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Aktuelle Debatten und Reformen

Anstehende politische Entwicklungen

Kulturelle Bildung erfährt seit einigen Jahren erhöhte Aufmerksamkeit. Sie wird für alle Kinder und Jugendlichen gefordert, die Umsetzung bleibt jedoch fragmentiert. Dies liegt auch an der Unbestimmtheit des Feldes. Sieht man von den Formulierungen im SGB VIII ab, ist kulturelle Bildung kein definierter Fach- oder Rechtsbegriff. Außerdem gibt es eine Fülle an Zuständigkeiten, Akteuren und Angebote kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche. Es „macht sich die vielfältige und heterogene Praxis – zumeist mit lobbyistischer Unterstützung – geltend und formt eine Einrichtungs- und Angebotslandschaft aus, die in jedem der 16 Bundesländer anders konturiert, profiliert und reglementiert ist.“  

Die Folge sind viele Förderprogramme für kulturelle Bildung, die alle eine eigene Agenda haben. „Das wäre nicht schlimm, wäre diese nicht vielfach eine geheime. (…) Folgerichtig ist die Förderpolitik nicht nur unübersichtlich, sondern zum Teil auch kontraproduktiv. Es gibt Konkurrenzen, Verdrängung und Verwerfungen. Vielfach übersteigen die Etats der Sonderprogramme die grundständigen Fördermittel, mit denen die Infrastruktur gesichert werden soll, die eine Umsetzung der Sonderprogramme doch erst möglich macht. So bietet auch keines der aktuellen populären Förderprogramme eine Unterstützung in Form von struktureller Sicherheit. Selbst da, wo der Aufbau von Strukturen das Programmziel ist, werden diese selbst nicht finanziert, sondern prekäre Verhältnisse sogar fortgeschrieben – etwa indem nur Honorarkräfte finanziert werden. Alle reden von Kooperationen. Wir wissen, dass man dafür Kommunikation und Koordination braucht, aber zu den geförderten Sachmitteln zählt nicht mal der Kaffee für die Koordinierungsgespräche."

Seit in Deutschland der Ausbau der Ganztagsschule vorangetrieben wird, setzt die Politik vor allem auf die Kooperation außerschulischer Partner kultureller Bildung mit Schulen. „Historisch gewachsen ist eine breite Landschaft an außerschulischen Trägern, Einrichtungen und Angeboten kultureller Bildung. Deren Strukturen und Selbstverständnis unterliegen mit der Ausweitung zur Ganztagsbildung einem Paradigmenwechsel, denn projektmäßige Angebote kultureller Bildung erhalten mehr und mehr Einzug in den verlängerten Schulalltag. Generell geht es um den Wandel von der Angebots- zur Kooperationsorientierung, strukturell um die Ausweitung vom einrichtungsbezogenen zum vernetzten Bildungsangebot.“

Dies bedroht nach der Meinung vieler Vertreterinnen und Vertreter der Jugendarbeit deren besonderen Ansätze, vor allem Parameter wie Freiwilligkeit, Stärkenorientierung und Selbstbildung: „Die Betonung des Wertes kultureller Bildung für die Allgemeinbildung – im Gegensatz zur Betonung ihres Eigenwerts als Teil von Allgemeinbildung – macht es Öffentlichkeit, Politik, Behörden und Institutionen wie Schulen leicht, Träger kultureller Bildung und ihre Angebote als Dienstleister für Bildung unter anderen zu betrachten ... wenn die Kommunen davon träumen, kommunale Bildungsgesamtkonzepte zu erstellen, in die kulturelle Bildung integriert ist, gehen sie nicht unbedingt davon aus, die jugendpolitisch auf der Rechtsgrundlage des SGB VIII verankerten Partizipationsrechte – sowohl für Kinder, Jugendliche, Eltern wie für freie Träger – mit zu übernehmen."

Laufende Diskussionen

Etliche Kritiker äußern die Besorgnis, dass mit den zunehmenden Kooperationsangeboten die formale Bildung mit ihren Leistungsanforderungen das Leben von Kindern und Jugendlichen mehr und mehr bestimmt. Auch der 15. Kinder- und Jugendbericht des Bundes (PDF: 6,8 MB) thematisiert diese Entwicklungen. Er beklagt, dass die Kernherausforderung, sich zu qualifizieren, das Jugendalter auf unverhältnismäßige Weise dominiere und andere gesellschaftliche Erwartungen an junge Menschen im Vergleich dazu den Hintergrund treten. Insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit - also dem Teil der Kinder- und Jugendhilfe, in dem die kulturelle Jugendbildung verortet ist – sieht der Bericht das Potenzial und zugleich die Verantwortung, Selbstpositionierung und Verselbstständigung junger Menschen zu unterstützen.

Da es bisher an belastbaren wissenschaftlichen Studien über die Auswirkungen dieser Entwicklungen fehlt, beruhen die politischen Initiativen zum größten Teil auf Annahmen. So geht der Meinungsstreit über die richtigen Wege, kulturelle Bildung für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen, weiter.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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