Hilfen zur Erziehung / Digitalisierung und Medien

ajs Medienscouts Jugendhilfe – Ein medienpädagogisches Peer-Education-Angebot für Einrichtungen der Jugendhilfe

Jugendliche sitzen an einem Tisch und zeichnen
Bild: © Katrin Schmitt Teilnehmende des Peer-Education-Angebots der ajs

Bedingt durch den selbstverständlichen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit modernen Medien stehen Einrichtungen der Jugendhilfe vor neuen organisatorischen und pädagogischen Herausforderungen. Eine Möglichkeit, diesen Herausforderungen zu begegnen, sind medienpädagogische Peer-Education-Projekte. Seit 2011 schult die Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg (ajs) jugendliche Medienscouts, die im Anschluss medienbezogene Projekte für andere Kinder und Jugendliche durchführen.

Digitale Medien durchdringen umfassend unseren Alltag. Dies gilt auch für Kinder und Jugendliche: 50 Prozent der Kinder besitzen ein eigenes Handy, 95 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone. 96 Prozent der zwölf- bis 19-Jährigen gehen regelmäßig ins Internet, bei den sechs- bis 13-Jährigen sind es knapp 60 Prozent. Wichtigstes Thema dabei ist die Kommunikation über Instant Messenger wie WhatsApp. 95 Prozent der Jugendlichen nutzen diese regelmäßig, die meisten davon über mobile Anwendungen auf dem Smartphone (vgl. JIM 2016, KIM 2016).

Medienerziehung in der Jugendhilfe

Kinder und Jugendlichen haben ein Recht auf umfassende und nachhaltige pädagogische Unterstützung, um die Fähigkeiten auszubilden, die ihnen einen sachkundigen Umgang mit der vernetzten Medienwelt und weitergehend eine souveräne Lebensführung in einer digitalen Gesellschaft ermöglichen.

Einrichtungen der Jugendhilfe sind hier gefordert, den in §1 SGB VIII formulierten Anspruch, die Jugendhilfe solle "junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen" auch in Hinblick auf die Mediennutzung explizit umzusetzen. Dabei geht es nicht ausschließlich um die Abwehr von Gefahren. Vielmehr geht es darum, digitale Medien sinnvoll zu nutzen, sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten für eine aktive Beteiligung an einer von Medien geprägten Gesellschaft zu erwerben.

Wenn wir den kompetenten Umgang mit Medien als eine der wichtigsten erzieherischen Aufgaben verstehen, können wir nicht umhin, auch in den Einrichtungen der Jugendhilfe Voraussetzungen zu schaffen, damit Fachkräfte diese Aufgabe erfüllen können.

ajs Medienscouts Jugendhilfe

Das Angebot richtet sich an Einrichtungen, die Hilfen zur Erziehung durchführen und im Rahmen ihrer Arbeit medienpädagogische Themen bearbeiten möchten. Es beinhaltet als zentralen Baustein Schulungen jugendlicher Medienscouts, die im Anschluss Peer-Projekte zum Thema Mediennutzung für andere Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen, in Schulen oder im Stadtteil gestalten. Das Angebot setzt bewusst auf den Ansatz der Peer-Education, da Jugendliche Expertinnen und Experten der Mediennutzungsformen von Gleichaltrigen oder Jüngeren sind und ihr Wissen als auch Fragen zum Thema einbringen können. Für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Ansatzes brauchen sie jedoch die Unterstützung und Begleitung der pädagogischen Fachkräfte, wie auch ein Klima der Medienkompetenzförderung in den Einrichtungen insgesamt.

Vom Pilotprojekt zur nachhaltigen Umsetzung

In den Jahren 2011 bis 2014 ist das Angebot in Form verschiedener Pilotprojekte entwickelt und umfangreich erprobt worden. Seit 2015 wird es in Kooperation mit der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) in einer mehrstufigen Variante angeboten. Innerhalb eines Zeitraums von bis zu drei Jahren werden die einzelnen Maßnahmen des Angebots dreimal wiederholt. Die von der ajs eingebrachte Referententätigkeit bei der Schulung der Medienscouts wird dabei schrittweise durch die Fachkräfte der Einrichtungen übernommen. Gemeinsam mit medienpädagogischen In-House-Seminaren sorgt dies für eine weiterführende Institutionalisierung medienpädagogischer Themen in den Einrichtungen. Eine nachhaltige Verankerung des Themas in den pädagogischen Konzepten und im Gruppenalltag soll erreicht werden.

Seminare für Fachkräfte

Als erste Maßnahme findet ein eintägiges In-House-Seminar für alle interessierten Fachkräfte einer Einrichtung statt. Dort erhalten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen aktuellen Überblick zum Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Dabei werden die Notwendigkeit und die Bedeutung medialer Kommunikation für das Aufwachsen heutzutage genauso thematisiert wie die potenziellen Risiken bei der Nutzung von Snapchat, Instagram und anderen Diensten. Die Fachkräfte haben während des Seminars die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit der Mediennutzung der Kinder und Jugendlichen aus ihrem Arbeitsalltag einzubringen und zu diskutieren.

