Kinder- und Jugendarbeit

„Brillenwechsel“ in der internationalen Jugendarbeit

Ein Buch von Karin Reindlmeier plädiert für einen Perspektivenwechsel in der internationalen Jugendarbeit. Dass Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern kommen, ist nicht ihr einziges Unterscheidungsmerkmal.

Workcamp in Togo
Bild: rangzen, CC-Lizenz

Was unterscheidet diese Freiwilligen bei einem Workcamp in Togo voneinander? Sind es wirklich nur die Herkunftsländer und unterschiedlichen Kulturen?

Mit Hilfe von Interviews mit Teamerinnen und Teamern in der internationalen Jugendarbeit und in Praxiswerkstätten hat Karin Reindlmeier in den Jahren 2008 bis 2009 Handlungsstrategien, die im Umgang mit Heterogenität eine Rolle spielen, untersucht und unter dem Titel "create your space" veröffentlicht. Ziel dabei war es, positive Bedingungen eines diversitätsbewussten Umgangs mit Heterogenität in der internationalen Jugendarbeit herauszuarbeiten und auf diese Weise zur Weiterentwicklung diversitätsbewusster Perspektiven beizutragen.

Was ist mit diversitätsbewusster internationaler Jugendarbeit gemeint? Es ist vor allem ein Perspektivenwechsel. Internationale Jugendarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sich Jugendliche aus verschiedenen Ländern begegnen. Die Differenzlinie "aus verschiedenen Ländern kommen" ist somit die als erstes sichtbare. Oftmals verknüpft mit dem Konzept von Nationalkultur und der "Begegnung verschiedener Kulturen", scheint der Fokus auf Kultur als Differenzlinie in internationalen Jugendbegegnungen naheliegend zu sein, was sich unter anderem in der quasi selbstverständlichen Verknüpfung von internationaler Jugendarbeit und interkulturellem Lernen zeigt.

Diversitätsbewusste Perspektiven verstehen sich in diesem Kontext als bewusste Erweiterung des Fokus auf Kultur im engeren Sinne, indem weitere Differenzlinien wie beispielsweise Geschlecht und soziale Herkunft mit einbezogen werden. Dies bedeutet nicht, dass Kultur jede Bedeutung abgesprochen wird – es ist vielmehr als Anregung zu verstehen, Situationen nicht quasi automatisch mit der "Kulturbrille" zu betrachten, sondern andere Differenzlinien als "Brillen" mit einzubeziehen. Es geht somit vor allem auch um einen genauen Blick darauf, welche Zugehörigkeiten für die Jugendlichen in welchen Situationen relevant sind, und dies bewusst auch jenseits nationaler Zugehörigkeiten.

Weitergedacht bedeutet dies, dass Antidiskriminierung auf verschiedenen Ebenen ein wichtiger Bestandteil einer diversitätsbewussten internationaler Jugendarbeit sein sollte: Auf der inhaltlichen Ebene geht es dabei nicht unbedingt darum, dass Diskriminierung explizit inhaltliches Thema der Begegnung ist, sondern dass diese Perspektive als Querschnittsthema mitgedacht wird und Lernprozesse zur Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Antidiskriminierung angestoßen werden.

Karin Reindlmeier Buch ist ein Ergebnis der Praxisforschung "Umgang mit Differenzlinien und Heterogenität in der Praxis internationaler Jugendarbeit", die von Mai 2008 bis Dezember 2009 in Kooperation mit dem "Forscher-Praktiker-Dialog internationale Jugendarbeit" stattfand und durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wurde.

Das Buch steht im PDF-Format zum kostenlosen Download zu Verfügung:
>> http://www2.transfer-ev.de/uploads/create_your_space.pdf

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