Digitalisierung und Medien / Kinder- und Jugendarbeit

Digitale Spiele – Warum man die Zeit vergisst und ab wann es zu viel wird

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In der Pause, am Familientisch oder im Park: Menschen spielen gerne. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene tauchen regelmäßig in digitale Spiele am Computer oder auf dem Smartphone ab. In diesem Artikel fragt das Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“ nach: Wie kommt es, dass sie so viel Zeit in der Spielwelt verbringen? Und ab wann ist das zu viel Zeit?

Zeitvergessenheit: Man ist im Flow

Die Finger an der Computermaus sind kalt, der Nacken starr und man fühlt sich, als würde man aus einer anderen Welt auftauchen. In manchen digitalen Spielen kann man stundenlang versinken und die Zeit und sich selbst vergessen: man war im Flow. In dieser Phase der Selbstvergessenheit konzentriert man sich stark auf die aktuelle Tätigkeit und alles scheint mühelos zu gelingen. Man vergisst seinen Alltag und seine Sorgen. Doch wie kann es bei digitalen Spielen zu diesem Gefühl kommen?

„Das hat etwas mit den Anforderungen zu tun, die ein Spiel an den Spielenden stellt“, erläutert Horst Pohlmann, Dozent für Medienpädagogik an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid. Es führt immer neue Aufgaben an uns heran, die uns nicht überfordern aber auch nicht langweilen. „Das Spiel versucht den Spielenden permanent im Spiel zu behalten. Es wechselt zwischen Anspannung und Belohnung.“ Es wird bewusst so entwickelt: Ein Spiel, das es nicht schafft, die Spielenden in den Flow zu bringen, wird im Zweifelsfall nicht gespielt. Es ist einfach zu langweilig. Wir wollen den Flow. Deshalb suchen wir ihn überall, nicht nur beim Computerspielen, sondern auch beim Sport, beim Klavierspielen, oder wenn wir abends einen spannenden Krimi im Fernsehen schauen.

Zeitversessenheit: Man spielt ständig

Manche tauchen nicht nur für kurze Zeit in die Spielwelt ab, sondern scheinen es sich darin bequem gemacht zu haben. Das Smartphone ist ständig in der Hand und der Bildschirm im Kinderzimmer flimmert häufig. Doch woran erkennen Eltern und pädagogische Fachkräfte, dass zu viel gespielt wird? „Ich würde sagen, man muss sich dann Sorgen machen, wenn andere Freizeitaktivitäten gar nicht mehr wahrgenommen werden und nur noch Computer- und Videospiele im Mittelpunkt stehen“, gibt Pohlmann als Richtwert. Manche Jugendliche nennen es „Game-Life-Balance“ - die Computerspiele können einen Teil der Freizeitaktivitäten einnehmen, aber sie sollten nicht überhandnehmen.

Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten zudem verstehen, was Kinder und Jugendliche am Spiel reizt. Das seien zum Beispiel soziale Kontakte. „Computerspiele sind ja auch Freizeitaktivitäten, die auch von Freunden ausgeübt werden. Manchmal steht man auch unter dem Druck, spielen zu müssen, um mitreden zu können.“ Die Spiele sind das gemeinsame Gesprächsthema, so wie wenn man gemeinsam im Fußballverein spielt und sich darüber austauscht. Zudem erleben sich die Spielenden als selbstwirksam. Das bedeutet, dass sie das, was sie beim Spielen tun, trainieren und verbessern können. Sie kommen in das nächste Level und freuen sich über ihr Weiterkommen.

Einfach mal mitspielen: Tipps für Eltern

„Man wird auf jeden Fall in der Erziehung nicht umhinkommen, Regeln zu setzen und die Einhaltung auch einzufordern“, betont Horst Pohlmann. Wichtig ist es zudem, dass sich die Eltern dafür interessieren, was ihre Kinder spielen. Am besten probieren sie die Spiele einfach gemeinsam aus. Das hat mehrere Vorteile. Spielerinnen und Spieler suchen in den Computerspielen Bestätigung für ihre Leistung. Zwar bekommen sie vom Spiel eine Belohnung und erreichen das nächste Level, aber die kreative Taktik, mit der das erreicht wurde, können nur die anderen Spielenden erkennen. „Das heißt, diese Anerkennungsleistung innerhalb des Spiels kann nur durch andere Gamer kommen. Wenn Eltern sich dafür interessieren, wie ein Spiel funktioniert und warum die Kinder daran Spaß haben, dann erzählen sie das auch sehr gerne.“ Zudem erfährt man als Elternteil so die Spielmechanismen. An manchen Spielstellen kann man den Spielstand zum Beispiel nicht abspeichern oder, wenn doch, wird man aus dem Spiel gerissen. Das ist, als würde man einen spannenden Krimi mittendrin ausschalten. Als Elternteil kann man nun anstatt eine bestimmte Zeitdauer vorzugeben, die das Kind noch spielen darf, sagen, dass es beispielsweise nur noch das aktuelle Level zu Ende spielen soll.

Wichtig: Alternativangebote schaffen

Digitale Spiele sorgen für Selbstvergessenheit, Selbstwirksamkeit und soziale Kontakte. Sie befriedigen also viele Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Eltern und pädagogische Fachkräfte können versuchen, mit Alternativangeboten dieselben Bedürfnisse anzusprechen und zum Beispiel das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Denn es ist viel leichter, den Computer anzuschalten als Freunde anzurufen. Pohlmann erkennt die pädagogische Herausforderung darin, auch letztere Handlung nahbar zu machen. Und solange es nicht die einzige Beschäftigung ist und nichts vernachlässigt wird, ist es auch völlig in Ordnung, zeitweise in die Spielwelt abzutauchen und dort mit Freunden zu chatten, Monster zu besiegen oder Goldmünzen zu sammeln. Und eine Heldin oder ein Held im Flow zu sein.

Weitere Informationen:

Der Beitrag „Digitale Spiele - Warum man die Zeit vergisst und ab wann es zu viel wird“ wurde beim Initiativbüro Gutes Aufwachsen mit Medien erstveröffentlicht und steht dort mit weiterführenden Informationen zur Verfügung. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.

Quelle: Initiativbüro Gutes Aufwachsen mit Medien

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