Einwanderungsgesellschaft

Migrantenorganisationen engagieren sich vielfältig

Drei Frauen mit Kopftuch essen in einem Restaurant
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain eigene Arbeiten

Eine neue Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration SVR präsentiert eine systematische Bestandsaufnahme der aktiven Migrantenorganisationen in Deutschland. Sie liefert Hinweise darauf, wie Migrantenorganisationen passend gefördert werden können. Handlungsbedarf wird zum Beispiel im Bereich der Kinder- und Jugend- sowie der Bildungsarbeit gesehen.

Im Jahr 2019 hatten dem Statistischen Bundesamt zufolge 26 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Ihre Selbstorganisation auch in Migrantenorganisationen ist daher ein wichtiges Element der zivilgesellschaftlichen Landschaft. Vor allem ihr Beitrag zu einer verbesserten Teilhabe der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und zu Antidiskriminierungspolitik ist mittlerweile politisch breit anerkannt. Um Ansätze zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen zu identifizieren, hat der Sachverständigenrat für Integration und Migration in den vergangenen beiden Jahren die Landschaft der Migrantenorganisationen in Hinblick auf Aktivitätsfelder, Mitgliederstruktur und Funktionswahrnehmung dargestellt.

„Wir haben zunächst in den vier Bundesländern Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen alle aktiven, formal bestehenden Migrantenorganisationen ermittelt“, erläutert Dr. Nils Friedrichs, der wissenschaftliche Projektleiter. „Diese haben wir dann zu einer standardisierten Befragung eingeladen, an der sich 764 Migrantenorganisationen beteiligt haben, und zusätzlich 17 qualitative Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern geführt.“ Auf Basis dieser Datenlage schätzt das Forschungsteam, dass derzeit formal zwischen 12.400 und 14.300 aktive Migrantenorganisationen bestehen. Die Untersuchung bestätigt, dass Migrantenorganisationen vielfältig sind und das gesamte Spektrum bürgerschaftlichen Engagements abdecken. Sie fördern zuvorderst die Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsbiografie in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, etwa im sozialen Bereich oder im Bildungsbereich. Die häufigste Aktivität bildet mit über 45 Prozent der Austausch zwischen Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte.

Organisationen wandeln sich

Folgt man dem Selbstverständnis der Organisationen, so lassen sie sich einem von drei Typen zuordnen: (politische) Interessen vertretende Organisation, kulturpflegende Organisation oder „multifunktional teilhabeorientierte“ Organisation. „Das Label Migrantenorganisation ist keinesfalls überholt“, so Dr. Friedrichs, „die meisten Vereine verstehen sich als solche. Gleichzeitig beschreiben sich fast alle zusätzlich mit anderen Begriffen, etwa als Kultur-, Bildungs- oder Jugendorganisation.“ Häufiger als nicht-migrantische Vereine sind sie in Städten und Großstädten angesiedelt, überwiegend in der eigenen Kommune aktiv und mit bis zu 100 Mitgliedern eher klein. Ein Großteil der Mitglieder sind Frauen, die häufig Leitungsfunktionen innehaben. Dr. Friedrichs hebt drei Entwicklungen hervor: „Wir beobachten einen Trend, Interessen zu bündeln und Dachverbände zu gründen. Außerdem etablieren sich mit sogenannten postmigrantischen Organisationen Netzwerke und Vereinigungen, die andere Schwerpunkte setzen als die der ersten Zuwanderungsgeneration. Und insbesondere nach der gestiegenen Fluchtzuwanderung in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass sich mit der zunehmenden Digitalisierung und Nutzung sozialer Medien die Kommunikations- und Engagementformen wandeln.“

Dr. Cornelia Schu, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, hebt hervor, dass Migrantenorganisationen bereits jetzt in vielfältige Netzwerke eingebunden sind und sich aktiv und oft erfolgreich um Fördermittel bemühen: „Dabei steigen die Chancen auf Förderung erheblich, wenn die Organisation hauptamtliche Strukturen aufweist und ihre Tätigkeiten unmittelbar auf Integration ausgerichtet sind.“

Zu wenig Förderung in Kinder- und Jugend- und Bildungsarbeit

Da Migrantenorganisationen aber auch wichtige Angebote im Bereich der Kinder- und Jugend- sowie der Bildungsarbeit machen und dort vergleichsweise weniger oft gefördert werden, sieht die Studie hier Handlungsbedarf: Migrantenorganisationen sollten sich stärker in den jeweiligen Fachverbänden engagieren und diese sowie die entsprechenden Fachgremien sollten Migrantenorganisationen gezielt einbeziehen. Das dient der diversitätssensiblen Öffnung aller Angebote. Um Migrantenorganisationen auch jenseits von integrationspolitischen Schwerpunkten besser einzubinden, ist eine interkulturelle Öffnung von Ressorts und Behörden sinnvoll. Gezielte Schulungen und Beratungsangebote können Migrantenorganisationen dabei unterstützen, im Rahmen der Regelstrukturen erfolgreich Förderanträge zu stellen. Zugleich sollten sich die Migrantenorganisationen um die Anerkennung als Trägerinnen sozialer Dienste bemühen.

Das langfristige Ziel sei es, die Teilhabe von Migrantenorganisationen an regulären Fördermitteln für ihre Angebote (den sog. Regelstrukturen) weiter zu verbessern. Neben diesem Mainstreaming brauche es weiterhin gezielte Maßnahmen, die spezifische Bedarfe anerkennen. Die Studie nennt als einen Ansatz, der weiter verbreitet werden sollte, die bundesgeförderten „Houses of Resources“ oder das Programm „Partizipation vor Ort“ in Schleswig-Holstein; diese unterstützen unbürokratisch und schnell vor allem kleine Vereine und Ehrenamtliche vor Ort, indem sie beispielsweise Räume vermitteln oder Qualifizierungen anbieten. „Migrantenorganisationen sind gestaltende Kräfte in der pluralen Gesellschaft und sollten entsprechend gefördert und einbezogen werden. Die Basis hierfür bilden die Aktivitäten und Initiativen der Vereine, die so Treiber von Entwicklungen bleiben“, so Dr. Schu.

Das zweijährige Forschungsprojekt „Migrantenorganisationen als Partner von Politik und Zivilgesellschaft“ wird gefördert vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Auf der Website des SVR können die Studie sowie weitere Informationen zum Forschungsprojekt eingesehen und heruntergeladen werden.

Quelle: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration vom 1.12.2020

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