Digitalisierung und Medien / Qualifizierung

Die Mediatisierung verändert Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auf allen Ebenen

Kinder machen Selfies
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Dr. Marion Brüggemann, Diplom-Pädagogin und Wissenschaftlerin am Institut für Informationsmanagement Bremen, dokumentiert in ihrem Fachbeitrag einen Workshop zu den Konsequenzen der Mediatisierung für das (medien-)pädagogische Handeln von Fachkräften im Rahmen der Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe".

Die Lebenswelt Jugendlicher ist zunehmend medial geprägt und jugendliches Medienhandeln ist über weite Strecken sozial kontiert und findet crossmedial statt. Das heißt, die Peerkommunikation erfolgt immer häufiger medienunterstützt bei zunehmender Konvergenz inner- und außermedialen Handels. Auch verfügen zunehmend jüngere Nutzer/-innen über eigene Endgeräte wie Smartphones (vgl. KIM-Studie 2016).

Die neuen Vergemeinschaftungsformen gehen zum Teil mit exklusiven sowie exkludierenden Kommunikationsstrukturen einher, denn nicht jede Community ist allen gleichermaßen zugänglich (diverse Fankulturen/ YouTube-Starkult, Snapchat etc.). Die zu beobachtende intensive Nutzung von Social Network Sites zieht auch neue Formen prekärer Privatheit nach sich. So ist zum Beispiel bei der Nutzung der Foto-App Instagram verschiedenes zu beachten, bevor ein Bild der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Denn nicht jedes Selfie ist auch für die Öffentlichkeit bestimmt und nicht jedes Foto darf ohne weiteres geteilt werden. Darüber hinaus sollte den jungen Usern bekannt sein, wie man die eigenen Bilder vor fremden Zugriff schützt.

In Bezug auf die Nutzung des Internets ist davon auszugehen, dass bestehende Ungleichheitsverhältnisse, z.B. potentiell erschwerter Zugang zu bildungsrelevanten Inhalten durch die Zugehörigkeit zu bildungsbenachteiligenden Milieus, tendenziell reproduziert werden.

Bedarf an umfassender Medienbildung

Damit Kinder und Jugendliche Medienkompetenz aufbauen können, um sich in unserer mediatisierten Welt selbstbestimmt, angemessen  und erfolgreich zu bewegen sind medienpädagogisch vorgebildete Fachkräfte erforderlich. Die Förderung von Medienkompetenz fokussiert dabei nicht auf die (technische) Nutzung und Handhabung von unterschiedlichen (digitalen) Medien. Eine Medienbildung im umfassenden Sinne ermöglicht die Kompetenzaneignung z.B. in den bereits durch Dieter Baacke im Jahr 1998 beschriebenen Kompetenzbereichen wie Medienkritik, Medienkunde, Mediengestaltung und Mediennutzung (Baacke 1998).

Medienpädagogische Kompetenz des pädagogischen Fachpersonals

Von dieser allgemeinen Medienkompetenz, wie sie Dieter Baacke vor 20 Jahren beschrieben hat, muss die medienpädagogische Kompetenz unterschieden werden. Medienpädagogische Kompetenz von pädagogischem Fachpersonal schließt die individuelle Medienkompetenz mit ein und geht gleichzeitig darüber hinaus. Indem das Lernen mit Medien gezielt gefördert (Mediendidaktik) und medienerzieherisches Wissen (Medienerziehung) angewendet, sowie die organisationale Einbettung von Medien (Medienintegration) vorangetrieben werden kann, ist eine Fachkraft  medienpädagogisch kompetent in ihrem Handeln. 

Organisationale Einbettung der Medienbildung

Die Einbindung von digitalen Medien in der Kinder- und Jugendhilfe ist vorrausetzungsreich. Um Medienbildung in sozialen Einrichtungen und ihren Institutionen voranzutreiben sind vielfältige Bemühungen auf unterschiedlichen Ebenen nötig. Soll Medienbildung erfolgreich in die soziale Arbeit integriert werden, ist ein besonderes Augenmerk auf die organisationale Einbettung selbiger zu richten. Denn erst im Zusammenspiel von Organisation und individueller medienpädagogischer Kompetenz entwickeln sich die erforderlichen Standards in der Kinder- und Jugendhilfe im Umgang mit der mediatisierten Lebenswelt (nicht nur von Kindern- und Jugendlichen).

