Kinder- und Jugendpolitik / Jugendforschung

Vierter Sächsischer Kinder- und Jugendbericht veröffentlicht

Vier Mädchen sitzen zusammen und lachen.
Bild: © Andriy Petrenko / Fotolia.com

Der Bericht steht unter dem Titel "Lebenssituationen und Perspektiven junger Menschen im Freistaat Sachsen unter besonderer Beachtung des ländlichen Raums – Impulse für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe". Er zeigt deutlich, dass junge Menschen als "Experten" in eigener Sache wahrgenommen werden müssen.

Er enthält unter anderem die Ergebnisse einer Onlinebefragung von rund 2.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 26 Jahren. Ergänzt wird dies mit einer regionalisierten Auswertung der Studie „Jugend 2009 in Sachsen“, einer Befragung von Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe sowie durch Rückmeldungen aus neun regionalen Workshops mit Jugendlichen und Experten.

„Junge Menschen und Fachkräfte als „Experten in eigener Sache“ zu Wort kommen zu lassen, ist authentisch. Deutlich wird, dass neben dem Kinderschutz und den Frühen Hilfen die Lebensphase „Jugend“ eine größere politische Beachtung braucht. Dabei geht es um Anerkennung und Unterstützung des Engagements junger Menschen, aber auch um Erwartungen zu einer aktiveren Beteiligung und Mitentscheidung an der Gestaltung ihrer Lebenswelt vor Ort“, sagte Jugendministerin Christine Clauß.

Der Bericht wurde von der empirica ag Berlin Zweigniederlassung Bonn im Auftrag des sächsischen Sozialministeriums erstellt und die Erarbeitung durch einen Beirat begleitet. In ihrer Stellungnahme kommentiert die Staatsregierung die Ergebnisse, verweist auf besondere Aktivitäten und formuliert Handlungsbedarfe insbesondere für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe.

Die erfragten Informationen zur Lebenssituation, zu Einstellungen und Zu-kunftsaussichten der jungen Menschen wurden den eigens für die Berichterstellung gebildeten fünf Raumstrukturtypen sowie teilweise auch Gebieten mit unterschiedlicher sozialstruktureller Belastung zugeordnet. Damit lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Aufwachsen junger Menschen unter ungleichen Rahmenbedingungen darstellen.

„Sachsens Jugendliche sind wohnortverbunden und zukunftsorientiert – egal ob sie in der Großstadt oder auf dem Land leben“, freut sich Jugendministerin Christine Clauß über ein zentrales Ergebnis der Erhebung. Dies sei vor kurzem auch durch die neue Studie „Jugend 2013 in Sachsen“ bestätigt worden. „Das hohe Maß an Wohnortverbundenheit kann als identitätsstiftendes Moment von jungen Menschen mit ihrer Heimat verstanden werden“, resümiert die Ministerin, „auch wenn dem entgegen eine tendenziell geringere „Bleibeorientierung“ insbesondere in eher ländlichen Regionen festgestellt wird“.

Deutliche regionale Unterschiede zeigen sich bei der Zufriedenheit mit Freizeitangeboten und bezüglich der Mobilität junger Menschen. Während rund 71 Prozent der Ju-gendlichen aus den drei Großstädten ihrem Wohnort ausreichende Freizeitmöglichkeiten attestieren, können dies nur knapp 15 Prozent der Befragten aus der ländlichsten Kategorie bestätigen. Dennoch gibt es große Ähnlichkeiten in der Freizeitgestaltung von „Stadt- und Landjugendlichen“. Knapp 20 Prozent der Befragten besuchen zumindest selten einen Jugendclub oder ein Jugendzentrum, wobei diese Einrichtungen für Jugendliche aus eher ländlichen Wohnorten wichtigere Anlaufstellen darstellen, als für die „Stadtjugendlichen“.

„Auch in strukturschwachen ländlichen Räumen sollten weiterhin Einrichtungen der Jugendarbeit als selbstbestimmte und interessengeleitete Freizeitorte im (un)mittelbaren Lebensumfeld von jungen Menschen vorgehalten werden“, appelliert die Ministerin an die örtlichen Planungsträger. Dabei sieht sie die besonderen Herausforderungen, die sich aus der dargestellten demografischen und sozialstrukturellen Entwicklung für diese Regionen ergeben.

