Flucht und Migration / Kinderrechte

Aufnahme von Flüchtlingskindern: Kinderrechtsorganisationen fordern Schutz und Hilfe

Ein Kleinkind wärmt sich an einem Feuer in der Nähe der griechischen Grenze
Bild: © UNICEF/UNI308294/Turakoglu, ASAM Türkei 2020: In Edirne in der Nähe der griechischen Grenze

Die Regierungsparteien von Union und SPD teilten am 8. März 2020 mit, dass Deutschland bis zu 1.500 Kinder aus Lagern auf den griechischen Inseln aufzunehmen wolle. Mehrere Kinderrechtsorganisationen fordern übereinstimmend Schutz und Hilfe für geflüchtete und migrierte Kinder. Die unhaltbaren Zustände in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln und im griechisch-türkischen Grenzgebiet müssten so schnell wie möglich abgestellt werden.

Derzeit leben in Griechenland etwa 40.000 geflüchtete und migrierte Kinder, darunter 5.300 unbegleitete Kinder. Im türkisch-griechischen Grenzgebiet halten sich schätzungsweise 16.000 Menschen auf, etwa 40 Prozent sind Frauen und Kinder. Die Koalitionsspitzen von Union und SPD teilten nach Beratungen am 8. März 2020 mit, dass die Bundesregierung 1.000 bis 1.500 Kinder aus Lagern auf den griechischen Inseln aufzunehmen wolle. Dabei handele es sich um Minderjährige in den Lagern auf Ägäis-Inseln, die entweder wegen einer schweren Erkrankung dringend behandlungsbedürftig oder aber unbegleitet und jünger als 14 Jahre alt sind. Die meisten von ihnen seien Mädchen.

UNICEF ruft zu Schutz und Hilfe für alle Kinder auf

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF ruft dringend zu humanitärer Hilfe und zum Schutz aller geflüchteten und migrierten Kinder in Griechenland und der Türkei auf. Es müsse alles getan werden, um Kinder aus den aktuellen Auseinandersetzungen im türkisch-griechischen Grenzgebiet herauszuhalten und sie mit Nahrung, sauberem Wasser, medizinischer Hilfe, Decken und Schutzutensilien zu versorgen. Die unhaltbaren Zustände in Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln müssen so rasch wie möglich abgestellt werden.

Kinder dürfen nicht Spielball der Politik sein

„Die Ankündigung der Bundesregierung im Rahmen einer Koalition williger europäischer Staaten 1.000 bis 1.500 Kinder aus Lagern auf den griechischen Inseln aufzunehmen ist eine wichtige humanitäre Geste. Dabei darf es aber nicht stehen bleiben, es muss eine menschlich tragfähige politische Lösung der Krise gefunden werden“, erklärte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Die Kinder in Griechenland und der Türkei dürfen nicht länger Spielball der Politik sein – jeder Tag unter diesen Umständen ist für die Kinder ein Tag zu viel. Wir appellieren an alle beteiligten Regierungen, ihrer Verantwortung nachzukommen und dem Schutz von Kindern jederzeit Priorität einzuräumen.“

UNICEF-Soforthilfe im türkisch-griechischen Grenzgebiet

Mit Unterstützung der Würth-Gruppe hat UNICEF Deutschland heute 250.000 Euro für Soforthilfe für Kinder und Familien an der türkisch-griechischen Grenze bereitgestellt. UNICEF ist vor Ort und verteilt über seine lokalen Partner Trinkwasser, Decken und Hygieneartikel. Mobile Teams sind unterwegs, um besonders hilfebedürftige Kinder und Familien zu unterstützen. Sie helfen ihnen zum Beispiel, bei Gesundheitsproblemen Krankenhäuser aufzusuchen. Damit die Kinder etwas Normalität bekommen, wurde zusammen mit dem Türkischen Halbmond ein mobiler kinderfreundlicher Ort aufgebaut.

Bild: Onur Onat / UNI309268

terre des hommes fordert Signal für Menschenrechte

Im Hinblick auf der katastrophale Situation der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln und an der türkische Grenze äußerte sich auch das internationale Kinderhilfswerk terre des hommes. Bereits vor dem Treffen der Koalitionsspitzen forderte die Kinderrechtsorganisation die Bundesregierung am 4. März 2020 dazu auf, ein sofortiges humanitäres Aufnahmeprogramm zu starten. Ferner müsse die Bundesregierung darauf dringen, dass sich möglichst viele EU-Mitglieder diesem Aufnahmeprogramm anschließen.

Sofortiges Aufnahmeprogramm für schutzbedürftige Flüchtlinge aus Griechenland

„In den ursprünglich als Hotspots zur Durchführung von Asylverfahren geplanten Aufnahmelagern der ostägäischen Inseln befinden sich nach Angaben der Regierung Griechenlands rund 42.000 Flüchtlinge, davon etwa die Hälfte Minderjährige“, sagte Birte Kötter, Vorstand Kommunikation von terre des hommes. Die Camps seien hoffnungslos überbelegt, die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Es gibt nicht genug zu essen, die Strom- und Wasserversorgung funktioniert kaum, viele schwer traumatisierte Kinder leben ungeschützt unter aufgeweichten Zeltplanen.

