Bildungsforschung / Ganztagsbildung

Das Lernen von Kindern verstehen und fördern: Bilanz nach sechs Jahren Forschungsarbeit

Eine Grundschülerin liegt auf der Wiese und malt ein Bild. Neben ihr liegt die Schultüte.
Bild: © Kati Neudert - Fotolia.com

In einem neuen Buch stellt das Forschungszentrum IDeA seine bisher erreichten Ergebnisse vor. Die Einrichtung am Frankfurter DIPF beschäftigt sich mit Kindern, deren Bildungserfolg gefährdet ist und befasst sich mit ihrer Lernentwicklung und mit Möglichkeiten, sie gezielt zu unterstützen. Der Sammelband richtet sich an Menschen, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit der Vielfalt der kindlichen Entwicklung auseinandersetzen.

Verschiedene Faktoren erhöhen das Risiko, dass Kinder in der Schule Misserfolge erleben. Dazu zählen kognitive Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Lernstörungen oder bestimmte soziale Voraussetzungen wie etwa eine nicht-deutsche Muttersprache. Will man die Kinder fördern, müssen viele Fragen beantwortet werden:

Welche bildungsrelevanten Risiken gibt es und wie wirken sie sich aus? Wie kann man sie erkennen und welche Maßnahmen können betroffene Kinder gezielt unterstützen? An Antworten arbeitet seit dem Jahr 2008 das Forschungszentrum IDeA (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) in Frankfurt am Main: Derzeit rund 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von mehreren Institutionen und aus verschiedenen Fachgebieten erforschen die Entwicklung in den ersten zwölf Lebensjahren und Fördermöglichkeiten für Kinder, die sich mit dem Lernen aufgrund vielfältiger Risiken schwerer tun. Mit einem neuen Buch legt IDeA jetzt eine Bilanz der Ergebnisse aus den ersten sechs Jahren seiner Arbeit vor.

Vielfalt der kindlichen Entwicklung

"Mit dem Sammelband wenden wir uns vor allem an Personen, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit der Vielfalt der kindlichen Entwicklung auseinandersetzen", erläutert Professor Dr. Marcus Hasselhorn vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), der wissenschaftliche Leiter von IDeA. "Das Buch stellt keinen Handlungsleitfaden für den direkten Einsatz in Kita und Schule dar, bietet aber Wissen und Anregungen für die pädagogische Praxis sowie für alle Interessierten", so Dr. Ulrike Hartmann von der Bergischen Universität Wuppertal, bis 2016 IDeA-Koordinatorin am DIPF.

Einige Beispiele der vorgestellten Befunde:

  • Lernbegleitende Diagnostik verhilft Grundschülerinnen und -schülern mit geringem Sprachverständnis in Deutsch zu besseren Leistungen. Dabei gilt es, ihre Lernstände regelmäßig zu erfassen, sie motivierend an die Kinder zurückzumelden und die nächsten Lernschritte aufzuzeigen.
  • Die IDeA-Untersuchungen belegen, dass in der Mitte der Grundschulzeit rund 13 Prozent der Schulkinder von einer Lernstörung nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation betroffen sind. Sie zeigen also schlechtere Leistungen als die Norm im Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen, obwohl ihre Intelligenz deutlich bessere Leistungen erwarten ließe.
  • Viele pädagogische Fachkräfte in Krippen und Kindertagesstätten sind noch nicht ausreichend darauf vorbereitet, Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen individuell fördern zu können. Auch aufgrund der hohen Erwartungen von Politik und Öffentlichkeit machen diese Ergebnisse deutlich, dass die frühpädagogische Qualifizierung weiterentwickelt werden muss. 

Zentrale bildungsrelevante Risiken 

Das Buch startet mit einführenden Erläuterungen zu den zentralen bildungsrelevanten Risiken. Im Anschluss geht der Band auf die drei Forschungsbereiche des Zentrums ein:

  • Individuelle Entwicklung: Die Beiträge befassen sich zum Beispiel damit, wie Kinder Sprache lernen, mathematische und schriftsprachliche Kompetenzen ausbilden und sich ihre kognitiven und sozialen Merkmale entwickeln. Die Studien sind der Grundlagenforschung zuzuordnen.
  • Adaptive Bildungskontexte: Im Fokus stehen die verschiedenen Lebens- und Lernumgebungen der Kinder. Dazu zählen Kindertageseinrichtungen und Schulen genauso wie ihre Familien, ihr Wohnumfeld und die Gruppen der Gleichaltrigen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen der Frage nach, inwieweit die Bildungskontexte auf die individuellen Bedürfnisse und Ausgangslagen der Kinder eingehen. Zu diesem Zweck stellten sie erprobte Methoden vor: zum Beispiel die genannte lernbegleitende Diagnostik.
  • Professionalisierung: Der Forschungsbereich untersucht die Fähigkeiten und Kompetenzen von pädagogischen Fachkräften. Von Interesse sind außerdem die Überzeugungen, mit denen sie ihrer Arbeit nachgehen, und die gesellschaftlichen Erwartungen, die an sie gerichtet werden. 

Ein abschließender Abschnitt betrachtet die Ergebnisse als Gesamtschau und bewertet die Erträge der IDeA-Arbeiten für die pädagogische Praxis.

Weitere Informationen zur Buchveröffentlichung und zum Forschungszentrum, sowie ein Interviews mit Dr. Ulrike Hartmann finden sich in der Pressemitteilung des DIPF

Quelle: Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung vom 27.04.2017

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