Jugendforschung

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Ursachenforschung und Online-Therapie

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen ist in Deutschland ein sehr häufig auftretendes Phänomen. Etwa jeder dritte Jugendliche hat sich zumindest einmalig selbst verletzt und etwa einer von 25 Heranwachsenden tut dies häufig. In einem neuen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt sollen nun innovative Ansätze gebündelt werden, um einerseits neue Erkenntnisse zu den Auslösern, aber auch zu den Gründen der Beendigung von selbstverletzendem Verhalten zu erlangen.

07.11.2018

Darüber hinaus wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine neuartige Online-Therapie beforschen. Die Leitung des Gesamtprojekts STAR (Self-Injury, Treatment, Assessment, Recovery) hat Professor Paul Plener, Wissenschaftler an der Universitätsklinik Ulm sowie an der Medizinischen Universität Wien. Bei selbstverletzendem Verhalten geht es den Jugendlichen meist nicht darum, ihr Leben zu beenden oder Aufmerksamkeit auf die eigene Person zu lenken. Vielmehr versuchen Betroffene, einem negativen emotionalen Zustand zu entgehen.

Selbstverletzendes Verhalten betrifft viele Jugendliche in Deutschland

In den vergangenen Jahren haben Forschende gezeigt, welche Konsequenzen selbstverletzendes Verhalten auch auf neurobiologischer Ebene haben kann. Außerdem sind effektive therapeutische Ansätze weiterentwickelt worden, die allerdings noch nicht flächendeckend zur Verfügung stehen. Im Projekt STAR sollen nun bisherige Erkenntnisse und Ansätze gebündelt werden: "Selbstverletzendes Verhalten betrifft viele Jugendliche in Deutschland. Mit dem STAR-Projekt schaffen wir erstmals einen Mehr-Ebenen-Zugang, der Grundlagenforschung mit therapeutischen Angeboten und Schulungsmaßnahmen vereint", sagt Projektleiter Professor Paul Plener, der an der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie forscht.

Dokumentation des Verhalten per Smartphone

Wer beginnt sich selbst zu verletzen und wer beendet dieses Verhalten? Mittels Befragungen und weiterer Testverfahren sollen im Zuge des Projekts STAR psychologische Einflussfaktoren zur Selbstverletzung erhoben werden. Zudem werden betroffene Jugendliche gebeten, ihr Verhalten per Smartphone zu dokumentieren. Durch ihre Rückmeldungen erhoffen sich die Forschenden Einblicke in die Selbstverletzung im Alltag sowie ein tieferes Verständnis der Symptome. Neurobiologische Veränderungen bei den Jugendlichen hat ein weiteres STAR-Teilprojekt im Blick: Dabei kombinieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenste Methoden aus Bildgebung, Genetik, Stress- und Hormonforschung. Als Ziel wollen die Forschenden ein breites Bild neurobiologischer Veränderungen gewinnen und Fragen nach möglichen Auslösern für selbstverletzendes Verhalten sowie dessen Beendigung beantworten.

Innovative Onlinetherapie als Teil des Forschungsprojekts

Als wichtiger Bestandteil des Forschungsvorhabens wird Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten zudem eine innovative Onlinetherapie angeboten. Basierend auf vorherigen Erkenntnissen, wonach Betroffene vielfach keine therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, soll online ein niedrigschwelliger Zugang geschaffen werden. Ärzte und Psychotherapeuten nimmt wiederum ein in Ulm angesiedeltes Teilprojekt in den Blick: Professor Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, widmet sich dem Erstkontakt mit betroffenen Jugendlichen in der medizinischen oder psychotherapeutischen Behandlung.

E-Learning-Programm für Ärzte und Psychotherapeuten

Im Zuge des Teilprojekts sollen verschiedene Methoden erprobt werden, um diesen beiden Berufsgruppen Erkenntnisse über den Umgang mit sich selbst verletzenden Jugendlichen zu vermitteln. Im Zuge von STAR werden ihnen Kurse und ein von der Ärztekammer zertifiziertes E-Learning-Programm angeboten. "Für Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnnen und -therapeuten in der Erstversorgung stellt selbstverletzendes Verhalten oft eine große Herausforderung dar. Unser Projekt hat zum Ziel, Fachkräften, die oft dafür entscheidend sind, ob ein Jugendlicher bereit ist, weitere Hilfen in Anspruch zu nehmen, evidenzbasiertes Wissen zur Thematik zur Verfügung zu stellen. Wir bauen dabei auf unsere mehr als zehnjährige Erfahrung im gezielten Wissenstransfer durch E-Learning", so Professor Fegert.

Das Projekt STAR startet am 1. November und lebt vom Mitwirken Jugendlicher und junger Erwachsener mit selbstverletzendem Verhalten - von der Online-Befragung bis zur Online-Therapie. Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Nähe eines der Zentren in Ulm, Heidelberg, Mannheim, Landau oder Neuruppin/Berlin leben, sind auch eingeladen, vor Ort an einer zusätzlichen Erhebung von selbstverletzendem Verhalten teilzunehmen, die eine zusätzliche Untersuchung neurobiologischer Grundlagen umfasst. Ebenso können sich Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten für das Fortbildungsangebot anmelden.

Neben Gesamtprojektleiter Professor Paul Plener und Professor Jörg Fegert von der Universitätsklinik Ulm sind Professor Christian Schmahl (Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim), Professor Michael Kaess (Universitätskliniken Heidelberg und Bern) sowie Professorin Tina In-Albon (Universität Koblenz-Landau) und Professor Ulrich Ebner-Primer (KIT) als Teilprojektleiter am Forschungsvorhaben STAR beteiligt.

Quelle: Universität Ulm vom 02.11.2018

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