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SOS-Kinderdorf

Jugendliche sorgen sich in der Corona-Krise um ihre Zukunft

Eine junge Frau trägt eine Atemmaske und schaut in die Sonne
Bild: © courtneyk - istockphoto.com

Monatelang geschlossene Schulen, eingeschränkte soziale Kontakte und schlechte Aussichten auf Jobs und Ausbildungsplätze – Jugendliche der „Generation Corona“ treffen die Auswirkungen der Pandemie besonders hart. SOS-Kinderdorf hat einen Teil von ihnen in den SOS-Einrichtungen zu ihrer Situation befragt: Knapp die Hälfte sorgt sich um die berufliche Zukunft, ein Teil verspürt sogar Angst in der Corona-Zeit. Der Verein fordert die Politik auf, junge Menschen bei den Entscheidungen zur Bekämpfung der Pandemie stärker zu beteiligen und ihre Interessen auch während der Krise zu berücksichtigen.

Wie beurteilen Jugendliche in den stationären Erziehungshilfen bei SOS-Kinderdorf ihren Corona-Alltag? Vor allem reduzierte soziale Beziehungen zu Freunden und Familie sowie die eingeschränkte Alltags- und Freizeitgestaltung sehen sie als grundlegende Veränderungen durch die Corona-Pandemie an, so das zentrale Ergebnis der Befragung durch SOS-Kinderdorf. Auch Sorgen um die Zukunft spielen eine Rolle: Die Jugendlichen bringen in der SOS-Studie erhebliche Bedenken rund um Schule, Ausbildung und Beruf zum Ausdruck – die durchaus berechtigt sind. 

Neuer Alltag in Corona-Zeiten: Wichtigste Ergebnisse aus der Corona-Befragung

Insgesamt zeigt sich eine hohe Akzeptanz der Situation und damit einhergehender Regeln und Beschränkungen. Aber: Ein Viertel der Befragten beschäftigt die Corona-Situation stark, über 13% macht sie sogar Angst. Mit Blick auf die sozialen Beziehungen zieht sich die Einschätzung durch, dass trotz digitaler Möglichkeiten zu wenig Kontakt zu Personen außerhalb der Einrichtung besteht (über 60%). Knapp die Hälfte hat während des ersten Lockdowns viel Zeit mit Freunden online verbracht und Kontakte mehr über soziale Medien gepflegt als sonst. Dennoch finden die Digital Natives mehrheitlich, dass sich das persönliche Zusammensein nicht über digitale Kanäle ersetzen lässt. Knapp die Hälfte (43,5%) schätzen zudem ihre berufliche Zukunft kritisch ein. Sie befürchten negative Auswirkungen der Corona-Krise auf den eigenen Schul- oder Berufsbildungsweg. „Es ist davon auszugehen, dass die Antworten heute, also sechs Monate nach der Befragung, deutlich kritischer ausfallen würden: Je länger die Pandemie andauert, desto schwieriger ist sie vermutlich zu bewältigen. Ganz besonders betroffen sind die jungen Menschen, denen es bereits vor der Pandemie nicht gut ging – etwa weil sie psychisch belastet waren oder sich in der Schule schwertun. 

Um diejenigen müssen wir uns bei SOS-Kinderdorf besonders kümmern“, erklärt Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts. „Darüber hinaus lässt sich generell sagen: Jugendliche leiden ganz besonders unter den Corona-Beschränkungen, weil viele Ereignisse und Möglichkeiten für sie wegfallen, die Spaß machen, die aber auch für ihre Entwicklung von entscheidender Bedeutung sind und sich nicht einfach nachholen lassen. Die Corona-Krise wird mittel- und langfristige Folgen für junge Menschen haben. Und: Heranwachsende gehen meistens sehr verantwortlich mit der Situation um. Sorgen wir als Erwachsene dafür, dass sie nicht als ‚rücksichtslose Superspreader‘ unter Generalverdacht gestellt werden“, so Dr. Teuber weiter.

Die Interessen der Kinder und Jugendlichen bei politischen Entscheidungen stärker in den Blick nehmen

Die Befragung zeigt, wie wichtig reale Kontakte für die jungen Menschen sind. Im Umgang und Austausch mit ihren Peers machen Kinder und Jugendliche wichtige Erfahrungen für ihre Entwicklung. Dabei sind Beziehungen zu verschiedenen Freunden wichtig. Luise Pfütze, Advocacy-Referentin des Vereins, fordert: „Der Vorschlag der Bundesregierung, Kontaktbeschränkungen derart zu verschärfen, dass Kinder und Jugendliche jeweils nur einen festen Freund oder Freundin treffen dürfen, geht an der Lebensrealität vieler Kinder völlig vorbei. Nicht zuletzt gibt es auch Gruppen- bzw. Freundschaftskonstellationen, bei denen bei strikter Befolgung einer solchen Regel ein Kind quasi ‚leer ausgehen‘ würde. Es ist daher zu begrüßen, dass dieser Vorschlag von den Bundesländern nicht aufgegriffen wurde – und das sollte er auch bei künftigen Beschlüssen nicht. Wenn es um die Entwicklung weiterer Perspektiven für die kommenden Monate geht, sollte die Politik die Meinungen von jungen Menschen proaktiv einholen, ihre Interessen stärker in den Blick nehmen und berücksichtigen.“

Schulschließungen verletzen das Recht auf Bildung!

