Hilfen zur Erziehung / Sozialforschung

S-H: Bilanz des Kooperationsprojekts „Grenzgänger“ für belastete Jugendliche

trauriger Junge
Bild: © Mikael Damkier - Fotolia.com

Viele psychosozial belastete Kinder sind auf die Unterstützung von Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie angewiesen. Insbesondere bei schwierigen Fällen ist ein abgestimmtes Hand-in-Hand-Arbeiten beider Hilfesysteme notwendig. Hier greift das vom Land Schleswig-Holstein geförderte Projekt „Grenzgänger“. Es soll die Kooperation zwischen der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie fördern und die Versorgung belasteter junger Menschen verbessern.

Das Kooperationsprojekt „Grenzgänger“ (ganzer Titel: "Abgestimmter Umgang mit Kindern und Jugendlichen bei Vorliegen einer psychischen Störung sowie eines Unterstützungsbedarfs gemäß SGB VIII“) kümmert sich um die psychische und soziale Betreuung von auffälligen Jugendlichen – im Projekt als „Grenzgänger“ bezeichnet. Prof. Gunter Groen vom Department Soziale Arbeit hat das Projekt von 2015 bis 2017 begleitet und evaluiert. Auf einer Fachtagung wurde Bilanz gezogen.

Abgestimmte Vorgehensweise zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie

Um eine aufeinander abgestimmte Vorgehensweise in der Versorgung der Jugendlichen sicherzustellen, verabredeten die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Elmshorn und die Jugendämter der Kreise Steinburg und Pinneberg eine neue Kooperationskultur. In regelmäßigen Leitungstreffen wurden besonders schwierige Fälle und Fallverläufe besprochen und gemeinsame konkrete Hilfestellungen beschlossen.

Im Förderzeitraum vom März 2015 bis Juni 2017 konnten so in rund 30 besonders herausfordernden Fällen geeignete Unterstützungsmaßnahmen gefunden und die Zusammenarbeit auf neue Füße gestellt werden. Neben den Treffen der sogenannten „Clearinggruppe“ ergänzten weitere Aktivitäten wie spezielle Fachtage den Austausch, die zusammen abgehalten wurden.

Wissenschaftliche Begleitung durch das Department Soziale Arbeit

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Grenzgänger-Projekts unternahm Professor Dr. Gunter Groen zusammen mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Astrid Jörns-Presentati vom Department Soziale Arbeit. Die Evaluation erfolgte durch verschiedene methodische Zugänge sowie qualitative und quantitative Erhebungsverfahren: Hilft der Austausch in der Clearinggruppe gute, passgenaue Hilfen zu finden? Verbessert sich die Kooperation? Was macht das Format der Clearinggruppe aus?

Hierzu wurden die Leitungs- und Fachkräfte mehrmals interviewt und Diskussionen mit der Gesamtgruppe durchgeführt und anschließend dokumentiert. Die Evaluation des gemeinsamen Clearings fand auch anhand von Audiomitschnitten statt. Ebenso schätzten über 200 Fachkräfte in der Projektregion die wahrgenommene Qualität der Zusammenarbeit per Fragebogen ein. Die Beobachtungen wurden den einzelnen Projektpartnern rückgemeldet und konnten so für die Weiterentwicklung der fachübergreifenden Kooperation genutzt werden.

Beispiele neuer Hilfen für belastete Jugendliche

Die als Grenzgänger in der Clearinggruppe besprochenen Kinder und vor allem Jugendliche erwiesen sich als hoch belastete junge Menschen. Sie waren in ihrer bisherigen Biographie vielen Risiken – wie familiärer Zerrüttung, psychisch kranken Eltern, wiederholten Trennungen von Bezugspersonen und Traumatisierungen – ausgesetzt.

Unter den für diese Jugendlichen gemeinsam abgestimmten Hilfen fanden sich kreative Maßnahmen und innovative Ideen. Beispielsweise ermöglichte die Clearinggruppe es mehreren Jugendlichen anstatt der üblichen Unterbringung in einem Heim, einen Einzelplatz in einer intensiv-pädagogischen Maßnahme zu erhalten. So konnten sie langsam an Gruppen herangeführt werden, und wurden aus diesen nicht wieder sofort entlassen.