Zu Beginn des zweiten und dritten Durchlaufs findet jeweils ein weiteres In-House-Seminar für Fachkräfte statt. Nach individueller Absprache mit der Einrichtung können hier entweder neue Themen und Entwicklungen im Bereich der Mediennutzung aufgegriffen, die bisherigen Erfahrungen im Rahmen des Angebots reflektiert und diskutiert oder neue Kolleginnen und Kollegen mit grundlegenden Informationen versorgt werden.

Medienscouts – Schulung und anschließende Peer-Projekte

Für die 20-stündige Medienscout-Schulung werden innerhalb einer Einrichtung sechs bis zehn Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren gewonnen. Die Schulung ist in fünf Modulen organisiert. Zu Beginn und zum Ende stehen Module zu Rolle, Aufgabe und Tätigkeit der Medienscouts auf dem Programm. An weiteren Terminen arbeiten die Jugendlichen zu den Themen Internetnutzung, Handys und Smartphones sowie dem sicheren Umgang mit diesen Medien.


Bild: Katrin Schmitt

Nach der Schulung planen und organisieren die Medienscouts ihre  Peer-Projekte für andere Kinder und Jugendliche und führen diese mit Unterstützung der begleitenden Fachkräfte durch. Letztere stehen bei der Organisation und bei auftretenden Problemen und Schwierigkeiten zur Seite.

Wie oben bereits beschrieben werden die Medienscout-Schulungen im zweiten und dritten Durchlauf Schritt für Schritt von den Fachkräften der Einrichtungen durchgeführt. Ziel ist es, dass auch nach Beendigung des Angebots weiterhin medienpädagogische Projekte in den Einrichtungen durchgeführt werden können.

Positive Erfahrungen überwiegen

Bei den beteiligten Fachkräften überwiegen im Rückblick die positiven Effekte. Das Angebot bietet ihnen die Gelegenheit, die Jugendlichen als Expertinnen und Experten für ein Thema wahrzunehmen und mit diesen darüber in einen Austausch zu kommen. Die Fachkräfte berichten darüber hinaus, dass sie sensibler für den Medienumgang der Jugendlichen geworden sind. Im Gegenzug werden sie von diesen eher als Ansprechpersonen bei auftretenden Schwierigkeiten wahrgenommen. Bei Jugendlichen, die in Angeboten der erzieherischen Jugendhilfe unterstützt werden, ist aufgrund ihrer jeweiligen Geschichte das Gefühl der Selbstwirksamkeit und des eigenen Selbstwertes oft nur eingeschränkt vorhanden. Die Tatsache, dass die meisten Jugendlichen die Schulung und Umsetzung der Peer-Projekte von Anfang bis Ende durchhalten, ist eine oftmals neue und im positiven Sinne ungewöhnliche Erfahrung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Insgesamt sorgt das Angebot dafür, dass das Thema Mediennutzung innerhalb der Einrichtungen intensiver diskutiert und als pädagogische Aufgabe für die eigene Arbeit wahrgenommen wird. Bis heute konnten ca. 200 Medienscouts aus verschiedenen Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung erreicht werden.

Arbeitshilfe zum Angebot

Im Mai 2015 hat die ajs eine Arbeitshilfe zum Angebot veröffentlicht. Sie enthält neben theoretischen Grundlagen und einem Überblick zum Angebot alle Methoden der 20-stündigen Medienscout-Schulung inklusive sämtlicher Hinweise zur Organisation, Durchführung und Auswertung derselben. Das notwendige Material ist sowohl im Heft abgedruckt als auch online verfügbar. Die Arbeitshilfe kann über die Internetseite der ajs bezogen werden.

Über den Autor

Henrik Blaich ist Diplom-Sozialpädagoge und Fachreferent für Medienpädagogik und Gewaltprävention bei der Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg (ajs).

Quellenangabe

  • mpfs (2016): JIM 2016, Jugend, Information, (Multi-)Media, Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (LFK, LMK). Stuttgart.
  • mpfs (2017): KIM 2016, Kindheit, Internet, Medien, Basisstudie zum Medienumgang 6- bis 13-jähriger in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (LFK, LMK). Stuttgart.

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstaltete am 29. März 2017 innerhalb des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags den Workshop "Always on?! Digitale Medien im beruflichen Alltag der Kinder‐ und Jugendhilfe". Die Veranstaltung thematisierte die Auswirkungen der Digitalisierung auf das professionelle Handeln der Fachkräfte und stellte als Anregung für die fachliche Arbeit Good-Practice-Beispiele vor. Henrik Blaich präsentierte in diesem Rahmen das Angebot ajs Medienscouts Jugendhilfe.

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