Digitalisierung und Medien / Kinder- und Jugendpolitik

WebDays 2018: Jugend gestaltet den digitalen Wandel

Bild: © Christoph Piecha | IJAB

Was wissen Google, Amazon und Facebook über uns? Und: hat dieses Wissen neben den offensichtlichen Vorteilen auch Nachteile? Bei den WebDays 2018 diskutierten vom 23. bis 25. November in Mannheim junge Menschen drei Tage lang über Datenschutz und digitale Selbstbestimmung – und erhoben Forderungen an die Politik.

Katharina Nocun hat schlechte Erfahrungen gemacht: Beim Besuch einer Saune entdeckte sie, dass die Umkleiden videoüberwacht wurden. Grund seien die vermehrten Diebstähle, erklärte der Eigentümer der Sauna auf Nachfrage. Ist dieser Eingriff in die Privatsphäre durch verhältnismäßig wenige Diebstähle überhaupt gerechtfertigt? Was geschieht mit den Daten? Wann werden sie gelöscht? Können Mitarbeiter sie auf einen Speicherchip ziehen und mit nachhause nehmen?

Das Beispiel aus Katharina Nocuns Keynote zur Eröffnung der WebDays stimmte nachdenklich. Seit diesem Schlüsselerlebnis hat Nocun nicht nachgelassen. Akribisch hat sie sich angeschaut, welche Daten Online-Shops, Kundenkarten oder Fitnesstracker über sie speichern. Die erste Schwierigkeit: Trotz des rechtlich verankerten Anspruchs der Kundinnen und Kunden, Auskunft über die eigenen Daten zu erhalten, kann es Monate dauern, bis diesem Rechtsanspruch nachgekommen wird. Die zweite Erkenntnis: Auch wenn die Daten nicht zusammengeführt und an Dritte weitergegeben werden, erlauben sie Rückschlüsse, die nicht jedem angenehm sein müssen. So haben die Analysten einer amerikanischen Supermarktkette herausgefunden, dass es typische Produkte gibt, die auf eine Schwangerschaft hindeuten können – selbst wenn die Kundinnen davon noch gar nichts wissen. Spätestens wenn der Briefkasten mit Werbung für Windeln und Babynahrung überquillt, wissen es aber die Nachbarn.

Zum Abschluss zitierte Nocun Edward Snowden: „Zu sagen, der Datenschutz sei einem egal, weil man nichts zu verbergen habe, ist so als würde man sagen, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei einem egal, weil man nichts zu sagen hat.“

Freiraum für Diskussion und Kreativität

Was also tun? In fünf HUBs machten sich die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gedanken zu Big Data, Open Government, Open Data, digitaler Ethik und entwickelten Drehbücher für den WebDaysMOOC, ein interaktives Lernformat, das sich erstmalig mit dem Thema Datenschutz an Jugendliche wendet.

In den HUBs wurden auch Forderungen an die Politik formuliert. So beschäftigte sich der HUB zur digitalen Ethik mit dem Phänomen Fake News – bewusste Falschmeldungen, mit deren Hilfe Spaltungen in der Gesellschaft vertieft werden sollen. Als ein gelungenes Beispiel zur Aufklärung nannten die Jugendlichen das österreichische Portal www.mimikama.at, das Fake News als das entlarvt, was sie sind: Falschmeldungen. Die Jugendlichen fragten aber auch nach den rechtlichen Rahmenbedingungen für Journalismus.

Für die Offenlegung nicht-personenbezogener Daten setzten sich die Jugendlichen im Open Data-HUB ein. Sie forderten: „Grundsätzlich sind alle von staatlichen Stellen generierten Daten gemeinfrei zu veröffentlichen, darunter fallen nicht persönliche und private Daten, welche schützenswert sind. Nichtveröffentlichung von Daten muss begründet werden.“ Ein schönes Beispiel für den Nutzen solcher offenen Daten führte Oliver Rack in seinem Impulsvortrag an. Die Stadt Heidelberg hat eine interaktive Karte veröffentlicht, mit deren Hilfe gehbehinderte Menschen ihren Weg durch die Stadt planen können.

Einen Katalysator für Open Government sehen die Jugendlichen in Schülervertretungen. Mit Unterstützung des Open Government Netzwerks Deutschland möchten sie Bund, Ländern und Kommunen einen „Bildungspakt“ vorschlagen. Gemeinsam mit Elternräten und Schülervertretungen möchten sie sich mit einem solchen Pakt für eine offene Bildungspolitik, Beteiligung und Demokratie stark machen.

Mehr Aufklärung zu „Dark Ads“ forderten die Jugendlichen im HUB Big Data. Diese auf die Interessen einzelner Nutzerinnen und Nutzer zugeschnittenen Werbeanzeigen werden zur Manipulation – beispielsweise in Wahlkämpfen – eingesetzt. Die Jugendlichen fordern „dass ein generelles Bewusstsein für die Gefahr, die von Dark Ads ausgeht, geschaffen wird. Dies könnte zum Beispiel in Form von Workshops an Schulen geschehen, in denen Jugendliche zu dem Thema sensibilisiert werden.“

Bei den WebDays wird aber nicht nur diskutiert, sie sind auch ein Kreativlabor. Frei konnten Ideen für eigene Projekte eingebracht und in „Action LABS“ vertieft werden. Fünf Projektideen kamen so zustande – ein Thinktank für Jugendbildung und -politik, eine App, die komplizierte Gesetzestexte in verständlicher Sprache darstellt, eine Informationsplattform zu Datenspuren bei Instagram, ein ebenfalls als App angelegtes „Bundesjugendparlament" und ein noch eher offen angelegtes Projekt zur Vermeidung von Datenspuren.

