und sie können Wunden offen halten oder überhaupt erst einmal zeigen. Das ist das, was ich kann. Die Lösungen muss die Gesellschaft finden. Aber es kann dann auch wirklich ganz konkret etwas passieren. Ich habe eine Bekannte, der es finanziell wirklich gut geht, die einen wunderbar bezahlten Job hat, der sie aber nicht ausfüllt. Nachdem sie diesen Film sah, hat sie sich mit ihrem Arbeitgeber getroffen und gesagt: „Ich möchte nur noch vier Tage in der Woche arbeiten und den fünften Tag gehe ich in die Arche, um dort ohne Geld zu  arbeiten.“ Gut, sie kann es sich auch leisten. Aber das hat der Film konkret ausgelöst bei einem Menschen, der den Film gesehen hat. Das ist doch was.

Was ich an Ihrem Film so spannend fand, ist die Neutralität, die Sie bewahrt haben. Wie machen Sie das?

Ja das ist ganz schwierig. Das ist wie ein Tanz auf des Messers Schneide, weil man einerseits natürlich versucht eine Bindung zu den Protagonisten zu kriegen, aber andererseits sehr genau darauf achten muss, dass die sich entwickelnde Beziehung nicht mit einer Freundschaft verwechselt wird. Das ist ein professionelles Verhältnis. Ich versuche auch wirklich zu beobachten, was sie erleben und das auch mit einer kritischen Distanz zu zeigen. Es gibt auch negative Erlebnisse, die ich zeige. Die natürlich jeder von sich vielleicht auch lieber verstecken würde. Das macht ein ganz schwieriges Verhältnis aus in so einem Film. Was aber immer ein Grundsatz ist in allen meinen Arbeiten, dass ich versuche, die persönliche Grenze der Menschen zu erkennen und zu achten. Jeder Mensch hat seine eigene individuelle Grenze, was er von sich zeigen will und was nicht. Diese Linie überschreite ich niemals. Ich habe schon ohne Probleme – das ist jetzt ein extremes Beispiel – mit Nazis Interviews geführt, weil ich auch deren persönliche Grenzen geachtet habe. Das heißt, ich habe einen Film gemacht, bei dem jeder Mensch, der den sieht, sagen wird: Oh Gott, das sind ja Nazis – und sich seinen Teil darüber denkt. Wenn die selbst aber sich in dem Film sehen – und die haben ihn gesehen – sagen sie: Ja so bin ich. Und ich finde, das gehört zu meiner Arbeit, das ist einfach Handwerk, das gehört dazu, dass man das schafft. Weil: Film soll ja keine Körperverletzung sein.

Meinem Empfinden nach gab es grenzwertige Momente in Ihrem Film. Ein Beispiel ist Kathi wie sie völlig hilflos da sitzt und bei dem Versuch, einen Satz vorzulesen, jämmerlich scheitert. Oder, dass sie auf die einfachsten Fragen nichts zu antworten weiß. Da war ich selbst peinlich berührt.

Das ist ein gutes Beispiel. Das ist für Kathi überhaupt kein Problem. Das ist ihr Alltag. Das schockiert uns, aber sie überhaupt nicht. Sie weiß, dass sie so ist. Sie kann damit umgehen. Weil sie im Leben ständig damit konfrontiert wird. Wenn sie einkaufen geht, dann kann sie nicht mit den Zahlen umgehen. Sie weiß nicht, wie viel Geld sie in der Tasche hat und wie viel sie sich kaufen kann. Das ist für sie überhaupt nichts Besonderes. Auch bei Kathi gibt es Dinge, die ich ganz bewusst nicht im Film erzähle. Diese, ihre Geschichte ist viel härter als der Film eigentlich zeigt. Da sind noch ganz andere Sachen passiert.

Oder auch bei den Zwillingen. Da ist es ähnlich. Allerdings muss ich sagen, es gab Situationen, da kam ich manchmal an die Grenze des Berufs. Mein erster Drehtag mit ihnen war, dass sie aus ihrer Wohnung exmittiert wurden und wir eine ganze Nacht durch Hellersdorf geirrt sind, auf der Suche nach einem Schlafplatz. Das war durchaus grenzwertig. Ich habe dann schon überlegt, warum gibst du ihnen nicht einfach hundert Euro und lässt sie ins nächste Hotel. Dann haben sie einen Schlafplatz. Das überlegt man dann irgendwie. Aber das hätte dann natürlich gar nichts geholfen. Ich glaube, dass der Film ihnen mehr geholfen hat, als wenn ich ihnen damals das Geld gegeben hätte. Die Beiden haben den Film gesehen und haben geweint und gesagt: „Jetzt haben wir etwas über uns begriffen.“ Ob das dann so ist oder ob sie das umsetzen können, weiß ich nicht.

Autorin: Nadja Wienholz, Die Kappe e.V.