Interviewreihe Fachkräftemangel

Im Gespräch – Sozialpädagogin in einer Tagesgruppe

F. arbeitet in einer Tagesgruppe für einen kleinen Träger. In den Jahren ihrer Betriebszugehörigkeit hat sie mehrere Stationen der erzieherischen Hilfen kennengelernt und sah sich dabei immer wieder mit Personalmangel konfrontiert. Ein Interview über das Bedürfnis nach mehr Anerkennung seitens des Arbeitgebers und den Wunsch nach besseren Umständen in den Sozialberufen für nachfolgende Generationen.

14.02.2024

Interview 5/5 – Sozialpädagogin F. (61 Jahre)

Im Gespräch

Erzählen Sie mal...

„Ich bin weiblich, 61 Jahre alt und ich bin staatlich anerkannte Erzieherin und Dipl. - Sozialpädagogin. Ich bin mit einem Stellenanteil von 27 Wochenstunden beschäftigt und ich arbeite derzeit in einer Tagesgruppe nach §32 SGB VIII.“

Wie lange arbeiten Sie schon bei Ihrem jetzigen Träger und in der aktuellen Einrichtung?

„Ich arbeite bereits seit 32 Jahren für den Träger. In dieser Zeit habe ich mehrere Bereiche in den Gebieten der Hilfen zur Erziehung des Arbeitgebers durchlaufen. Überwiegend war ich dabei in der stationären Jugendhilfe tätig, das heißt, ich habe lange Zeit in Wohngruppen nach §34 SGB III gearbeitet. Es waren aber auch andere Tagesgruppen und die Tätigkeit als Sozialpädagogische Familienhilfe dabei.“

Wie viele Mitarbeiter*innen hat Ihr Träger? Wie viele Stellen sind vakant?

„Meines Wissens nach gibt es ca. 100 Mitarbeiter im pädagogischen Bereich bei dem Träger, über die aktuellen Vakanzen habe ich keine Kenntnis. Von Kolleg*innen aus anderen Bereichen habe ich nur hin und wieder gehört, dass es unbesetzte Stellen gibt.“

Welche Erfahrungen haben Sie während dieser Zeit mit dem Fachkräftemangel gemacht?

„Meine Erfahrungen sind leider keine Guten. Unabhängig von der derzeitigen Lage des Mangels an passendem Personal gab es über die Jahre in allen Einrichtungen, in denen ich gearbeitet habe, das Problem, Personal zu finden. Je nach Belegung der entsprechende Gruppe wurde Personal eingestellt oder eben abgebaut, bzw. versetzt. Ich habe es immer als sehr schwierig angesehen, dass Mitarbeiter*innen gekündigt oder versetzt wurden, wenn der Stellenschlüssel eben nicht mehr passte und sobald wir als Wohngruppe neu belegt wurden, so schnell kein Personal zu finden war. Somit lebten wir Mitarbeiter*innen mit in einer ständigen, unterschwelligen Unsicherheit und konnten uns als Team gefühlt gar nicht richtig finden. In den letzten Jahren erlebte ich allerdings immer häufiger, dass der Träger zwar einstellen wollte, aber keine passende Fachkraft zu finden war. Also das aktuelle Thema des Fachkräftemangels. In absoluten Notlagen wird derzeit innerhalb des Trägers eine Vertretung für die jeweilige Einrichtung gesucht. Über die Jahre meiner Betriebszugehörigkeit habe ich leider häufig erlebt, dass Personal eingestellt wurde, aber auch relativ schnell aus Überlastungsgründen selbst wieder gekündigt hat.“

Wie ist Ihre aktuelle Belastung? Wie ist die aktuelle Belastung des Teams?

„Ich empfinde die Belastung als sehr, sehr hoch. Dadurch, dass wir derzeit eine sehr geringe Belegung haben, wurden Mitarbeiter*innen in andere Fachbereiche des Trägers versetzt. Sollten wir aber wieder neue Kinder aufnehmen, stehen wir mit einem Mangel an Mitarbeiter*innen da. Ich empfinde diese Unsicherheit als sehr belastend und so ist im Team viel Unruhe, welche sich natürlich auch auf die Kinder auswirkt. Derzeit sind wir zu zweit im Team. Sobald mein Kollege erkrankt ist, muss ich schauen, wie ich mit den Kindern alleine zurecht komme und andersherum. Das ist sehr stressig und wir stehen gefühlt immer unter Druck, da wir eigentlich die Anforderungen, die an uns gestellt werden gar nicht erfüllen können.“

Wie entlasten Sie sich gegenseitig? Wie entlastet Sie Ihr Arbeitgeber?

„Unser Arbeitgeber entlastet uns gar nicht. Das muss ich leider so deutlich sagen. Selbst wenn wir Mitarbeitenden enormen Druck machen, erfahren wir sehr selten Unterstützung. Häufig wurde uns gesagt, dass wir schauen könnten, was wir selber tun können, um uns die Arbeit zu erleichtern, dem Träger seien schließlich auch die Hände gebunden. Zwar verfüge ich aufgrund meines Alters über viel Lebens- und Berufserfahrung, auf die ich immer wieder zurückgreifen kann, dennoch fühle ich mich gelegentlich überfordert und auf mich alleine gestellt. In meinem Arbeitsbereich geht es schließlich an vorderster Stelle um Kinderschutz. Entscheidungen müssen eben im Bereich der erzieherischen Hilfen sehr gut abgewogen werden und dürfen nicht aus Überforderung unachtsam getroffen werden. Mein Kollege und ich versuchen schon uns gegenseitig zu entlasten, allerdings sind uns ja auch da die Hände gebunden. Resturlaub zum Jahresende nehmen wir z.B. nicht nach persönlichen Belangen, sondern so wie es für die Einrichtung am besten passt.“

Erfahren Sie Wertschätzung seitens des Arbeitgebers?