Bei der Online-Befragung von rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe ist bezüglich der Beurteilung der beruflichen Situation und des Arbeitsumfelds eine insgesamt positive Meinung erkennbar. „Die Staatsregierung sieht in der hohen Motivation und in der Identifikation der Fachkräfte mit ihrer Tätigkeit eine Res-source, die anerkannt und wertgeschätzt werden muss“, fordert die Jugendministerin.

Breiten Raum nimmt die Beschreibung der Ausgaben- und Personalentwicklung in wesentlichen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe ein. Damit wird an die vorangegangenen Berichte angeschlossen. Die Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen ist in den vergangenen Jahren durch insgesamt steigende Ausgaben gekennzeichnet. Die Bruttoausgaben der Kinder- und Jugendhilfe Sachsens beliefen sich im Jahr 2011 auf rund 1,6 Milliarden Euro, während sie im Jahr 2006 rund 1,2 Milliarden Euro ausgemacht haben. Bereits zwischen 2001 und 2006 sind die Ausgaben um rund 23 Prozent gestiegen. Den größten Anteil an den Ausgaben hatte 2011 der Leistungsbereich „Tageseinrichtungen und Tagespflege für Kinder“ mit 75 Prozent, was einem Volumen von 1,2 Milliarden Euro entspricht. Der Ausgabenzuwachs bezieht sich auf die Mehrzahl der Leistungsbereiche und folgt einem bundesweiten Trend.

Die methodisch fundierte Raumtypisierung, die Resultate der Onlinebefragung von jungen Menschen und Fachkräften sowie die Aufbereitung wesentlicher statistischer Daten und Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe stellen in ihrer Gesamtheit hilfreiche Informationen und Anregungen zur Umsetzung sozialräumlicher Planungs- und Steuerungsprozessen bereit.

Das von empirica vorgestellte Modell eines „Jugendforums“ zur Ausgestaltung von Angeboten für junge Menschen im Gemeinwesen unterstreicht die Notwendigkeit der Vernetzung von Planungsprozessen unter Beteiligung der vielfältigen Akteure, insbe-sondere der Schule, der Gemeinden und der Jugendlichen selbst. „In den Landkreisen und kreisfreien Städten gibt es dazu schon gute Ansätze, aber durchaus noch Entwicklungsmöglichkeiten“, stellt die Ministerin fest. „Gerade die Einbindung der Jugendlichen in die Abstimmungsprozesse vor Ort kann unter den schwierigen demographischen Bedingungen ein Gradmesser für Lebensqualität sein“.

Weitere jugendpolitisch bedeutsame Handlungsbedarfe und Herausforderungen werden in der Stellungnahme der Staatsregierung thematisiert, wie die Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit als wesentliche Schnittstelle zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe, die Bedeutung aktivierender Angebote der Kinder- und Jugendarbeit und der außerschulischen Bildung im unmittelbaren Lebensumfeld, die Qualität in Kindertageseinrichtungen und Tagespflege, die Ausgabensteigerung und Fallzahlenentwicklung in den Hilfen zur Erziehung, die Schaffung von Angeboten für sozial benachteiligte oder suchtgefährdete junge Menschen, Maßnahmen der Jugendberufshilfe, der Familienbildung oder der Fortbildung von Fachkräften. Der Freistaat Sachsen sichert hierbei auch weiterhin seine Unterstützung zu.

Nach dem Landesjugendhilfegesetz soll die Staatsregierung einmal in jeder Legislaturperiode den Landtag über die Entwicklungen in der Jugendhilfe sowie die Folgerungen für die Jugendhilfe im Freistaat Sachsen unterrichten. Der Bericht und die Stellungnahme der Staatsregierung werden nach der Zuleitung an den Landtag als Download auf der Homepage des Sozialministeriums veröffentlicht (www.familie.sachsen.de) und am 10. Juni 2014 im Landesjugendhilfeausschuss vorgestellt. Damit soll auch die Diskussion in der Fachöffentlichkeit angeregt werden.

Quelle: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz vom 27.05.2014

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