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Gender / Digitalisierung und Medien

Gendersensible Medienpädagogik im Jugendalter – Wie kann sie umgesetzt werden?

Vier Teenager stehen zusammen in einer Einkaufsstraße und zwe davin schauen auf ihre Smartphones
Bild: natureaddict - pixabay.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Smartphones mit Internetzugang gehören heute zur medialen Grundausstattung von Kindern und Jugendlichen. Instagram, Facebook oder YouTube sind beliebte und oft besuchte Plattformen, die Möglichkeiten zur Selbstinszenierung, Orientierung – und damit zur Arbeit an der Geschlechteridentität bieten. Auffällig ist, dass Mädchen und Jungen sich unterschiedlich teils stereotyp verhalten, beispielsweise auch beim Sexting. Wie kann die Pädagogik hier unterstützen? Sophie Irmey und Nele Adolph zeigen in diesem Artikel Potenziale und Herausforderungen einer gendersensiblen Medienpädagogik im Kontext der ‘reflexiven Ko-edukation’ auf.

Was ist gendersensible Medienpädagogik?

Im Jugendalter spielt die Entwicklung der eigenen Identität eine zentrale Rolle, sie ist für das Erwachsenwerden von großer Bedeutung. Jugendliche versuchen ein für sich stimmiges Ich-Gefühl zu entwickeln – insbesondere in Auseinandersetzung mit dem Geschlecht. Medien liefern ihnen hierzu zahlreiche Möglichkeiten. Sie können sich in den Medien orientieren, mit Geschlechterbildern identifizieren und auch selbst inszenieren („doing gender“). In den Medien werden sie allerdings auch mit Geschlechterstereotypen konfrontiert und präsentieren sich teils selbst stereotyp (vgl. Astheimer u.a. 2011). Aus pädagogischer Sicht ist dies problematisch, da die zweigeschlechtliche stereotype Darstellung und Inszenierung von Geschlecht die Selbstbestimmung und -entfaltung einschränken (Grimm 2015: 111).

In der gendersensiblen Medienpädagogik geht es daher darum, auf diese Geschlechterstereotype aufmerksam zu machen und Jugendliche für Hierarchien und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu sensibilisieren. Ziel ist es Vorurteile gegenüber Geschlechtern sichtbar zu machen und einen Blick auf alternative Geschlechtervorstellungen zu eröffnen. Anknüpfend an die eigene Lebenssituation lernen Jugendliche eine geschlechtliche Vielfalt kennen und erfahren Freiräume zur eigenen Entfaltung. Sie werden damit in dem Prozess der Identitätsfindung unterstützt und entwickeln eine eigene und reflektierte Haltung zum Geschlecht (Grimm 2015: 127).

Geschlechterrollen in Online-Videos - ein Anknüpfungspunkt für gendersensible Arbeit

Einer der derzeit beliebtesten Online-Plattformen für Jugendliche ist YouTube. (JIM-Studie 2017) Jugendliche konsumieren täglich Videos, einige produzieren diese auch selbst. Besonders beliebt sind Videos, die Jungen und Mädchen in einer Wettkampf-Situation zeigen – so genannte „Challenges“. Zu finden sind sie z.B. in Beauty-Tutorials oder Comedy-Videos. In derartigen Videos werden geschlechtliche Stereotype aufgegriffen und kollektiv Verhaltensweisen zugeschrieben, die stark vereinfachend sind. Klickt man beispielsweise Videos von YouTube-Stars wie Bibis Beauty Palace, Dagi Bee oder LionTTV an, so werden Videos wie „NO GO’s BEI GIRLS!“, “NO-GOs bei Jungs!” „Dinge, die Jungs heimlich tun“ und  „Make Up Tipps“ angeboten. Insbesondere junge Frauen, aber auch junge Männer werden nach ihrem Aussehen beziehungsweise nach ihrem Verhalten bewertet. Wer nicht veralteten Definitionen von Männlich- oder Weiblichkeit entspricht, “der hat verloren” (LIONTTV 2012).

Fachkräfte können bei solchen Videos ansetzen und in ihrer pädagogischen Arbeit für stereotype Verhaltensweisen in Online-Plattformen wie YouTube, Instagram und Co. sensibilisieren. Gemeinsam mit Jugendlichen können Gewohnheiten und Vorstellungen wie Mann oder Frau sich zu verhalten haben, hinterfragt werden. Dabei lassen sich auch Zukunftspläne reflektieren, die häufig mit den Geschlechterzuschreibungen verknüpft sind. Ziel ist es hier, eine gesellschaftliche Vielfalt aufzuzeigen und die Akzeptanz und Toleranz alternativer Geschlechtervorstellungen jenseits traditioneller Geschlechterordnungen zu fördern.

Die reflexive Koedukation als Best Practise?

