Interview

Selbstgefährdung und Risikoverhalten im Netz – Was Eltern und Pädagogen wissen sollten

Ein Jugendlicher sitzt oben in einem Parkhaus - außerhalb der Brüstung. Seine Füße baumeln über dem Abgrund.
Bild: Sam Vogt - unsplash.com

Was bedeutet Selbstgefährdung und Risikoverhalten im Netz? Wer kann helfen, wenn Heranwachsende von selbstverletzendem Verhalten betroffen sind? Das Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“ sprach mit Katja Rauchfuß, Leiterin des Referats Pornografie und Selbstgefährdung bei jugendschutz.net.

Kinder und Jugendliche sind in einer vernetzten Medienwelt zu Hause. Hier tauschen sie sich mit Freund(inn)en über gemeinsame Erlebnisse aus, tun ihre Meinung kund, lachen, kommentieren, suchen nach Informationen und orientieren sich an Influencer(inne)n (Englisch: influence=Einfluss), die ihnen in sozialen Netzwerken wie YouTube, TikTok oder Instagram als Vorbilder dienen. Doch werden Kinder und Jugendliche im Netz auch mit Inhalten und Situationen konfrontiert, die sie überfordern und die sie nicht einordnen können. Dazu zählen Inhalte, die selbstgefährdendes Verhalten drastisch darstellen, verharmlosen oder verherrlichen. Über Selbstgefährdung und Risikoverhalten im Internet sprachen wir mit Katja Rauchfuß, Leiterin des Referats Pornografie und Selbstgefährdung bei jugendschutz.net, dem gemeinsamen Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet.

Selbstgefährdung und Risikoverhalten im Netz – was ist das?

Selbstgefährdung oder Selbstschädigung im Netz umfasst eine große Bandbreite an Inhalten und Angeboten, die im digitalen Raum auftauchen. Dazu zählen selbstverletzendes Verhalten, wie vor allem das sogenannte Ritzen, die Verherrlichung und Verharmlosung von Essstörungen, Suizidgedanken und Alkohol- und Drogenmissbrauch. Risikoverhalten bezeichnet riskantes und gefährliches Verhalten, bei dem zumeist unbewusst die eigene Gesundheit und im Extremfall das eigene Leben gefährdet wird. Dazu zählen gefährliche Mutproben im Netz, die auch als Online-Challenges (Englisch: challenge=Herausforderung) bezeichnet werden.

Durch die Verharmlosung und Verherrlichung von Inhalten und die Darstellung gewagter Mutproben, können Heranwachsende zur Nachahmung animiert werden. „Einige junge Betroffene nutzen soziale Medien gezielt, um ihr eigenes selbstschädigendes Verhalten in glorifizierender Weise darzustellen und/oder Kontakt zu Gleichgesinnten zu finden“, erläutert Katja Rauchfuß.

Reiz und Risiko von Internet-Challenges

„Die Teilnahme an Challenges ist – gerade in der Entwicklung des eigenen Ichs – völlig normal. Das war auch schon zu Offline-Zeiten so, als sich Kinder und Jugendliche Mutproben gestellt, miteinander gewetteifert und sich gegenseitig herausgefordert haben“, erklärt Katja Rauchfuß. Insbesondere Heranwachsende sind daher von Mutproben fasziniert, schauen sich Challenges im Netz an und stellen sich ihnen, um sich selbst und anderen den eigenen Mut zu beweisen sowie Zuspruch und Anerkennung zu erhalten.

An einer Challenge teilzunehmen bedeutet ein gewisses Wagnis einzugehen, da man sich unter Umständen selbst schaden kann. Gerade Kinder und Jugendliche denken mitunter nicht an für sie gefährliche Konsequenzen wie schlimme Verletzungen und bleibende gesundheitliche Schäden oder nehmen diese zum Teil bereitwillig in Kauf. Die Schwierigkeit besteht zudem darin, dass nicht bei jeder Challenge das Risiko oder der Schaden sofort erkennbar ist. Dies zeigt vor allem die sogenannte Zimt-Challenge: „Hier muss man wissen, dass das Essen von Zimt zu allergischen Reaktionen oder gar Erstickungsanfällen führen kann“, erklärt Katja Rauchfuß.

Darüber hinaus gelten viele Internet-Challenges als angesagt und trendy und sind daher für viele Heranwachsende attraktiv. Über einschlägige Hashtags verbreiten sich die Mutproben schnell im Netz und können durch gegenseitiges Nominieren einen Mitmachzwang erzeugen. Um Likes und Zustimmung zu erhalten und sich von anderen abzuheben, stellen sich junge Nutzer/-innen sozialer Netzwerke immer gefährlicheren Aufgaben. Es gibt auch professionelle YouTuber/-innen, die ihre Follower fragen, was sie als nächstes machen sollen. Ziel ist es, noch extremere Sachen als zuvor zu wagen und sich somit von der Masse abzuheben. „Dabei werden natürliche Hemmschwellen, Ängste und Grenzen immer häufiger überschritten. Das kann insbesondere bei Kindern und Jugendlichen den Reiz erhöhen, selbst gefährliche Mutproben auszuprobieren oder nachzuahmen, um möglichst viel Anerkennung zu erhalten“, sagt Katja Rauchfuß.

Auch Challenges, die schieflaufen, sogenannte Fails (Englisch: fail=scheitern), werden ins Netz gestellt, um Klicks zu erhalten. Doch sind unter den Fail-Videos auch häufig verletzende und abwertende Kommentare anderer Nutzer/-innen zu finden, die mit Spott und Schadenfreude reagieren. Gerade wenn man die Person in dem Video nicht kennt, sinkt die Hemmschwelle respektlos miteinander umzugehen. „Es kann auch passieren, dass dann Grenzen hin zu Cybermobbing – dem wiederholten Beleidigen, Belästigen, Ausgrenzen und Bloßstellen im Netz – überschritten werden“, erklärt Katja Rauchfuß.

