Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendpolitik

Bundesweiter Fachkongress Kinder- und Jugendarbeit 2016: Potenziale Erkennen – Zukunft gestalten

Banner im Eingangsbereich eines Veranstaltungsgebäudes auf dem Bundesweiten Fachkongress
Bild: Frank Beckmann

Mehr als 1.500 Teilnehmende diskutierten aktuelle Herausforderungen und Entwicklungslinien des Handlungsfeldes. Das Fazit nach drei Tagen: Der fachliche Austausch über die Grenzen der einzelnen Arbeitsfelder hinweg muss in regelmäßigen Abständen stattfinden. Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe war vor Ort und berichtet aus einzelnen Veranstaltungen.

"Kinder- und Jugendarbeit ist eine Chance für die Gesellschaft. Sie sollte sich repolitisieren", sagte die Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen Christina Kampmann in ihrer Abschlussrede beim Bundesweiten Fachkongress Kinder- und Jugendarbeit 2016.

Sichtbarkeit der Kinder- und Jugendarbeit

Um die stärkere Sichtbarkeit der Kinder- und Jugendarbeit im öffentlichen Raum und um den fachlichen Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft ging es vom 26. bis zum 28. September auf dem Campus der Universität Dortmund.

Der Forschungsverbund zwischen dem Deutschen Jugendinstitut und der Technischen Universität Dortmund hatte eingeladen und über 1.500 Hauptberufliche und freiwillige Mitarbeiter/ -innen, Studierende und Wissenschaftler/ -innen, Vertreter/ -innen der Institutionen und Organisationen der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Politik und Verwaltung waren gekommen, um an drei Tagen über die Gegenwart und Zukunft des Arbeitsfeldes zu diskutieren.

Dabei kamen Themen wie Inklusion, Mediatisierung und Rechtspopulismus oder die Arbeit mit Geflüchteten genauso zur Sprache, wie Jugendzentren und Jugendverbände, die kulturelle und politische Jugendbildung, der Sport oder auch die Jungen- und Mädchenarbeit.

SGB VIII-Reform – und wo bleibt die Kinder- und Jugendarbeit?

Die Bedeutung und der Stellenwert der Kinder- und Jugendarbeit spiegeln sich nicht in ihrer öffentlichen Wahrnehmbarkeit. Dies lasse sich auch bei der anstehenden Reform des SGB VIII beobachten. Darauf wies die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe Prof. Dr. Karin Böllert in ihrem Abendvortrag hin.

Wenngleich die Kinder- und Jugendarbeit nicht unmittelbar betroffen sei, habe die Reform dennoch erhebliche Auswirkungen auf sie. Dies betreffe etwa das Verhältnis von Kinder- und Elternrechten, die Fragen von Regelangeboten versus individueller Rechtsansprüche oder die partnerschaftliche Zusammenarbeit von öffentlichen und freien Trägern.

Zwar brächten die Fachverbände ihre Positionen in das vorgegebene Verfahren ein. Mit ihren Erfahrungen in der Sozialraumgestaltung, bei der Organisation von Partizipation und Teilhabe oder im Leben von Vielfalt könne die Kinder- und Jugendarbeit noch viel weitreichendere Beiträge leisten.

Standortbestimmung der Kinder- und Jugendarbeit

In seinem Eröffnungsvortrag wies Prof. Dr. Thomas Rauschenbach als Veranstalter auf die vielfältigen Potenziale der Kinder- und Jugendarbeit hin und forderte zu einer Standortbestimmung auf.

Die Kinder- und Jugendarbeit habe ihre Bildungspotenziale entdeckt und müsse diese in die gesellschaftliche Debatte einbringen. Mit ihren vielfältigen und nicht-kommerziellen Angeboten leiste sie einen zentralen Stellenwert zur Persönlichkeitsentwicklung und entfalte ihr Potenzial für freiwilliges Engagement. Mit einer wachsenden Heterogenität der jugendkulturellen Milieus leiste die Kinder- und Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration und Vergemeinschaftung neben Familie und Schule.

Zu beobachten sei weniger ein reiner Stellenabbau, als eine latente Erosion und Aufgabenverlagerung. Kinder- und Jugendarbeit sei eine "intermediäre Instanz", die um ihre gesellschaftliche Anerkennung kämpfen und ihre Zukunft gestalten müsse.

Stärker mit einer Stimme sprechen

"Wir müssen stärker mit einer Stimme sprechen" zog Kongressbeobachterin und Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings Lisi Maier schließlich abschließende Bilanz. Die internationalen und europäischen Fragen müssten noch stärker in den Blick genommen werden und mit der Mediatisierung der Lebenswelten müsse man sich viel intensiver beschäftigen.

Ihr Kollege Klaus Schäfer, Staatssekretär a.D. freute sich über einen "echten Bundeskongress". Über 50 Prozent der Teilnehmer/ -innen kamen nicht aus Nordrhein-Westfalen. Auch Politik müsse Interesse an den fachlichen Impulsen und einer Sichtbarkeit von Kinder- und Jugendarbeit haben – in allen Bundesländern.

Die Kinder- und Jugendarbeit benötige aber auch Finanzierungssicherheit und strukturelle Absicherung. Das vielfältige freiwillige Engagement brauche Rahmenbedingungen und hauptberufliche Unterstützungsstrukturen.

Seismograph in den Lebenswelten

Es sei die Funktion der Kinder- und Jugendarbeit als "Seismograph" unterwegs zu sein, zu erkennen wo es brodelt. Die Vielfalt der Arbeitsfelder, Themen und konzeptionellen Zugänge entspräche der Lebenswelt der jungen Menschen. Dies könne aber schnell zu einer "Verinselung" der einzelnen Arbeitsbereiche führen, dabei sei eine gemeinsame Stimme nötig.

Veranstalter Prof. Dr. Thomas Rauschenbach dankte dem Kongressteam und wagte einen Blick in die Zukunft. "Der Kongress ist zu Ende aber die Diskussionen gehen weiter" sagte er und teilte die Ansicht der meisten Teilnehmer/ -innen, dass der nächste Bundesweite Fachkongress zur Kinder- und Jugendarbeit nicht erst in 14 Jahren stattfinden dürfe. So lange hatte es nämlich vom ersten bis zum zweiten Bundeskongress gedauert.

Weitere Informationen stehen unter www.fachkongress-jugendarbeit.de und www.jfc.info

Quelle: Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/ TU Dortmund vom 28.09.2016

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