Lebhafte Diskussion mit der Politik

Wer hört den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu und reagiert auf ihre Anliegen? Zum Ende der WebDays kamen die beiden Bundestagsabgeordneten Saskia Esken (SPD) und Tabea Rößner (Bündnis 90/Die Grünen), der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink, Youtuber Rayk Anders und Dr. Janis Kossahl vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, in dessen Zuständigkeit auch der Datenschutz fällt.

Große Neugier von Seiten der Gäste – man wollte Informationen und Anstöße aus erster Hand und nicht nur aus der „Berliner Politikblase“, wie Tabea Rößner es formulierte. Die „Blase“, also Räume, in denen Nutzer mit weitgehend gleicher Meinung unter sich sind und in denen Fake News frei zirkulieren, war tatsächlich das erste Thema der Diskussion. „Wie können wir Meinungsvielfalt ermöglichen?“, fragte Tabea Rößner. Braucht es dazu mehr staatlicher Intervention in sozialen Medien, wie es eine Frage aus dem Publikum nahelegte? „Wir haben den Datenschutz erfunden, weil wir eine besondere Geschichte haben“, erinnerte Datenschützer Brink, „weil wir eine Gestapo und eine Stasi hatten“. Und auch Saskia Esken möchte „keine Behörde haben, die entscheidet, was wahr ist und was nicht“. „Die Lüge ist nicht per se durch das Grundgesetz geschützt“, mahnte hingegen Rößner.

Das Thema Digitalisierung hat Konjunktur, künstliche Intelligenz ist gerade in aller Munde. Nur der Datenschutz mag davon nicht Recht profitieren, ihm haftet oft ein negatives Image an. „Warum ist das so?“, wollte ein junger Mann aus dem Publikum wissen. Die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union habe für Panikreaktionen bei Unternehmen aber auch bei kleinen Vereinen geführt, darüber waren sich alle auf dem Podium einig. Die Übergangszeit zur Einführung der DSGVO sei nicht zur Aufklärung genutzt worden, räumte Saskia Esken ein – daraus habe man gelernt. Datenschützer Brink sieht sich jedoch keineswegs als „Mann auf verlorenem Posten“, wie er sagte. „Wir haben die Auskunftspflicht durchgesetzt und können mit hohen Bußgeldern drohen“, erklärte Brink, „und: wir drohen nicht nur damit, wir verhängen sie auch falls nötig“.

Reinhard Schwalbach, Geschäftsbereichsleiter bei IJAB, war es dann vorbehalten, Janis Kossahl vom Verbraucherschutzministerium die Forderungen der Jugendlichen zu übergeben. Der nahm sie dankend entgegen und sicherte zu, dass sie sorgfältig gelesen und beantwortet werden. Und noch eine gute Nachricht konnte er verkünden: Auch im kommenden Jahr wird es WebDays geben.

Informationen zum Projekt WebDays

Das Projekt „WebDays“ möchte junge Menschen motivieren, sich mit den Themen Digitalisierung, Verbraucherschutz, Medienbildung und Netzpolitik aktiv auseinanderzusetzen, eigene Ideen und Meinungen zu formulieren und diese in den politischen Diskurs einzubringen. Den Jugendlichen soll vermittelt werden, dass ihre Belange ernst genommen werden und sie als Bürger einer demokratischen Gesellschaft Veränderungen bewirken können.

Das Projekt "WebDays" besteht aus drei Kernelementen. Zum einen einer jährlichen Jugendkonferenz, bei der sich Jugendliche zu Themen rund um den digitalen Verbraucherschutz austauschen und vernetzen sowie direkt mit Expert/-innen und Politiker/-innen in einen Austausch treten können.

Um die Ergebnisse nachhaltig zu sichern, werden die Konferenzen in einem zweiten Schritt durch sogenannte Massive Open Online Courses ergänzt. Diese Onlinekurse bündeln nicht nur das Wissen der Konferenzen rund um das Thema „digitalisierter Verbraucherschutz“, sondern stellen dieses Wissen auch Jugendlichen zur Verfügung, die nicht selbst an den Konferenzen teilnehmen können.

Zudem fördern die WebDays in einem dritten Schritt die Ideen aus Peer-Projekten: Eine Auswahl von Peer-Projekten der Jugendlichen, die im Rahmen der Konferenz aber auch außerhalb entwickelt wurden, erhalten zur reelen Umsetzung eine Mikroförderung.

WebDays ist eine Projekt von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland und wird vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz gefördert.

Weitere Informationen zu den WebDays finden sich bei IJAB und unter www.webdays.net

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Christian Herrmann

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