Was Eltern und Pädagog(inn)en tun können

Eltern und Pädagog(inn)en können Heranwachsende dabei unterstützen, die Gefahren von Mutproben richtig einzuschätzen. Sie können offen über das Thema sprechen und präventiv aufklären. „Dies gilt vor allem, wenn gerade wieder eine gefährliche Internet-Challenge in aller Munde ist. Dann ist es wichtig, gemeinsam über mögliche Folgen der Challenge zu sprechen, diese abzuwägen und Heranwachsende darin zu bestärken, sich nicht in unnötige Gefahr zu begeben“, betont Katja Rauchfuß. Zudem ist es ratsam, als Eltern und Pädagog(inn)en Kinder und Jugendliche darin zu ermutigen auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und selbstbestimmt „nein“ zu Dingen zu sagen, die sie nicht machen möchten. Das gilt vor allem dann, wenn der soziale Druck hoch ist, an einer Challenge teilzunehmen, weil man dazu im Netz von einer anderen Person nominiert wurde. Auch ist es sinnvoll, aufzuzeigen, dass nicht alles, was im Internet zu sehen ist, auch echt sein muss. Mutproben, die vermeintlich harmlos und einfach wirken, können gefakt (Englisch: fake= vortäuschen) sein. Beim tatsächlichen Versuch der Nachahmung können gesundheitliche oder gar bleibende Schäden auftreten.

Selbstgefährdung verhindern – aber wie?

Zahlreiche Inhalte zu selbstgefährdendem Verhalten finden sich auf den Social-Media-Plattformen, die bei Kindern und Jugendlichen beliebt sind. „Den Betreibern dieser Plattformen kommt daher eine besondere Verantwortung zu, um Heranwachsende vor Gefährdungen und Beeinträchtigungen zu schützen“, betont Katja Rauchfuß. Plattformbetreiber sollten demnach bereits in der Konzeption ihrer Angebote und bei der Einführung neuer Funktionen entsprechende Schutzfunktionen mitdenken und einbauen. Ein wichtiger sozialer Orientierungsrahmen sind auch die AGBs und Richtlinien der Plattformbetreiber. Diese sollten Inhalte ausschließen, welche selbstschädigendes Verhalten drastisch darstellen, verharmlosen oder verherrlichen. Zudem sollten leicht auffindbare, jederzeit erreichbare und verständlich formulierte Rat- und Hilfesysteme auf den Seiten der Plattformen zu finden sein, die insbesondere junge Nutzer*innen ansprechen und an die sie sich bei Fragen, Sorgen, Kummer und Problemen jeglicher Art wenden können. Gut ist es, wenn direkt auf bereits bestehende und etablierte Beratungsangebote – wie zum Beispiel die Nummer gegen Kummer – verwiesen wird. Ebenso wichtig sind einfache, schnell erreichbare und gut funktionierende Meldesysteme, bei denen an- und auch unangemeldete Nutzer/-innen alle Selbstgefährdungsarten melden können. Unabdingbar daran gekoppelt ist eine schnelle Reaktion auf Meldungen, da so das weitere Teilen und Verbreiten von Beiträgen, die zu selbstgefährdenden Verhalten animieren, verhindert werden kann. So können Betroffene selbst, aber auch andere Kinder und Jugendliche geschützt werden.

Rat und schnelle Hilfe bei Selbstgefährdung

Steht die Vermutung im Raum, dass ein Kind von selbstgefährdenden Verhalten betroffen sein könnte, ist es zunächst wichtig, Ruhe zu bewahren. „Es ist normal, sich in solch einer Situation auch hilflos und überfordert zu fühlen. Appelle, Zwang, Vorwürfe und Drohungen sollten aber vermieden werden“, sagt Katja Rauchfuß. Wichtig ist nun, mit der betroffenen Person in ein direktes Gespräch zu gehen, Alternativen zum selbstschädigenden Verhalten aufzuzeigen und das Selbstwertgefühl der Person zu stärken. Es hilft auch die eigenen Ängste und Sorgen direkt anzusprechen. Zudem ist es ratsam, nicht alleine zu bleiben, sondern sich anderen anzuvertrauen und professionelle Unterstützung bei Beratungs- und Anlaufstellen zu suchen – vor allem dann, wenn man sich im Umgang mit oder mit der Einschätzung einer Situation unsicher ist. Ebenfalls wichtig in einer akuten Situation ist das Melden von Inhalten, die selbstgefährdendes Verhalten verharmlosen oder verherrlichen, am besten bei den Plattformbetreibern über deren Meldesysteme oder aber bei Meldestellen wie jugendschutz.net oder internet-beschwerdestelle.de. Bei akuten, lebensbedrohlichen Situationen – beispielsweise bei Hinweisen auf bevorstehende Suizidhandlungen – sollte unverzüglich die Polizei hinzugezogen werden.

Mehr Informationen

  • Die Praxis Info „Gefährliche Online-Challenges und Mutproben“ von jugendschutz.net fasst Erkenntnisse zusammen und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf.
  • Die Nummer gegen Kummer berät Eltern, Erziehende, aber auch Kinder und Jugendliche bei Problemen, Sorgen und Kummer im Netz und leistet auch erste Hilfe bei Verhalten zu selbstschädigenden Verhalten im Netz.
  • Rat und erste Hilfe bekommen Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren auch beim Online-Portal jugend.support.

Quelle: Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“

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