Studie

Kinder und Jugendliche treiben zu wenig Sport

Ein Junge sitzt auf der Couch, schaut auf ein Tablet und isst einen Schokoriegel.
Bild: Annie Spratt - unsplash.com

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hat ihren „Vierten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht“ vorgestellt. Im Fokus stehen die Einwirkung der Digitalisierung auf die Bewegung, die Gefährdung durch sexuelle Übergriffe oder Doping sowie der Rückgang des Leistungsdenkens. Die Studie gibt auch Empfehlungen, wie Kinder und Jugendliche motivert werden können, mehr Sport zu treiben.

Sport und eine gesunde Entwicklung stehen im engen Zusammenhang. Deswegen stellte sich die Studie der Krupp-Stiftungfolgende Fragen: Durch welche gesellschaftlichen Entwicklungen verändert sich die sportliche Betätigung von Kindern und Jugendlichen? Welchen Einfluss haben hierbei medial vermittelte Körpernormen und wie wirkt sich die Digitalisierung auf das Bewegungsverhalten aus? Welche gesundheitlichen Risiken sind mit steigender Inaktivität verbunden und welches Potenzial birgt Bewegung für Kinder und Jugendliche?

Ziel des 430-seitigen Berichts ist es, zentrale Aspekte und den gegenwärtigen Wissensstand zur sportlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zusammenzufassen. Auf dieser Basis werden sowohl Forschungslücken ausfindig gemacht als auch Handlungsempfehlungen für Politik, Verbände, Vereine, Schulen sowie Eltern formuliert.

Drei Kernthemen

Erarbeitet wurde der Bericht von 18 Arbeitsgruppen von Wissenschaftler(inne)n aus unterschiedlichen Bereichen der Sportwissenschaft, wie Sportmedizin, -management sowie Sportpädagogik, -soziologie und Ernährungswissenschaft unter der Leitung von Prof. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Bericht widmet sich drei Kernthemen: dem Einfluss von Sport auf die körperliche und psychische Gesundheit, der Rolle von Leistung in der sportlichen Entwicklung sowie verschiedenen gesellschaftlichen Einflussfaktoren wie der Wertebildung, die im Zusammenhang mit dem Thema Sport stehen.

Wenig Bewegung im Alltag

Für das Kernthema Gesundheit kommen die Autor(inn)en zu dem Ergebnis, dass sich Kinder und Jugendliche in Deutschland immer weniger im Alltag bewegen und damit die Mehrheit der Heranwachsenden die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht erfüllt. Besonders weibliche Jugendliche sind hiervon betroffen. Darunter leidet auch die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, die weiterhin abnehmend ist. Hieraus können negative Auswirkungen für die körperliche oder seelische Gesundheit resultieren. Weiterhin problematisch ist in diesem Zusammenhang das wachsende Angebot an digitalen Medien und Spielen. Auch wenn die Forschung zu den Auswirkungen noch am Anfang steht, sind erste Erkenntnisse zum Sitzverhalten beim Medienkonsum und dem daraus resultieren¬den geringen Energieumsatz alarmierend.

Chronisch kranke Kinder

Die Wissenschaftler/-innen betonen zudem, dass auch chronisch kranke Kinder und Jugendliche von Sport und Bewegung profitieren können. Entgegen der Tendenz einer starken Behütung Betroffener sollten diese die Möglichkeit haben, am Sport teilzunehmen. Ansonsten droht eine doppelte gesundheitliche Benachteiligung. Sport und Bewegung sind außerdem medizinisch erforderlich und wirken sich in Abhängigkeit des jeweiligen Zustands positiv auf den Krankheitsverlauf aus. Prof. Christine Joisten, Sportmedizinerin und Mitherausgeberin des Berichts bekräftigt: „Sportliche Aktivitäten und Bewegung tragen zur psychischen Stabilisierung, zur Steigerung der Lebensqualität und zu sozialer Integration bei.“ Auch die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen wird laut des Berichts positiv von Sport und Bewegung beeinflusst. Wirksam sind vor allem Programme, die körperliche und koordinative Anforderungen kombinieren. Um den gesundheitsförderlichen Wert von Sport und Bewegung flächendeckend zu vermitteln, plädieren die Wissenschaftler/-innen auf die Implementierung des ganzheitlichen Leitprinzips Physical Literacy in Deutschland. Die Umsetzung, beispielsweise im Sportunterricht, soll Kinder und Jugendliche durch die Verbindung motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Motivation und Selbstwirksamkeit in ihrer Gesundheitsorientierung schulen.