Auch bei der Diskussion, ob und wie Schulen im Pandemiewinter betrieben werden sollen, haben junge Menschen etwas zu sagen. Sie tragen die Regelungen zur Quarantäne ebenso wie den Unterricht mit halbierter Klassenstärke weitgehend mit – auch wenn ihnen diese viel abverlangen. Ein Großteil würde sich jedoch gegen eine Schulschließung aussprechen: Die Schule ist für Heranwachsende nicht nur ein Bildungs-, sondern auch ein Lebensort und damit zentraler Teil ihres Alltags. Bei politischen Entscheidungen zum Schulbetrieb müssen wir also neben dem Infektionsschutz und organisatorischen Fragen allem voran die Perspektive der Kinder und Jugendlichen bedenken: ihr Recht auf Bildung und auf die Begegnung mit Gleichaltrigen. 

„Nach Monaten geschlossener Schulen, Einschränkungen beim digitalen Unterricht, Verunsicherung durch erneute Quarantänenotwendigkeiten und Zurückhaltung der Wirtschaft bei der Besetzung von Ausbildungsstellen, machen sich junge Menschen zu Recht Sorgen um ihre schulische und berufliche Zukunft. Hier muss die Politik handeln und  Ausgleichsmöglichkeiten für diese Nachteile finden und finanzieren. Dazu braucht es eine ernsthafte Beteiligung der jungen Menschen, denn es geht um ihre Zukunft“, betont Dr. Birgit Lambertz, stellv. Vorstandsvorsitzende des SOS-Kinderdorf e.V.

Weitere Informationen zur Corona-Befragung von SOS-Kinderdorf

Das Sozialpädagogische Institut von SOS-Kinderdorf (SPI), unter Leitung von Dr. Kristin Teuber, hat in die diesjährige Erhebung der SOS-Längsschnittstudie einen Extra-Fragebogen zur Situation in der Corona-Pandemie eingebunden. Die Befragung lief im Mai und Juni 2020, also nach dem Lockdown zur Zeit der ersten Lockerungen. 439 junge Menschen im Alter von 12 bis 18+ Jahren aus 29 SOS-Einrichtungen haben freiwillig teilgenommen. Mädchen (55%) waren etwas häufiger vertreten als Jungen (43,5%). 

Weitere Informationen zur Corona-Befragung von Jugendlichen sind auf den Seiten des SOS-Kinderdorf zu finden.

Der SOS-Kinderdorf e.V.

SOS-Kinderdorf bietet Kindern in Not ein Zuhause und hilft dabei, die soziale Situation benachteiligter junger Menschen und Familien zu verbessern. In SOS-Kinderdörfern wachsen Kinder, deren leibliche Eltern sich aus verschiedenen Gründen nicht um sie kümmern können, in einem familiären Umfeld auf. Sie erhalten Schutz und Geborgenheit und damit das Rüstzeug für ein gelingendes Leben. Der SOS-Kinderdorfverein begleitet Mütter, Väter oder Familien und ihre Kinder von Anfang an in Mütter- und Familienzentren. Er bietet Frühförderung in seinen Kinder- und Begegnungseinrichtungen. Jugendlichen steht er zur Seite mit offenen Angeboten, bietet ihnen aber auch ein Zuhause in Jugendwohngemeinschaften sowie Perspektiven in berufsbildenden Einrichtungen. Ebenso gehören zum SOS-Kinderdorf e.V. die Dorfgemeinschaften für Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen. In Deutschland helfen in 39 Einrichtungen insgesamt über 4.248 Mitarbeiter. Der Verein erreicht und unterstützt mit seinen Angeboten rund 107.000 Kinder, Jugendliche und Familien in erschwerten Lebenslagen. Darüber hinaus finanziert der deutsche SOS-Kinderdorfverein 117 SOS-Einrichtungen in 36 Ländern weltweit.

Mehr Informationen unter www.sos-kinderdorf.de 
Zur Pressemitteilung "Jugendliche sorgen sich in Corona-Krise um ihre Zukunft"

Quelle: SOS-Kinderdorf e.V. vom 20.11.2020

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