Schwer traumatisierte Kinder leben ungeschützt unter Zeltplanen

„Anstatt den schäbigen EU-Türkei-Deal fortzusetzen und die EU-Grenzen gewaltsam gegen Menschen auf der Flucht abzuschotten, muss die Bundesregierung die Initiative ergreifen“, kritisiert Birte Kötter scharf. Deutschland dürfe nicht darauf warten, dass sich alle 27 EU-Mitgliedsstaaten auf ein einheitliches Vorgehen einigten. Vielmehr müsse ein Signal für die Einhaltung der Menschenrechte gesetzt werden. In einem ersten Schritt müssten die 5.000 besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge aufgenommen werden. „Diese Haltung würde in vielen deutschen Städten und Kommunen, in denen Menschen bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen und zu betreuen, als überfälliges humanitäres Signal verstanden“, so Kötter weiter.

Schutz und Hilfe statt Abschottung

Durch die Folgen einer völlig verfehlten europäischen Flüchtlingspolitik harrten Tausende Kinder und Erwachsene an der türkisch-griechischen Grenze aus, kritisiert auch die Kindernothilfe am 3. März 2020. Es sei unerträglich zu wissen, dass jede Nacht wieder Kinder mit ihren Eltern völlig durchnässt und verzweifelt im Matsch sitzen und darauf hoffen, nach Europa zu gelangen, betont Carsten Montag, Vorstand der christlichen Kinderrechtsorganisation in Deutschland. Statt einer Abschottungspolitik brauche es schnelle Hilfe und eine europäische Politik der Kinder- und Menschenrechte, so Montag weiter.

Zenhtausende leben unter menschenunwürdigen Bedingungen

Die Türkei hatte Ende Februar den EU-Flüchtlingspakt einseitig beendet, nachdem türkische Soldaten bei Luftangriffen in Idlib getötet worden waren. Gleichzeitig hebele Griechenland die Flüchtlingskonvention aus: Auf den griechischen Inseln lebten Zehntausende unter menschenunwürdigen Bedingungen in maßlos überfüllten Flüchtlingscamps. Auch die Kindernothilfe weist die katastrophalen hygienischen Verhältnisse in den Flüchtlingscamps hin und kritisiert es als verwerflich, die geflüchteten Menschen als Druckmittel der Politik zu missbrauchen. 

Europa muss besonders Schutzbedürftige Kinder und Erwachsene aufnehmen

Die Kindernothilfe forderte deshalb die Bundesregierung auf, besonders schutzbedürftige Kinder und Erwachsene aufzunehmen. Da eine europäische Lösung für die Flüchtlingsfrage nicht in Sicht sei, müssten alle die für Humanität und Menschenrechte entstehen, einen Anfang machen.

Schutz von Mädchen und jungen Frauen 

Auch das Kinderhilfswerk Plan International kritisierte vor dem Treffen der Berliner Regierungskoalition am 4. März 2020 die aktuelle Haltung Europas als Abschottungspolitik und bezeichnete die Situation der Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze als menschenunwürdig. Die religiös und weltanschaulisch unabhängige Hilfsorganisation forderte insbesondere den Schutz von Mädchen und jungen Frauen zu einem expliziten Bestandteil der Hilfemaßnahmen zu machen. Außerdem sei eine schnelle Verteiligung vor allem der unbegleiteten Minderjährigen innerhalb der Europäischen Union notwendig.

Hintergrund

Zahlreiche Hilfsorganisationen unterstützen auf den griechischen Inseln und auch auf dem Festland dabei, die Aufnahme- und Betreuungskapazitäten zu erhöhen. So ist UNICEF in der Nähe des Lagers Moria auf der Insel Lesbos in einem Familienzentrum aktiv, in das jeden Tag 350 Kinder und Frauen kommen. Die Kapazität soll auf 650 erweitert werden. Auf Bitten lokaler Partner wurden Decken und andere Hilfsgüter beschafft, die am Hafen verteilt werden. Die Kindernothilfe arbeitet mit ihrer Partnerorganisation ‚Stand by me Lesvos‘ zusammen, die von katastrophalen hygienischen Verhältnissen und hungernden Kindern in Moria berichtet. Das Flüchtlingscamp gilt als derzeit größtes in Europa. Bürgerkriegsähnliche Zustände und die Angst vor dem Ausbruch einer Pandemie erhöhten den Druck.

Das Kinderhilfswerk terre des hommes engagiert sich für Flüchtlingskinder weltweit und ist mit Helfern auch in Griechenland und an der Grenze zur Türkei aktiv. Derzeit befinden sich 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht, das seien 2,3 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Über die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, 111.000 von ihnen sind unbegleitet registriert, die tatsächliche Zahl dürfte laut UNHCR jedoch wesentlich höher liegen. Als Hauptgrund für den starken Anstieg der Flüchtlingszahlen gilt der Krieg in Syrien.

Quelle: Deutsches Kommitte für UNICEF e.V. vom 09.03.2020, Kindernothilfe e.V. vom 03.03.2020 und terre des hommes Deutschland e.V. vom 04.03.2020

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