Rückgang des Leistungsdenkens

Im Rahmen des Kernthemas Leistung haben sich die Wissenschaftler/-innen vor allem mit dem pädagogischen Wert des Leistungsgedankens für Kinder und Jugendliche beschäftigt. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass Leistungsverbesserung und Leistungsvergleiche für Kinder und Jugendliche selbstverständliche und attraktive Bestandteile des Sporttreibens sind. Außerdem stellen Erfahrungen des Leistens und des Leisten-Könnens zugleich pädagogische Grundpfeiler des Schulsports dar. Trotz allem ist ein Rückgang der Leistungsorientierung im Kinder- und Jugendsport, sowohl im Schulsport als auch im Sportverein, zu verzeichnen. Gerade Sportvereine leben von einer regen Wettkampftätigkeit und dem Austausch hierüber mit anderen Vereinen. Die Forscher/-innen betonen jedoch, dass der Sport ohne Wettbewerb, Regeln, sportartspezifische Fertigkeiten und Leistungsorientierung seine Existenzberechtigung als spezifisches Kulturgut und funktionales Teilsystem der Gesellschaft verliert. Damit entwickelt sich der Sport zu einer austauschbaren Gesundheits- oder Integrationstechnik. Abhilfe könnte die gezielte Unterstützung von Vereinen oder der Ausbau von Ganztagsschulen schaffen, um Sinndimensionen wie Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft oder Frustrationstoleranz wieder stärker anzusprechen. Tatsächlich stehen aber gesundheitliche Intentionen im Mittelpunkt sportbezogener Ganztagesangebote.

Sport ist teurer geworden

Die Untersuchungen zum Kernthema Gesellschaft haben unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht: Zum einen ist der Kinder- und Jugendsport in Deutschland in den letzten Jahren teilweise deutlich teurer geworden (z.B. Schwimmbadbesuche). Hiervon ausgenommen sind Sportvereine, deren Mitgliedsbeiträge für Kinder und Jugendliche in den letzten zwölf Jahren trotz Inflation konstant geblieben sind. Zum anderen haben die Wissenschaftler/-innen herausgefunden, dass ein erheblicher Anteil an Kindern und Jugendlichen Erfahrung mit emotionaler, körperlicher oder sexueller Gewalt in Sportangeboten machen musste. Präventionskonzepte wurden erarbeitet, doch werden die Maßnahmen nicht von allen Sportverbänden umgesetzt und kommen zu wenig in den Sportvereinen an. Weitere Gefährdungen ergeben sich durch Doping und Schmerzmittel, Korruption und Spielmanipulation oder durch den Einfluss politischer und religiöser Extremisten. Trotz potenzieller Bedrohungslagen liegen hier allerdings keine Daten für den Kinder- und Jugendsport in Deutschland vor.

Wesentliche Handlungsempfehlungen des Kinder- und Jugendsportberichts

1) Bewegungsanreize im Alltag ausbauen

Damit der Alltag von Kindern und Jugendlichen wieder bewegungsaktiver wird, muss die Sport- und Bewegungsumwelt von Kindern und Jugendlichen in Deutschland attraktiver werden. Neben organisierten Sportprogrammen und breit zugänglichen Sportanlagen bedeutet dies, eine bewegungsanregende Umwelt im Sinne des Urban Design und von Urban Furniture zu schaffen. Alltagsräume von Kindern und Jugendlichen sollten so gestaltet werden, dass Bewegung niedrigschwellig ermöglicht wird. Dazu gehört auch, dass Wege zu Schulen und Freizeiteinrichtungen so entwickelt werden, dass diese sicher und in vielfältiger Weise körperlich aktiv zurückgelegt werden können.

2) Nachfrage erhalten

Angesichts steigender Kosten für Kinder- und Jugendsport ist darauf zu achten, dass die Nachfrage nicht sinkt. Dies kann über eine verstärkte Information der Nachfrager (Eltern) über den Wert von Kinder- und Jugendsport erfolgen, eine gezielte (stärkere) Subventionierung von bestimmten Angeboten oder aber über die Sicherstellung eines hinreichenden öffentlichen Angebots an Kinder- und Jugendsport im Falle eines gleichzeitigen Markt- und Vereinsversagens. Keinesfalls aber sollten auf Kosten der Qualität von Kinder- und Jugendsport¬angeboten Preise niedrig gehalten werden.

3) System Schule anpassen

Um auch die kognitive Leistungsfähigkeit über Sport und Bewegung zu fördern, sind der Schulsport auszubauen und Schulsportcurricula anzupassen. Programme, die körperliche und kognitive Anforderungen kombinieren, sind systematisch in das System Schule zu integrieren.