Was benötigen Kinder und Jugendliche, um ihre Geschlechtsidentitäten individuell und frei von Vorurteilen entfalten zu können? Die Erziehungswissenschaftlerin Luca schlägt Medienprojekte vor, in denen medienkritisch, d.h reflexiv-analytisch gearbeitet wird. Bezogen auf das oben genannte Beispiel würden Jugendliche somit in gemischt- (koedukativ) und/oder gleichgeschlechtlich (monoedukativ) zusammen gesetzten Gruppen bzw. Lernäumen  Ge-schlechterstereotype in YouTube-Videos dekonstruieren und hinterfragen.

Favorisiert wird als Folge einer Auseinandersetzung mit der feministischen Kritik an den Konzepten der Ko- und Monoedukation auch in der Medienpädagogik der Ansatz der reflexiven Koedukation  (Luca 2008). „Eine reflexive Koedukation erfordert ein bewußtes Wahrnehmen von Geschlechterverhältnissen und – wo Geschlechterhierarchien abgebaut werden  müssen – ein Bezugnehmen darauf – und zwar in koedukativen und in getrennten Lernphasen und -formen“ (Faulstich-Wieland 1997. S. 17). Ziel der pädagogischen Arbeit in getrennten Räumen ist dabei die Förderung von Unterstützung und Solidarität unter den Teilnehmenden. In einer Art Schutzraum können sich die Teilnehmenden zunächst frei entfalten, im Anschluss kommen die Gruppen dann wieder zusammen, um die in den Schutzräumen ent-wickelten Ergebnisse oder Gedanken gemeinsam zu teilen, zu reflektieren und zu bearbeiten.

Reflexive Koedukation zur Sensibilisierung beim Sexting

Auch im Sexting-Verhalten von Jugendlichen lassen sich geschlechtliche Unterschiede erkennen, die auffällig stereotyp sind. Sexting wird als eine sexuelle Kommunikationsform zwischen zwei Personen verstanden, bei der sexuell andeutende oder explizite Texte, Videos oder Bilder des eigenen Körpers online ausgetauscht werden. Es stellt eine Möglichkeit dar, ein partnerschaftlich-sexuelles Verhalten zu erproben und zu erlernen.  

In einer Studie von Jessica Ringrose et al. (2013) über Sexting wird deutlich, dass Mädchen es einerseits als Anerkennung begehrenswerter Weiblichkeit auffassen, wenn sie von ihren (heterosexuellen) Partnern aufgefordert werden, ein erotisches Foto von sich zu schicken, zeitgleich kritisieren die befragten Mädchen diese Praktik aber und erfinden Ausreden, um kein Bild verschicken zu müssen. Wichtig ist für sie dabei, dass sie ihre Reputation nicht aufs Spiel setzen. Für die in der Studie befragten Jungen gilt es stattdessen als Ausdruck von Männlichkeit und der eigenen Popularität, wenn sie Mädchen um Fotos fragen und Nacktbilder sammeln; sie selbst werden selten gefragt. Bei ihnen steht also der Besitz von Fotos mit freizügigen Darstellungen von Freundinnen im Mittelpunkt, der für sie mit der An-erkennung in der geschlechtshomogenen Peer Group verknüpft ist.

Der Ansatz der reflexiven Koedukation bietet hier die Möglichkeit, diese unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Erfahrungen im Umgang mit Medien zu bearbeiten. Eine Reflexion darüber, welche Vorstellungen und Bewertungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ das eigene Verhalten beeinflussen, erweitert die Wahrnehmung und ermöglicht neue Erfahrungen. Darüber hinaus gilt es für die Fachkräfte über Risiken aufzuklären (z.B. Cybermobbing), auf Beratungs- und Hilfsangebote hinzuweisen.

Reflexive Koedukation – sensibel angewendet

Die Förderung der Reflexion und der Veränderung geschlechterspezifischer Medienpraktiken kann dazu beitragen, dass die Handlungsmöglichkeiten der Geschlechter insgesamt erweitert werden.  Wichtig ist, dass Geschlechterunterschiede zwar benannt, aber nicht reproduziert und fixiert werden. Aus diesem Grund bedarf auch der Ansatz der reflexiven Koedukation einer ständigen Reflexion.

So kann es hilfreich sein, Teilnehmende in den Lerngruppen nicht nach äußerlichen Merkmalen, sondern nach ihrem identifizierten Geschlecht zuzuordnen. Möglich z.B. wäre, dass die Teilnehmenden sich selbst einer Gruppe zuordnen. Dadurch können Identitäten selbstbestimmt gewählt und konsistent in der Gruppe gelebt werden. Zu überlegen wäre ebenfalls, nicht nur das Geschlecht, sondern auch andere Diversitätsdimensionen wie beispielsweise ethnische Zugehörigkeit, Religion, Alter, Gesundheit und Bildung zu berücksichtigen. Denn Medien produzieren nicht nur Geschlechterstereotype, sondern auch rassistische und klassistische Vorurteile.

