Kinder- und Jugendarbeit / SGB VIII

Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit äußert sich zum Reformprozess des SGB VIII

Drei Jugendliche sitzen auf einer Treppe und umarmen sich.
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Für eine demokratische Sozialpädagogik statt eines wirtschaftenden Dienstleistungsbetriebs – der bundesweite Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit kritisiert in seinem Positionspapier die bisherige Grundausrichtung der SGB VIII Reform.

Die vorliegenden Entwürfe zur Reform des SGB VIII bestätigen, was bereits kritisiert wurde, "dass nicht der zwischenzeitlich erreichte, gemeinsam von Politik und Praxis geteilte Stand der Fachdebatten über eine Reform für deren Formulierung ausschlaggebend war. Vielmehr trägt der bisherige Entwurf in nicht wenigen Passagen eindeutig fiskalpolitisch gesteuerten Interessenlagen Rechnung, die jenseits einschlägiger Fachdiskurse stärker eine maßgebliche Ausgabenminderung als die fachliche Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe zum Ziel haben" (Böllert 2016). Aus Sicht der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist eine solche Grundrichtung zu kritisieren, weil sie zum einen ihrem bisherigen gesetzlichen Auftrag zur Subjekt- und Demokratiebildung nach SGB VIII und zum anderen ihrer Fachlichkeit zuwiderläuft.

Der Kernparagraphen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (§ 11) ist bisher zwar nicht direkt betroffen, Änderungen im Grundzuschnitt wie in § 1, könnten aber schwerwiegende Folgen für die Kinder- und Jugendarbeit und ihren Bildungsauftrag und damit auch für die Kinder- und Jugendhilfe im Ganzen haben.

So werden durch die Ergänzung "möglichst selbstbestimmt" in § 1 Abs. 1 die Begriffe "selbstbestimmt" und "eigenverantwortlich" gekoppelt. Dies ist ganz im Sinne der Individualisierung im neoliberalen Wohlfahrtsstaat, der den Individuen zwar ihre Selbstbestimmung, aber auch die alleinige Verantwortung zuspricht und dabei ihre sozialen Rechte und das Recht auf Mitentscheidung und Mitgestaltung der demokratischen Gesellschaft (also Teilhabe und Teilnahme) vernachlässigt. Dies wird auch noch einmal in § 9 Abs. 3 deutlich, wo die "gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen" um das bedeutende "in der Gesellschaft" (vgl. den bisherigen § 1 SGB IX) gekürzt wurde. Diese Grundrichtung hätte nicht nur Folgen für die Kinder- und Jugendarbeit, sondern die Sozialpädagogik im Allgemeinen, wenn sie nämlich in weiten Teilen ihres pädagogischen Charakters beraubt werden würde (vgl. Ziegler 2016).

Insgesamt ist aus der Perspektive des Kooperationsverbundes Offene Kinder- und Jugendarbeit nicht nur die Reduktion des Demokratischen und die Ausweitung des Wirtschaftlichen in den Entwürfen zur SGB VIII Novelle scharf zu kritisieren und zurückzuweisen, sondern gleichzeitig auch die Kinder- und Jugendhilfe aufzufordern, in Gegenentwürfen ihr sozialpädagogisches Selbstverständnis insbesondere mit der demokratischen Partizipation von Kindern und Jugendlichen – auch im Sinne einer konzeptionellen Einheit der Jugendhilfe – in allen Feldern des Gesetzes zu stärken. Erst durch eine solche demokratische Qualität wird dann auch eine Inklusion aller jungen Menschen in die Gesellschaft möglich, wie sie der neue Gesetzentwurf zu Recht fordert.

Download "Positionspapier des Kooperationsverbundes Offene Kinder- und Ju-gendarbeit zum Reformprozess des SGB VIII" (PDF, 229 KB)

Über den Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit

Der Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein Zusammenschluss von Fachkräften aus der Praxis, Vertreterinnen und Vertretern der Hochschulen und Ver-einen und Verbänden aus ganz Deutschland mit dem Ziel, die fachliche Weiterentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu fördern sowie ihre Sichtbarkeit auf der Bundesebene zu verbessern. Der Kooperationsverbund ist offen für alle, die sich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit verbunden fühlen.

Kontakt zum SprecherInnenteam

Quellenangabe: Böllert (2016): Zur Reform des SGB VIII: Notwendige Sortierungen. In: neue praxis. Heft 5. / Ziegler (2016): Sozialpädagogik vs. SGB VIII Reform. In: neue praxis. Heft 5.

Quelle: Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) vom 22.02.2017

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