4) Physical Literacy leben

Gesundheitsorientierter Kinder- und Jugendsport in Deutschland sollte sich verstärkt am Konzept der Physical Literacy orientieren, so wie dies international bereits üblich ist. Physical Literacy stellt einen ganzheitlichen Ansatz der (kindlichen) Bewegungsförderung dar, in dem neben Partizipation, motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch Motivation und Selbstwirksamkeit zusammengefasst werden.

5) Chronisch kranke Kinder unterstützen

Um die Wertschätzung, optimale Behandlung und Integration chronisch kranker Kinder und Jugendlicher zu verbessern, bedarf es einer entsprechenden Fort- und Weiterbildung von Ärzt(inn)en, Gesundheitsexpert(inn)en, Trainer(inne)n und Lehrer(inne)n hinsichtlich der positiven rehabilitativen, präventiven und therapeutischen Auswirkungen von Sport und Bewegung in der chronischen Krankheit. Zudem sollten Leitlinien entwickelt werden, chronisch kranke Kinder nur im Ausnahmefall vom Schulsport zu befreien. Darüber hinaus bedarf es einer frühzeitigen und langfristigen kassenpflichtigen Integration von Sport und Bewegung in das therapeutische Setting von chronisch kranken Kindern. Schließlich ist ein flächendeckendes Netz an Sportgruppen für chronisch kranke Kinder zu etablieren.

6) Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Gerade weil sich Inanspruchnahme und Zielsetzungen des Kinder- und Jugendsports vervielfacht haben und vermehrt nicht-intendierte negative Folgen des leistungsorientierten Kinder- und Jugendsports diskutiert werden, dürfen die grundständigen individuellen und gesellschaftlichen Potenziale und Funktionen von Leistung im Kinder- und Jugendsport nicht übersehen oder vernachlässigt werden. Auch zukünftig müssen Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft erfahrbar gemacht und vermittelt werden. Leistung muss somit einen festen Bestandteil im Kinder- und Jugendsport behalten. Dies gilt sowohl für den Vereins- als auch für den Schulsport (hier auch für Angebote im Offenen Ganztag).

7) Programmentwicklung vorantreiben

Die Mut machende Befundlage zu den Möglichkeiten, Fairness und prosoziales Verhalten im Kinder- und Jugendsport zu fördern, sollte aufgegriffen werden. Darauf aufbauend sollten Programme entwickelt und erprobt werden, die gleichermaßen sowohl prosoziale Werte als auch Leistungsorientierung vermitteln. Dies stellt einen Schlüssel dar, um Zielsetzungen prosozialen Verhaltens nicht nur in Einzelinitiativen, sondern explizit, breit und nachhaltig im Kinder- und Jugendsport zu verankern und anzusteuern.

8) Implementationsschwierigkeiten überwinden

Im Hinblick auf einige Gefährdungen im Kinder- und Jugendsport liegen mittlerweile wertvolle Präventionskonzepte vor. Umsetzungsambition und -vermögen an der Basis der Sportanbieter (Vereine, aber auch kommerzielle und öffentliche Anbieter) sind jedoch nicht gleichermaßen entwickelt. In der Folge werden gute Ansätze der Sportjugenden und -verbände nur eingeschränkt umgesetzt und Gefährdungen werden nicht hinreichend minimiert. Es bedarf somit einer systematischen Implementationsforschung, welche die Ursachen der Implementationsschwierigkeiten ermittelt. Auf den Befunden aufbauend sollte dann ein Anreiz- und Unterstützungsprogramm für die Basis entwickelt werden, um dort entsprechende Präventionskonzepte systematisch und nachhaltig zu implementieren.

9) Daten zu unerforschten Gefährdungslagen bereitstellen

Während die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch Gewalt und Missbrauch im Sport oder durch Körpernormen und Magersucht vergleichsweise gut erforscht ist, liegen im Hinblick auf andere Gefährdungen keine oder nur unzureichende Daten vor. Dies gilt etwa für Gefährdungen durch Doping und Schmerzmittel, Korruption und Spielmanipulation oder durch den Einfluss durch politische oder religiöse Extremisten. Hier bedarf es systematischer Forschungsanstrengungen, um Problemgröße, -wirkung und -verursachung zu ermitteln und auf dieser Basis ebenfalls Präventionskonzepte zu entwickeln.

Mehr Informationen: www.krupp-stiftung.de/vierterkinderundjugendsportbericht/

Quelle:Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung vom 29.10.2020

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