Eine 17-Jährige verweilte wegen ihres selbstverletzenden Verhaltens und chronischer Suizidalität längere Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es fand sich keine Jugendwohngruppe, die sie aufnahm. Der Jugendlichen fehlte die Lebensperspektive. In der Clearinggruppe wurde eine intensivpädagogische Einzelmaßnahme beschlossen. An einem anderen Ort im Ausland, fern ab von belastenden Erinnerungen an ihre Kindheit, konnte die Jugendliche schließlich einen Neustart beginnen, die Schule wieder besuchen und Zukunftsperspektiven entwickeln.

Ähnliches galt für einen 15-jährigen Jungen mit türkischer Abstammung. Er bekam die Möglichkeit in einer deutsch sozialisierten Familie in der Türkei zu leben. Mit zusätzlicher pädagogischer Betreuung und naher Anbindung an eine kinderpsychiatrische Klinik konnte eine kriminelle Karriere und ein drohender Gefängnisaufenthalt verhindert werden.

Klassische Maßnahmen konnten flexibler eingesetzt werden

Neben solchen neuen Maßnahmen machte es die multiprofessionelle Besetzung der Arbeitsgruppe möglich, auf ein Portfolio bekannter Hilfen flexibler zuzugreifen. Ein Kind, für das kurzfristig kein angemessener Heimplatz gefunden werden konnte, lebte zum Beispiel übergangsweise jugendamtsfinanziert in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung oder ein Aufenthalt in der Klinik wurde häufig mit ambulanten Maßnahmen der Jugendhilfen kombiniert. Die Kinder und Jugendlichen konnten so besonders in ihren eigenen Interessen gefördert werden, wie zum Beispiel im erlebnispädagogischen Bereich. In einem anderen Fall konnte ein Junge stationär in die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik aufgenommen werden und schon während des Aufenthalts Kontakt zu einer eng kooperierenden stationären Jugendhilfeeinrichtung aufnehmen, in Form von Wochenend-Beurlaubungen. So gelang ein guter Übergang in ein neues Wohnumfeld.

„Für die Beteiligten zeugten viele der gemeinsam abgestimmten und umgesetzten Hilfen von dem Mut und Willen gemeinsam ein Risiko zu tragen. Die reichhaltige Erfahrung und fachliche Kompetenz kamen der Hilfeplanung besonders in komplexen Abstimmungsprozessen zugute“, erklärt Prof. Groen. So war es beispielsweise mit Hilfe des Jugendhilfeträgers möglich, einen sexuell übergriffigen Jungen nach einem Rauswurf aus einer Einrichtung am selben Tag in einer neuen Einrichtung unterzubringen, und so eine potentiell gefährdende Situation im Elternhaus zu umgehen.

Neue Umgangsweisen führten zu einer „Verantwortungsgemeinschaft“

Zwischen den Projektbeteiligten wurde besonders das gegenseitige Verständnis hervorgehoben, das zu neuen Umgangsformen und Arbeitsweisen führte. „Durch die gemeinsamen Erfahrungen in der Zusammenarbeit hatte sich eine Art Verantwortungsgemeinschaft gebildet, die Entscheidungen kollektiv erarbeitet und trägt“, sagt Prof. Groen. Die Fachkräfte öffneten sich dabei der anderen Fachrichtung, blieben weniger im eigenen Milieu verhaftet und konnten eingetretene Pfade verlassen.

„Dies bedeutet nicht, dass es weiterhin zu Kontroversen in der interprofessionellen Zusammenarbeit kam“, so Prof. Groen. Verändert hat sich aber die Haltung der Fachkräfte, die stärker von gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Offenheit geprägt ist und über stetige Rückmeldung lebendig gehalten wird. „In Zukunft braucht es eine Verbesserung der gesundheits- und sozialpolitischen sowie rechtlichen Rahmenbedingungen, ebenso wie mehr personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen. Und die Fachkräfte müssen stärker aus- und weitergebildet werden“, resümiert Prof. Groen.

Das Grenzgänger-Projekt wird weiter gefördert

Nach den positiven Erfahrungen im Grenzgänger-Projekt brachte das Sozialministerium die Förderung acht weiterer Projekte in Schleswig-Holstein auf den Weg. Sie sollen ebenso die Versorgung belasteter und benachteiligter Kinder- und Jugendliche verbessern. An der Entwicklung und Evaluation eines Projektes ist das Team der HAW Hamburg wiederum beteiligt. Der Abschlussbericht zum Grenzgänger-Projekt wird im März 2018 im Psychiatrie Verlag veröffentlicht. (Autoren: Gunter Groen/Katharina Jeorgakopulos)

Weitere Informationen über das Grenzgänger-Projekt sind auf den Seiten der HAW Hamburg zu finden.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft e.V. -idw- vom 28.02.2018

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