Postmigrantisches Netzwerk

Rassismus macht psychisch krank – Gesundheitsversorgung darf Betroffene nicht länger alleine lassen

Eine Jugendliche mit dunkler Hautfarbe schaut traurig zur Seite und hat ihren Kopf auf dem Arm gestützt, im Hintergrund sind gestikulierende Erwachsen zu sehen
Bild: rawpixel.com

Der Zusammenhang von Rassismuserfahrungen und psychischer Gesundheit wird nicht ernst genommen. Dabei liefern mehrere Studien deutliche Hinweise auf eine schlechtere psychische Gesundheit von Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren. Die neuen deutschen organisationen. das postmigrantische netzwerk (ndo) fordern dringend eine vertiefte Auseinandersetzung mit Rassismus und dessen gesundheitlichen Auswirkungen, sensibilisiertes Fachpersonal und Angebote für Betroffene.

Schwarze Menschen, Personen of Color und (Post)migrant/-innen erfahren laut ndo täglich Rassismus und sind im Vergleich zur weißen Mehrheitsgesellschaft besonders häufig psychosozialen Belastungen ausgesetzt, die das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen. Dazu gehören zum Beispiel Lebenserfahrungen wie Migration und Flucht, Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnsituation, Diskriminierung und „Ausländer/-innenfeindlichkeit“.

Auswirkungen durch Corona

2020 kam die Corona-Pandemie als Faktor dazu, der sich insbesondere belastend auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Aus einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung geht hervor, dass bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund der Anteil mit depressiven Symptomen in der Pandemie von 9 Prozent auf 21 Prozent anstieg, während er sich bei jungen Menschen mit Migrationsgeschichte von 11 Prozent auf 33 Prozent verdreifachte. Repräsentative Studien, die den direkten Zusammenhang von Rassismus und der mentalen Gesundheit von BPoC darstellen oder konkret aufzeigen, wie institutioneller Rassismus im Gesundheitswesen funktioniert, fehlen in Deutschland immer noch. Dabei sind die psychischen Folgen von Rassismus in der internationalen Forschung längst belegt, wie beispielsweise die Entwicklung von affektiven, psychotischen oder Substanzgebrauchsstörungen.

Interkulturelle Öffnung in Deutschland

Aktuelle Vorstöße beschäftigen sich vorrangig mit einer interkulturellen Kompetenz des Fachpersonals im Rahmen einer interkulturellen Öffnung in Deutschland. Dies greift aber laut ndo nicht weit genug und lässt bestimmte Personengruppen mit Rassismuserfahrungen außer Acht. In den verschiedenen psychologischen Ausbildungen erhält Rassismus als Risikofaktor keine oder zu wenig Beachtung, was zur Folge hat, dass die Mehrheit von Therapeut(-inn)en, psychologischen Berater(-inne)n und Coaches in Deutschland nicht rassismussensibel qualifiziert sind. Um die notwendige Hilfe zu gewährleisten, müssen Hürden im Gesundheitssystem abgebaut werden, sowie Therapeut(-inn)en und Fachpersonal im Rahmen ihrer Ausbildung befähigt werden, die spezifischen Bedarfe und Belastungen von BPoC zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Die hohe Überlastung der wenigen BPoC-Therapeut(-inn)en in Deutschland zeigt den dringenden Bedarf an rassismussensiblen Beratungs- und Behandlungsangeboten.

Handlungsbedarf

Dringenden Handlungsbedarf sieht u.a. auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. und empfiehlt eine vertiefte Auseinandersetzung mit Rassismus und dessen Auswirkungen auf fachlicher Ebene sowie ein qualifiziertes therapeutisches und zugängliches Angebot für Menschen mit Rassismuserfahrungen. Die ndo schließen sich der Forderungen des Bundesfachnetz Gesundheit&Rassismus an und fordert explizit von der kommenden Bundesregierung und dem Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus, Maßnahmen in die Wege zu leiten, die nicht nur Rassismus im Gesundheitssystem selbst bekämpfen, sondern BPoC mit ihrer notwendigen psychischen Gesundheitsversorgung nicht länger allein lassen.

Quelle: neue deutsche organisationen. das postmigrantische netzwerk vom 25.10.2021

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