„Relativ wenig. Gelegentlich höre ich mal ein 'Danke, gut' meiner pädagogischen Leitung, wenn ich Berichte vorlege, um Hilfeplangespräche mit Eltern und der zuständigen Mitarbeiter*in aus dem ASD vorzubereiten. Ansonsten wird eher das Negative gesehen und bemängelt. Mein Arbeitgeber ist zwar ein tarifgebundener Träger, darüber bin ich erfreut, aber Sonderkonditionen oder Benefits gibt es keine. Zu meinem 30-jährigen Dienstjubiläum vor zwei Jahren habe ich keine Anmerkung oder ein nettes Wort gehört, das macht mich schon sehr nachdenklich und auch traurig.“

Welche Erfahrungen haben Sie in anderen Gebieten mit dem Fachkräftemangel gemacht?

„Ich bekomme häufiger mit, dass Mitarbeitende aus dem ASD erkrankt sind und Termine verschoben werden müssen, zum Beispiel wenn es um Hilfeplangespräche geht. Dadurch, dass viele Akteure, wie Eltern, ASD Mitarbeiter*innen, SPFH, usw. an einem solchen Gespräch beteiligt sind, ist die Neuterminierung dann nicht ganz so einfach. Dadurch, dass ich auch relativ viel Kontakt zu Lehrer*innen habe, da wir in der Tagesgruppe die Hausaufgaben begleiten, bin ich häufig darüber im Bild, dass viel Unterricht ausfällt oder vertreten wird.“

Was wünschen Sie sich für die letzten Jahre Ihres Arbeitslebens?

„Definitiv mehr Wertschätzung und Anerkennung. Dabei geht es mir nicht (nur) um materielle Wertschätzung. Ich wünsche mir, dass ich mich in einem Team gut austauschen kann und dass ich Supervisionen erhalte. Auf dem Papier gibt es diese Möglichkeit bei meinem Arbeitgeber schon, allerdings wurden wir damit alleine gelassen. Wir sollten einen Supervisor suchen und selbstständig Termine festlegen. In unserem Alltag in einem Team mit zwei Mitarbeiter*innen gibt es allerdings keine Zeiten, in denen so etwas stattfinden könnte. Ich wünsche mir mehr Präsenz meines Arbeitgebers und Kenntnis der Situation vor Ort. Meine Leitung steht enorm unter Druck und gibt diesen Druck nach 'unten' weiter. Zukünftig würde ich mich freuen, wenn es eine offenere Kommunikation geben würde und wieder flachere Hierarchien.“

Welche Hoffnungen hegen Sie für die nachwachsenden Fachkräfte?

„Für nachfolgende Generationen in den Sozialberufen wünsche ich mir mehr Wertschätzung, auch in finanzieller Hinsicht. Sie müssen ihrer zeitweise sehr anstrengenden und herausfordernden Arbeit entsprechend entlohnt werden. Darüber hinaus wünsche ich jedem Menschen, der sich dazu entscheidet in der Jugendhilfe zu arbeiten, dass er einen Arbeitsbereich findet, in dem er gerne arbeitet und der sich für ihn passend anfühlt, damit Freude und Gesundheit möglichst lange erhalten bleiben. Jede*r, der in dem Bereich arbeiten möchte, tut das sicherlich aus dem Grund des 'Helfen-Wollens' und wenn für diese wichtige Sache aus verschiedenen Gründen, wie übermäßiger Dokumentationspflicht, Einsparungen an allen Ecken und Mangel an Kolleg*innen keine Zeit bleibt, ist das eben sehr wenig zufriedenstellend. Ich wünsche der nächsten Generation der Mitarbeitenden wieder bessere Arbeitsumstände.“

Und welche Hoffnungen hegen Sie für die Familien bzw. Kinder in der Jugendhilfe?

„Dass es ausreichend und gut ausgebildete Fachkräfte gibt, die möglichst schnell erkennen, wo der Hilfebedarf liegt und welche Lösungen es für die vorliegenden Probleme gibt. Die Familien müssen bedarfsgerecht unterstützt werden und das geht nur mit ausreichend Personal und den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten. Die Qualität der pädagogischen Arbeit ist natürlich auch immer abhängig vom jeweiligen Menschen, der eine Stelle bekleidet und da wünsche ich den Familien motivierte, gut aus- und fortgebildete Mitarbeitende in den Teams.“

Das Gespräch führte Sophie Westerheide (freie Journalistin)

Unsere fünfteilige Interviewreihe

In unserer Interviewreihe bieten wir spannende Einblicke in die Herausforderungen von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe bieten. Die Interviews umfassen Perspektiven aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Abonnieren Sie unseren Newsletter und folgen Sie uns auf Instagram und verpassen Sie keine Nachrichten zu Entwicklungen und Aktivitäten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

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