Jugendsozialarbeit / Sozialpolitik

"Niemand zurücklassen: Das Potenzial der Berufsausbildung ausbauen und nutzen"

Zwei Auszubildende werden von einem Maurer-Ausbilder angelernt
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Im Dezember tagten über 80 Expertinnen und Experten in der Berliner Werkstatt der Kulturen – unter ihnen viele Praktiker aus Betrieben und Berufsschulen, aber auch aus Berliner Senatsverwaltungen und aus Kommunen aus ganz Deutschland.

Andreas Germershausen, Berliner Integrationsbeauftragter, und Heiner Bernhard, Oberbürgermeister von Weinheim (Bergstr.), sind sehr besorgt: Auch heute im Zeichen des Fachkräftemangels erhalten keineswegs alle Jugendlichen, die eine Ausbildung aufnehmen möchten, einen Ausbildungsplatz. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind davon überdurchschnittlich oft betroffen.

Gerade hat der neue Nationale Bildungsbericht belegt: Das allgemeine Bildungsniveau ist gestiegen, zugleich aber ist die Bildungsbenachteiligung bei einer großen Minderheit von jungen Leuten stabil geblieben. Eine Art Schere klafft im Bildungssystem und in der Berufsausbildung. Heiner Bernhard, Sprecher eines bundesweiten Zusammenschlusses bildungsaktiver Städte und Kreise, der sogenannten "Weinheimer Initiative" , fasst zusammen: "Trotz vielfältiger Anstrengungen, die Länder und Kommunen unternommen haben, ist diese Benachteiligung hartnäckiger, als wir gedacht und gehofft haben!"

Unter dem Motto "Niemand zurücklassen: Das Potenzial der Berufsausbildung ausbauen und nutzen" tagten die über 80 Expert_innen in Berlin. Sie waren sich einig: Gerade das Lernen in der beruflich-betrieblichen Praxis kann für viele junge Leute, die in der Schule Schwierigkeiten hatten, einen starken Bildungsschub bringen, sofern sich die Betriebe für sie öffnen und sie nicht "vor der Tür" stehen lassen. Letzteres geschieht aber viel zu oft und es sind vielfach Jugendliche mit Migrationsgeschichte, die in den Bewerbungsverfahren scheitern.

Das belegte Prof. Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin noch einmal an einschlägigen Zahlen und Forschungsergebnissen. Margrit Zauner, in der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit unter anderem für Berufsausbildung zuständig, wies später ergänzend noch darauf hin, dass in Berlin nach wie vor – und im Unterschied zu anderen Regionen Deutschlands – die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze erheblich hinter der Nachfrage zurückbleibt.

Viele Jugendliche, die auf den ersten Blick rasch als nicht ausbildungsfähig eingeschätzt würden, bewähren sich jedoch nicht nur in Ernstsituationen beruflicher Praxis, sondern es entstehen auch neue und starke Lernmotivationen: Dies wurde an einer Reihe von Beispielen noch einmal belegt, z. B. von Bernhard Marsch, dem Leiter der Berufsschulen Neustadt am Rübenberge aus der Region Hannover (das "Neustädter Modell"), und von Dr. Paul Benteler, dem Arbeitsdirektor des Stahlwerks ArcelorMittal aus Bremen.

Ein Beispiel, das Perspektive hat, ist dabei die Vereinbarung zwischen dem Berliner Integrationsbeauftragten und Berliner Betrieben mit Landesbeteiligung, Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, die in den überkommenen Auswahlverfahren gescheitert wären, dennoch den Einstieg in eine Ausbildung zu ebnen. Vorreiter war hierbei Vivantes.

Andreas Germershausen fasste die Ergebnisse und Erkenntnisse der Tagung zusammen: Einstieg in Berufsausbildung und ein erfolgreicher Abschluss für jene, die bisher "außen vor" geblieben sind, gelingen nur, wenn Betriebe und Berufsschulen sich (noch) weiter für Vielfalt oder Heterogenität öffnen und das pädagogische Potenzial, das berufspraktisches Lernen und die duale Lernortskombination beinhalten, noch wirksamer werden lassen. In diesem Sinne sei Ausbildungsqualität integrationspolitisch und auch aus kommunaler Perspektive eine wichtige "Stellschraube". Er werde dies als Integrationsbeauftragter in Zukunft noch stärker als bisher ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Niemand zurücklassen: Das Potenzial der Berufsausbildung ausbauen und nutzen: das ist auch die Überschrift zur gemeinsamen "Positionierung", die beim Forum vorgelegt wird, und die die dringendsten Handlungsbedarfe deutlich benennt.

Der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration

Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative

Quelle: Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen vom 15.12.2016

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