Kindertagesbetreuung / Familienpolitik

Bessere Rahmenbedingungen für hohe Kita-Qualität gefordert

Publikum hört einem Redner zu
Bild: © VFUKS - Tom Perper Hauptredner der Auftaktveranstaltung der Woche der freien Träger am 4.6.2018: Bastian Walther, DESI Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration

Am 11. Juni 2018 ging die diesjährige Woche der freien Träger zu Ende – eine Aktion des Verband freier unabhängiger Kindertagesstätten Stuttgart (VFUKS). Kita-Träger, Einrichtungsleitungen sowie Erzieherinnen und Erzieher diskutierten während der Abschlussveranstaltung mit Mitgliedern des Stuttgarter Gemeinderates. Dabei sprachen sie sich unter anderem für mehr Zeit für Leitungsaufgaben aus, für eine voll finanzierte Fachberatung und für vielfältigeres Know-how in multiprofessionellen Kita-Teams.

„Kita-Qualität hat viele Gesichter“ – So lautete das Motto der Woche der freien Träger, zu der der VFUKS - Verband freier unabhängiger Kindertagesstätten Stuttgart bereits zum vierten Mal eingeladen hatte. 17 Einzelveranstaltungen sprachen Eltern, Fachkräfte, Kita-Leitungen und -Träger an und adressierten wichtige Qualitätsaspekte in Kitas. „Es ging unter anderem um Qualitätsentwicklung unter schwierigen Rahmenbedingungen, um Kita-Qualität aus Kindersicht, um die Haltung zum Kind und deren Entwicklung, um Demokratieerziehung, um interkulturelle Teams und Bilingualität, um gesunde Kinderernährung und Wege in den Erzieherinnen- und Erzieherberuf“, berichtete Bettina Stähler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des VFUKS. „Während der Abschlussveranstaltung stand die Frage nach der Rolle der Träger bei der Weiterentwicklung von Kita-Qualität im Fokus.“

Einrichtungsleitungen haben Schlüsselstellung

Diplomsozialpädagoge Martin Cramer aus Berlin, Experte für Kita-Organisationsentwicklung, rief in seinem Impulsvortrag in Erinnerung, dass Qualitätsmanagement eine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe von Kita-Trägern sei. Studien zufolge betrieben dies jedoch nur 27 Prozent aller Einrichtungen. Träger stünden in der Verantwortung, Konzepte dafür zu entwickeln. „Bei der Umsetzung in die Praxis sind jedoch die Einrichtungsleitungen entscheidend“, sagte der Referent. Sie benötigten rund 20 Wochenstunden Leitungszeit, in der sie nicht „am Kind“ tätig seien, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Fakt sei jedoch: In Baden-Württemberg verfügten 40 Prozent der Kita-Leitungen nur über einen Leitungszeitanteil von null bis 30 Prozent. Lediglich die knapp 20 Prozent der Einrichtungsleitungen, die Häuser für 100 und mehr Kinder führten, seien vollständig freigestellt. Im Bundesschnitt verhalte sich die Verteilung genau um-gekehrt. „In Stuttgart ist zum Beispiel für Krippenleitungen keinerlei Leitungszeit vorgesehen“, erklärte eine Träger-Vertreterin. „Das ist ein Skandal!“

Fachberatung unterstützt Qualitätsentwicklung

Martin Cramer hob zudem die wichtige Rolle der Fachberatungen hervor, die Kita-Leitungen und -Teams in pädagogische, personellen und räumlichen Fragen beraten und unterstützen. Größere Träger beschäftigen eigene Fachberatungen. Kleinere Träger nehmen dafür das kommunale Angebot in Anspruch. Martin Cramer sagte: „Eine Fachberaterin bzw. ein Fachberater sollte für maximal 15 Einrichtungen zuständig sein.“ Ein anwesender Fachberater erklärte: „Ich erlebe große Unterschiede: Manche Fachberatungen betreuen fünf, andere über 100 Kitas. Ich selbst bin Ansprechperson für sieben Kinderhäuser.“

Gemeinderäte führen Diskussionsgruppen

Fast alle Stuttgarter Gemeinderatsfraktionen waren der VFUKS-Einladung zur Abschlussveranstaltung gefolgt, so dass die anwesenden Fachleute ihre Kita-Qualitäts-Themen in kleinen Gruppen mit Dr. Klaus Nopper (CDU), Vittorio Lazaridis (Bündnis 90/DIE GRÜNEN), Judith Vowinkel (SPD), Rose von Stein (Freie Wähler) und Christian Walter (SöS LINKE PluS) diskutieren konnten. Abschließend fassten die Politikerinnen und Politiker die zentralen Anliegen aus ihren Diskussionsgruppen zusammen.
 
