Digitalisierung und Medien / Kinder- und Jugendschutz

LfM NRW präsentiert neue Studie zum Datenschutzverhalten junger Menschen in sozialen Netzwerken

Eine Grafik zum Thema Cyber-Mobbing
Bild: © thingamajiggs - Fotolia.com

Zwischen Selbstoffenbarung und Privatheit: Wie schützen junge Menschen ihre Daten? - So heißt der Titel der neuen Studie, die die Landesanstalt für Medien NRW gerade herausgegeben hat.

Freizügige Fotos, Infos über Stress mit den Eltern oder über Zoff in der Clique – das sogenannte Selbstoffenbarungsverhalten ist besonders bei Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren ausgeprägter als bei anderen Altersgruppen – und damit ein Risiko, weil fraglich ist, ob und welche vertraulichen Inhalte überhaupt in sozialen Netzwerken wie Facebook Eingang finden sollten. Zwar hat die Mehrheit der zwölf- bis 24-jährigen Nutzer restriktive Datenschutzeinstellungen (48 Prozent „Wenigoffenbarer“ und 39 Prozent „Privatsphäre-Manager“), aber jeder siebte (14 Prozent „Vieloffenbarer“) verwendet recht offene Einstellungen, hat einen hohen Anteil an unbekannten Kontakten und zeigt zugleich ein aktives Kommunikationsverhalten im Netz.

Dies sind zwei wesentliche Ergebnisse der neuen Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) zum Datenschutzverhalten junger Menschen im Netz. Die LfM-Studie „Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen“ wurde heute (29. Oktober 2012) im Rahmen einer Fachtagung in Düsseldorf vorgestellt.

Besonders bei Jugendlichen mit formal niedriger Bildung gibt es danach einen großen Aufklärungsbedarf bei der Frage, welche persönlichen Daten in sozialen Netzwerken wie veröffentlicht werden. So hätten zwar die meisten Nutzer ihr Profil und alle anderen Elemente der Selbstdarstellung auf den Plattformen so eingestellt, dass nur die von ihnen hinzugefügten oder bestätigten Kontakte Zugriff darauf haben. Diese Einstellung scheint sich mittlerweile zu einem Standard etabliert zu haben. Fragwürdig ist allerdings, wie sinnvoll die Restriktion auf die eigene Kontaktliste ist, wenn sich in dieser auch unbekannte Personen befinden: Gerade bei den jüngeren Nutzern reicht es oftmals aus, eine Person dem Namen nach oder über andere zu kennen („friends-of-friends“), was klar ein Risiko darstellt.

Die LfM-Studie wurde von der Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung der Universität Hohenheim (Prof. Dr. Dr. Michael Schenk und Julia Niemann M.A.) gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Lehren und Lernen an der Universität der Bundeswehr München (Prof. Dr. Gabi Reinmann und Jan-Mathis Schnur, M.A.) sowie der Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet) der Universität Kassel (Prof. Dr. Alexander Roßnagel und Dr. Silke Jandt) erstellt. Für die Erhebungen wurde das Verhalten von mehr als 1.300 Nutzer/-innen im Alter von zwölf bis 24 Jahren im Social Web analysiert.

In Datenschutzfragen sind viele unbedarft

Rund die Hälfte der zwölf- bis 14-jährigen Nutzer (47 Prozent) hat bereits Inhalte online gestellt, an denen sie kein Urheberrecht besaßen. Die Studie verweist noch auf ein zusätzliches Problem. Dies betrifft den Umgang mit den personenbezogenen Daten Anderer: Mehr als ein Drittel der Zwölf- bis 24-Jährigen (38 Prozent) berichtet davon, dass bereits Inhalte, mit denen sie nicht einverstanden waren (wie zum Beispiel Fotos) ohne ihre Zustimmung ins Netz gestellt wurden. Damit werden ihre eigenen Persönlichkeitsrechte verletzt. Besonders bemerkenswert ist: Es existiert umgekehrt eine Praxis, in der es normal ist, die Daten Dritter ohne deren vorherige ausdrückliche Erlaubnis hochzuladen. Zwei von fünf Nutzern (39 Prozent) finden es in Ordnung, Inhalte ins Internet zu stellen, ohne dies mit den Betroffenen abzuklären. Während sie die ungefragte Verwendung der eigenen Daten problematisieren, handhaben junge Nutzer den Umgang mit personenbezogenen Daten anderer eher locker.

LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier sagte, dass sich viele der in der Öffentlichkeit entworfenen Schreckensszenarien erfreulicherweise für eine Mehrheit der Nutzer nicht bewahrheitet hätten. „Die vielen Aufklärungsmaßnahmen, die durch medienpädagogische Initiativen vielerorts durchgeführt werden, bewirken offenbar etwas. Die Studie zeigt uns jedoch sehr genau diejenigen Zielgruppen auf, die einen problematischen Umgang mit ihren Daten pflegen“, so Brautmeier weiter. „Hierzu zählen vor allem jüngere Jugendliche, insbesondere diejenigen mit niedriger formaler Bildung, und die Jugendlichen, für die eine offene Kommunikation im Netz einen hohen Stellenwert einnimmt. Diese Zielgruppen müssen wir besser schützen und mit unseren Medienkompetenzmaßnahmen künftig noch deutlicher stärken.“

Prof. Dr. Michael Schenk sagte, dass mit der Studie nun erstmals differenzierte Erkenntnisse über Gruppen vorlägen, die, was das Nutzungsverhalten in sozialen Netzwerken betrifft, „Risikogruppen“ seien: nämlich die 15- bis 17-Jährigen in der Pubertät und die Jugendlichen mit niedriger Bildung. „Allerdings freut uns besonders, dass junge Nutzerinnen und Nutzer im Netz kaum öffentlich über familiäre Dinge, Beziehungsprobleme oder Krankheiten sprechen. Solche Themen gelten gemeinhin als privat und werden nicht öffentlich gepostet. Dies spricht für ein gewachsenes Feingefühl bei den Usern.“

In dem Rechtsgutachten, das Bestandteil der Gesamtstudie ist, formulieren Prof. Dr. Alexander Roßnagel und Dr. Silke Jandt zentrale Forderungen an die Medienpolitik: „Social Networks können sowohl grundrechtsfördernd als auch grundrechtsverletzend sein. Daher kann es nicht das Ziel der Gesetzgebung sein, sie zu verbieten. Sie sind stattdessen so zu gestalten, dass die Nutzer die Chancen zur Persönlichkeitsentfaltung, Informations- und Meinungsfreiheit wahrnehmen können und gleichzeitig die Risiken der Verletzung von Persönlichkeitsrechten und von der informationellen Selbstbestimmung minimiert werden. Kinder und Jugendliche müssen aber durch zusätzliche Vorschriften geschützt werden.“

Bibliographische Angaben zur Studie:

Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.): Digitale Privatsphäre. Heranwachsende und Datenschutz auf sozialen Netzwerkplattformen. Berlin (Vistas), 2012. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Band 71, ISBN 978-3-89158-577-1, 25,-€

Eine Zusammenfassung der Studie steht auf der Homepage der LfM (www.lfm-nrw.de) zum Download bereit.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind in einer Kompaktversion zusammengefasst und auf eine leichtere Lesbarkeit ausgerichtet worden. Die neue LfM-Kompaktstudie wendet sich gezielt an Multiplikatoren, Pädagogen und sonstige Interessierte und steht ebenfalls auf der Homepage zum Download bereit.

Quelle: Landesanstalt für Medien NRW