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Aktuelle Debatten und Reformen

Anstehende politische Entwicklungen

Kulturelle Bildung erfährt seit einigen Jahren erhöhte Aufmerksamkeit. Dabei werden aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgenommen. Auch in Deutschland gibt es Sorgen bezüglich demokratiefeindlicher Entwicklungen. Der gesellschaftliche Konsens zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und gesellschaftlicher Solidarität ist nicht mehr selbstverständlich.  Daher wird diskutiert, inwiefern kulturelle Bildung „demokratiebildend“ wirken kann.

Schon seit einigen Jahren wird kulturelle Bildung bevorzugt durch öffentliche und private Mittel gefördert. Es gibt viele Förderprogramme und Modellprogramme, die kulturelle Bildung mit verschiedenen Zielen fördern. Auch das Fördervolumen hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht. Diese Tendenz scheint sich zzt. fortzusetzen.  

Ungebrochen ist die Tendenz der Politik, die Zusammenarbeit von Schulen mit Trägern kultureller Bildung zu unterstützen. Hierfür gibt es viele Förderprogramme, Konzepte und Unterstützungsstellen.

Laufende Diskussionen

Zwar lobt die Politik kulturelle Bildung vor allem für ihre integrativen Wirkungen, die Umsetzung bleibt jedoch fragmentiert. Dies liegt unter anderem an der Fülle an Zuständigkeiten, Akteuren und Angebote kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche. Es „macht sich die vielfältige und heterogene Praxis – zumeist mit lobbyistischer Unterstützung – geltend und formt eine Einrichtungs- und Angebotslandschaft aus, die in jedem der 16 Bundesländer anders konturiert, profiliert und reglementiert ist.“   

Die Folge sind viele Förderprogramme für kulturelle Bildung, die alle eine eigene Agenda haben. Förderprogramme sind auf Bundesebene und in den Ländern auf unterschiedliche Ressorts verteilt, ohne dass sie koordiniert würden. Sie sind außerdem zeitlich äußerst begrenzt. Als Folge müssen Träger erhebliche Anstrengungen unternehmen, um auf dem Laufenden zu bleiben und die unterschiedlichen bürokratischen Anforderungen zu erfüllen. Die Vielzahl von Zuständigkeiten und Programmen ist unübersichtlich, die Förderung immer zeitlich begrenzt. Daher gibt es eine breite Debatte darüber, wie die grundständige Infrastruktur kultureller Bildung sichergestellt werden kann, die notwendig ist, damit innovative Projekte überhaupt umgesetzt werden können. Dafür wird eine projektunabhängige, institutionelle, finanzielle Unterstützung für Häuser, Personal und Fortbildung gefordert. 

„Es gibt Konkurrenzen, Verdrängung und Verwerfungen. Vielfach übersteigen die Etats der Sonderprogramme die grundständigen Fördermittel, mit denen die Infrastruktur gesichert werden soll, die eine Umsetzung der Sonderprogramme doch erst möglich macht. So bietet auch keines der aktuellen populären Förderprogramme eine Unterstützung in Form von struktureller Sicherheit. Selbst da, wo der Aufbau von Strukturen das Programmziel ist, werden diese selbst nicht finanziert, sondern prekäre Verhältnisse sogar fortgeschrieben – etwa indem nur Honorarkräfte finanziert werden. Alle reden von Kooperationen. Wir wissen, dass man dafür Kommunikation und Koordination braucht, aber zu den geförderten Sachmitteln zählt nicht mal der Kaffee für die Koordinierungsgespräche." In diesem Zusammenhang wird kritisiert, dass Projektförderung immer neue spezifische Ziele setzt. Oftmals ist kulturelle Bildung dabei “Mittel zum Zweck”. Kritiker dieser Position betonen, dass Kunst und Kultur ein Wert an sich und kulturelle Bildung bzw. die Teilhabe an Kunst und Kultur ein zentraler Faktor einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung seien. Außerdem wird Kunst und Kultur als ein kritisches Korrektiv zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verstanden, das für eine ganzheitliche Existenz und eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung einen zentralen Platz im Leben (aller) Menschen haben sollte. 

Parallel wird eine andere aktuelle Debatte geführt. Seit in Deutschland der Ausbau der Ganztagsschule vorangetrieben wird, setzt die Politik vor allem auf die Kooperation außerschulischer Partner kultureller Bildung mit Schulen. „Historisch gewachsen ist eine breite Landschaft an außerschulischen Trägern, Einrichtungen und Angeboten kultureller Bildung. Deren Strukturen und Selbstverständnis unterliegen mit der Ausweitung zur Ganztagsbildung einem Paradigmenwechsel, denn projektmäßige Angebote kultureller Bildung erhalten mehr und mehr Einzug in den verlängerten Schulalltag. Generell geht es um den Wandel von der Angebots- zur Kooperationsorientierung, strukturell um die Ausweitung vom einrichtungsbezogenen zum vernetzten Bildungsangebot.“  

Dies bedroht nach der Meinung vieler Vertreterinnen und Vertreter der Jugendarbeit deren besonderen Ansätze, vor allem Parameter wie Freiwilligkeit, Stärkenorientierung und Selbstbildung, weil Schulen diese Grundprinzipien nicht teilen – Unterricht und viele extracurriculare Aktivitäten sind verpflichtend, Schulen arbeiten defizitorientiert und setzen stärker auf Lehre als auf Selbstbildungsprozesse. Die Prinzipien der Jugendarbeit werden bei Kooperationen häufig nicht beachtet: „Die Betonung des Wertes kultureller Bildung für die Allgemeinbildung – im Gegensatz zur Betonung ihres Eigenwerts als Teil von Allgemeinbildung – macht es Öffentlichkeit, Politik, Behörden und Institutionen wie Schulen leicht, Träger kultureller Bildung und ihre Angebote als Dienstleister für Bildung unter anderen zu betrachten.“ Und „wenn die Kommunen davon träumen, kommunale Bildungsgesamtkonzepte zu erstellen, in die kulturelle Bildung integriert ist, gehen sie nicht unbedingt davon aus, die jugendpolitisch auf der Rechtsgrundlage des SGB VIII verankerten Partizipationsrechte – sowohl für Kinder, Jugendliche, Eltern wie für freie Träger – mit zu übernehmen." 

Etliche Kritiker äußern die Besorgnis, dass mit den zunehmenden Kooperationsangeboten die formale Bildung mit ihren Leistungsanforderungen das Leben von Kindern und Jugendlichen mehr und mehr bestimmt. Auch der 15. Kinder- und Jugendbericht des Bundes (PDF,  6,79 MB) thematisiert diese Entwicklungen. Er beklagt, dass die Kernherausforderung, sich zu qualifizieren, das Jugendalter auf unverhältnismäßige Weise dominiere und andere gesellschaftliche Erwartungen an junge Menschen im Vergleich dazu den Hintergrund treten. Insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit - also dem Teil der Kinder- und Jugendhilfe, in dem die kulturelle Jugendbildung verortet ist – sieht der Bericht das Potenzial und zugleich die Verantwortung, Selbstpositionierung und Verselbstständigung junger Menschen zu unterstützen.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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