Vor allem folgende Ideen und Forderungen standen im Zentrum der Diskussionen:

Ressourcen

  • Träger benötigen die nötigen Mittel und Kapazitäten um Qualitätsmanagementstrukturen zu schaffen und eine turnusmäßige Selbst- und Fremdevaluation zu ermöglichen.
  • Eine volle Finanzierung der Fachberatungen durch die Kommunen könnte gewährleistet, dass alle Kitas einen zuverlässigen Zugriff auf diese Unterstützungsleistung haben.
  • Ausreichende Freistellung der Leitungskräfte für ihre Führungsaufgaben ist zentral. Eine Kita-Leitung führt oft eine Organisation mit 25 und mehr Beschäftigten. Das kostet Zeit.
  • Der Abbau bzw. die Vereinfachung bürokratischer Aufgaben könnte wichtige Zeit-Ressourcen für die Qualitätsentwicklung freisetzen.

Qualifikation

  • Qualitätsentwicklung geschieht vielerorts „nach Bauchgefühl“: Kitas und Träger würden von einem besseren Theorie-Praxis-Transfer und wissenschaftlicher Begleitung profitieren.
  • Fachkräfte aus anderen Berufsfeldern für die Arbeit in der Kita zu gewinnen, ist eine Bereicherung für Kinder und Kita-Teams. Die Politik sollte den Aufbau multi-professioneller Teams unterstützen.
  • Die Weiterbildung und Spezialisierung von Fachkräften (z.B. in den Bereiche Sprachförderung, Theater- oder Naturpädagogik) sollte gefördert und anschließend – auch finanziell – entsprechend anerkennt werden.

Entlastung

  • Kitas leiden unter Fachkräftemangel: Helfende Hände könnten dazu beitragen, dass Erzieherinnen und Erzieher im Alltag mit den Kindern von Routineaufgaben entlastet werden.
  • Verwaltungstätigkeiten können betriebswirtschaftliche ausgebildete Kräfte übernehmen.

„Qualität gibt es nicht zum Nulltarif. Auch wenn die Ausgaben der Stadt in diesem Bereich in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind; es gibt zusätzlichen Investitionsbedarf“, brachte Dr. Klaus Nopper seine Erkenntnisse auf einen Nenner. Rose von Stein möchte den Gedanken, Assistenzkräfte zur Entlastung des Fachpersonals in Kitas einzusetzen, weiter verfolgen. Judith Vowinkel sagte: „Eine Entbürokratisierung könnte dazu beitragen, den Einrichtungen mehr Spielraum zu verschaffen.“ Christian Walter findet es wichtig, multiprofessionelle Teams zu fördern. Er regte außerdem an, Möglichkeiten zu finden, damit Gemeinderatsmitglieder direkte Informationen aus der Kita-Praxis gewinnen können.

„Kita-Qualität braucht Steuerung“

Die VFUKS-Vorsitzende Waltraud Weegmann ging abschließend auf den erheblichen Personalengpass im Kita-Bereich ein und sagte: „Dieser Mangel wird uns – trotz aller Maßnahmen – wahrscheinlich über die nächsten zehn Jahre hinweg begleiten. Das bedeutet: Wir als Träger haben die Aufgabe, die Leitungskräfte und pädagogisch Beschäftigten vor Ort zu befähigen, auch in schwierigen Zeiten einen guten Job zu machen. Qualität braucht Steuerung. Dafür stehen wir als VFUKS mit unseren Mitgliedern.“

Über den VFUKS

Der VFUKS – Verband freier unabhängiger Kindertagesstätten Stuttgart vertritt die Interessen von 14 Trägern mit rund 50 Kindertagesstätten und etwa 3.000 Betreuungsplätzen für Kinder zwischen sechs Monaten und zehn Jahren in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Alle Mitglieder des Verbandes zählen zu den „Sonstigen Freien Trägern“. Das bedeutet, dass sie weder der Stadt, einem klassischen Wohlfahrtsverband noch den beiden großen christlichen Kirchen direkt angehören. Insgesamt betreuen "Sonstige Träger" gut ein Drittel aller Kinder in Stuttgart. 

Quelle: VFUKS – Verband freier unabhängiger Kindertagesstätten Stuttgart vom 12.06.2018

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