Zusammenfassend können Jugendliche im Rahmen einer gendersensiblen Medienpädagogik für genderspezifische Ungleichheiten und Diskriminierungen in den Medien und im eigenen Medienhandeln sensibilisiert und anknüpfend daran ermutigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Medienkompetenzen unabhängig vom Geschlecht zu entwickeln.

Autorinnen: Sophie Irmey und Nele Adolph

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Köln im Studiengang Pädagogik und Management in der Sozialen Arbeit (Master) entstanden. Die Studierenden haben sich über ein Semester mit den Herausforderungen der Digitalisierung für die Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt und fassen ihre Ergebnisse in verschiedenen Beiträgen auf dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe zusammen.

Literatur

Astheimer, J./Neumann-Braun, K./Schmidt, A. (2011): MyFace: Die Portraitfotografie im Social Web. In: Neumann-Braun, K./Autenrieth, U. P. (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook & Co. Baden-Baden, S. 79-122.

Buchen, S. & Straub, I. (2006): Die Rekonstruktion der digitalen Handlungspraxis Jugendlicher als Theriegrundlage für eine geschlechterreflexive schulische Medienbildung. In: MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung (Vol. 12), S. 1-19.

Cornelißen, W. (2009): Sex and Gender im Jugendalter, in: Schweer, M. K. (Hrsg.): Sex and Gender, Interdisziplinäre Beiträge zu einer gesellschaftlichen Konstruktion (Vol. 7). Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 23-36.

Etschenberg, K. (2009): Sexuelle Sozialisation und Sexualerziehung, in: Schweer, M. K. (Hrsg.): Sex and Gender, Interdisziplinäre Beiträge zu einer gesellschaftlichen Konstruktion (Vol. 7). Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 53-68.

Faulstich-Wieland, h. (1999): Mädchen und Koedukation. Manuskript des Vortrages von Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland am 17. Februar 1997 an der FernUniversität - Gesamthochschule in Hagen, Elektronische Ressource: https://www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/gleichstellung/heft18faul_wiel.pdf (31.03.2018)

Grimm, P. (2015): Reflexion von Gendersensitivität – ein Vorschlag aus medienethischer Perspektive für die medienpädagogische Praxis. In Kannengiefler, S., Krainer, L., Riesmeyer, C., Stapf,  I. (Hrsg): Eine Frage der Ethik? Eine Ethik des Fragens Interdisziplinäre Untersuchungen zu Medien, Ethik und Geschlecht. Weinheim: Beltz Juventa, S. 111-130.

Hoffmann, D. (2012): Sexting: der erotische Foto- und Nachrichtenaustausch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Magdeburg: Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe LSA.

Kaiser, A. (2009): Geschlechtergerechte Grundschule, in: Schweer, M. K. (Hg.): Sex and Gender, Interdisziplinäre Beiträge zu einer gesellschaftlichen Konstruktion (Vol. 7). Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 69-86.

Kreienbaum, M.A. (2008): Schule: Zur reflexiven Koedukation. In: Becker R., Kortendiek B. (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 689-696.

Luca, R. (2008): Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. Befunde einer aktuellen Studie. In: JFC Medienzentrum Köln (Hrsg.): MedienConcret (2008). Köln: JFC Medienzentrum Köln, S. 66-69.

LIONTTV 2012: NO-GO’S BEI GIRLS! Elektronische Ressource: www.youtube.com/watch?v=nXb3-DvQmfM [Stand: 14.03.2018] 

Schulministerium NRW (k.A.): Reflexive Koedukation. Elektronische Ressource: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/LehrkraftNRW/Gleichstellung/Koedukation/index.html [Stand: 24.03.2018]

Sieben, G. (2008): Kill your Gender. Freiräume für die Gestaltung von Geschlechterrollen im Medienzeitalter. In: JFC Medienzentrum Köln (Hrsg.): MedienConcret (2008). Köln: JFC Medienzentrum Köln, S. 6-10.

Richter, S. (2015): Geschlechteridentitäten von Jugendlichen im Kontext von Social Media. Jahrestagung der Fachstelle Gender NRW (FUMA) am 26. Juni 2014 in der Volkshochschule Düsseldorf. In: Gender.Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft (Vol. 7, Nr. 1), S. 145-150.

Ringrose et al. (2013): Teen girls, sexual double standards and 'sexting': Gendered value in digital image exchange. In: Feminist Theory, Vol. 14, Issue 3, S. 305-322.

Vogelsang, V. (2017): Sexuelle Viktimisierung, Pornografie und Sexting im Jugendalter. In: Medienbildung und Gesellschaft 37. Springer Fachmedien: Wiesbaden.

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