Medienbildung als Querschnittsthema der Kinder- und Jugendhilfe

Damit Kinder und Jugendlichen ihre Medienkompetenzen systematisch aufbauen können, sollte Medienbildung zum Querschnittsthema der Kinder- und Jugendhilfe werden. Die Chancen der digitalen Welt für das Lernen und die Entwicklung von Medienkompetenzen müssen konsequent nutzbar gemacht werden. Für die Ausbildungsstätten heißt das, alle künftigen Curricular sollten digitale Aspekte fachlicher Kompetenzen verbindlich machen.

Träger benötigen eine eigene digitale Strategie

Mit dem steigendem Angebot an vielfältigen digitalen Unterstützungsmöglichkeiten werden Hilfen insgesamt interaktiver und individueller. Der digitale Wandel verändert die Praxis, die Fortbildung, die Leitung  von sozialen Einrichtungen, Ämtern und Verbänden der Jugendhilfe tiefgreifend, auch wenn diese sich als Einzelne dem Medienwandel nicht offensiv stellen und eher abwartende Strategien verfolgen. Die Mediatisierung  verändert Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auf allen Ebenen. Es ist notwendig, dass sich z.B. Träger in die Auseinandersetzung um eine eigene digitale Strategie begeben, um zukünftig handlungsfähig zu bleiben.

Fachkräfte benötigen medienpädagogische Schulungen und Fortbildungen

Die Kinder- und Jugendhilfe muss auf diese Veränderungen reagieren, wenn sie Familien, Kinder, Jugendliche bei der Bewältigung ihres Alltags und herausfordernder Lebenssituationen adäquat unterstützen will. Dafür müssen pädagogische Fachkräfte angemessen geschult und auf diese Aufgaben vorbereitet werden. Dabei ist es nicht ausreichend als Fachkraft selbst über Medienkompetenzen zu verfügen. Um die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern zu können und Medienbildung als inhärenten Bestandteil sozialer Arbeit zu etablieren,  ist eine medienpädagogische Kompetenz notwendig. Besonders relevant ist im Kontext Kinder und Jugendhilfe neben medienpädagogischen Fragen auch das Hinterfragen der Digitalisierung und ihren Einfluss auf bestehende Standards und Verfahren der Kinder und Jugendhilfe.

Über die Autorin

Dr. Marion Brüggemann ist Diplom-Pädagogin und Wissenschaftlerin am Institut für Informationsmanagement Bremen (ifib) sowie Mitglied im Bundesvorstand der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Evaluation und wissenschaftliche Begleitung unterschiedlicher Projekte zur schulischen und außerschulischen Mediennutzung sowie Fragen zur medienpädagogischen Kompetenz von pädagogischen Professionellen in formellen und informellen Bildungskontexten.
 

Quellenangabe

  • Baacke, Dieter (1998): Medienkompetenz als neue Bildungsaufgabe. Klassenlose Kommunikationsgesellschaft - eine Utopie. In: Tendenzen, Heft 2. S. 4-9.
  • Krotz, Friedrich (2007): Mediatisierung. Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • mpfs (2017): JIM-Studie-2016, Jugend, Information, (Multi-Media), Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-jähriger. LFK und LMK. Stuttgart.
  • Tulodziecki, Gerhard (2011): Handeln und Lernen in einer von Medien mitgestalteten Welt – Konsequenzen für Erziehung und Bildung. In: Albers, Carsten; Magenheim, Johannes; Meister, Dorothee M. (Hrsg.): Schule in der digitalen Welt. VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 43-64.

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstaltete am 05./ 06. Dezember 2016 die Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" in Berlin. Die Veranstaltung thematisierte medienpädagogische, professions- und organisationsbezogene Fragestellungen genauso wie jugend-, bildungs- und netzpolitische Standpunkte.

Zentrale Aspekte der Diskussion werden in Form einer losen Abfolge von Fachbeiträgen unter  www.jugendhilfeportal.de/themenspecial dokumentiert und für die weitere fachliche Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt.

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