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Im Gespräch

Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika – Wie geht es Kindern und Familien?

Kleines Mädchen trinkt aus einem grünen Becher

Für unsere Reihe „Im Gespräch“ haben wir mit der Organisation „AMREF Deutschland – Gesundes Afrika“ zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Menschen und Projekte in Afrika gesprochen. AMREF ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Stärkung lokaler Strukturen für eine bessere und nachhaltige Gesundheitsversorgung in Afrika einsetzt und wird unter anderem gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Liebes Team von AMREF, bitte stellen Sie Ihre Organisation und Ihre Aufgaben einmal vor.

Wir sind „AMREF Deutschland – Gesundes Afrika“, eine unabhängige Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin. Unser Ziel ist es, durch die Stärkung lokaler Strukturen eine bessere und nachhaltige Gesundheitsversorgung in Afrika zu ermöglichen. Wir wollen Menschen in Afrika befähigen, Herausforderungen und Krisen aus eigener Kraft zu bewältigen. Um unsere Hilfe dort ankommen zu lassen, wo sie am dringendsten benötigt wird, arbeiten wir mit bereits vor Ort existierenden Strukturen und Organisationen zusammen. Unsere Schwerpunkte bestehen aus Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen, Ausbildung von medizinischem Personal und Prävention von Krankheiten. Besondere Aufmerksamkeit kommt hierbei Frauen und Kindern zu.

Hunger-, Wirtschafts-, Bildungs- und Gesundheitskrise in Afrika

Wie hat sich Ihre Arbeit im Zuge der Pandemie verändert?

Wir beobachten einen immensen Bedarf in Afrika in allen Bereichen und allen unseren Projektländern. Wir sind es gewohnt in Krisen – z.B. Naturkatastrophen oder Hungersnöten – sofort zu reagieren, doch die Notlage jetzt ist nicht vergleichbar. Sie trifft alle Länder und viele Lebensbereiche und wir sind mit einer multiplen Krise konfrontiert, während der Fokus der Weltöffentlichkeit auf die eigenen Probleme gerichtet ist. Humanitäre Krisen erfahren in der Regel viel mediale Aufmerksamkeit, was auch dazu beiträgt Spenden zu generieren und schnell helfen zu können. Diese Aufmerksamkeit und die schnelle Hilfe fehlen aktuell. Die Menschen in Afrika erleben fast unbemerkt die schlimmste Hunger-, Wirtschafts-, Bildungs- und Gesundheitskrise der letzten Jahre.

Welche akuten und mittelfristigen Auswirkungen und Herausforderungen der Pandemie auf Partner und Projekte in Afrika nehmen Sie wahr?

Steigende Lebensmittelpreise: Infolge der Pandemie sind die Preise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Weizen und Sojabohnen besonders in afrikanischen Ländern stark gestiegen. Gepaart mit Lieferengpässen und wirtschaftlichen Einbußen sind viele Familien von Hunger bedroht. Dies trifft besonders diejenigen, die sowieso schon benachteiligt sind: chronisch Erkrankte, Kinder und Frauen.

Hinzu kommen Vernachlässigungen wichtiger Gesundheitsdienste: Mit dem Fokus auf die Prävention und Bekämpfung der Corona-Pandemie sind andere wichtige Gesundheitsdienste in den Hintergrund getreten. So wurde Beispielsweise die Schwangerschaftsvorsorge vernachlässigt und riskante Geburten zu Hause haben wieder zugenommen. Viele Erkrankte blieben aus Angst vor einer Ansteckung Gesundheitseinrichtungen fern.
Ein besonders großes Problem nehmen wir bei der Grundimmunisierung verschiedenster Krankheiten von Kindern wahr. Bei vielen Kindern zeigen sich große Lücken in den Impfkalendern. In einigen afrikanischen Ländern drohen Krankheiten wie z.B. Masern wieder auszubrechen. In Südafrika haben wir daher ein Projekt zur Verbesserung der Infrastrukturen in ländlichen Gebieten und zur Erhöhung der Impfrate bei Kindern etabliert.

Die Covid-19 Pandemie hat somit enorme Auswirkungen auf unsere Partner und Projekte. Durch Ausgangssperren, Schulschließungen, Abstandsregeln und andere Corona-Präventionsmaßnahmen können Projekte nicht wie geplant durchgeführt werden und müssen regelmäßig im Hinblick auf die aktuellen Bestimmungen überprüft werden. Das stellt unsere Partner vor immense zusätzliche Herausforderungen und leider fehlt es aufseiten der Förderung an Flexibilität, was die Umsetzung der Projekte und Zielerreichung wahnsinnig erschwert.

Ein Beispiel dafür sind vernachlässigte Gesundheitsdienste und Schulschließungen. In einigen Ländern wurden die Schulen für mehrere Monate bis zu über einem Jahr geschlossen, es ist zu Engpässen bei Malaria- und HIV-Tests gekommen und auch Standardimpfungen wurden mancher Orts ausgesetzt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Projekte, sondern trifft auch unsere Projektmitarbeiter/-innen persönlich.
Aus mittelfristiger Perspektive wird die multiple Krise viele Menschen in Armut und Hunger versetzen und besonders unterentwickelte und fragile Regionen in ihrer Entwicklung zurückwerfen. Auch die politische Stabilität und Sicherheitslage hat sich in einigen Ländern verschlechtert und trotz Reisebeschränkungen sind mehr Menschen denn je auf der Flucht. Viele der Folgen werden erst nach und nach sichtbar: die Zunahme geschlechtsspezifischer Gewalt und Teenager-Schwangerschaften, die verpassten Bildungschancen und Folgen der Mangel- und Unterernährung sowie die desolate wirtschaftliche Lage und unzähligen Jobverluste.

Besonders Kinder leiden in der Pandemie

Wie geht es ganz konkret den Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in Ihren Projekten?

Gerade Kinder leiden an der Situation. Wie bereits erwähnt wurden Standardimpfungen teilweise ausgesetzt und eine Grundimmunisierung von Kindern wird somit nicht erreicht.
Außerdem leiden viele Kinder und Jugendliche an den Schulschließungen. In einigen Ländern wurden die Schulen für mehrere Monate bis hin zu fast einem Jahr geschlossen. Dadurch fallen einmal Schulmahlzeiten weg, aber auch wichtige Kontrollmechanismen wie beispielsweise gegen die weibliche Genitalbeschneidung (FGM). Schulen fungieren als starkes Sicherheitsnetz: es wird über die Risiken der weiblichen Genitalverstümmelung informiert und beschnittene Mädchen bekommen Aufmerksamkeit, wodurch die Polizei benachrichtigt werden kann. Da nun alle Mädchen über Monate zu Hause bleiben mussten, wurden tagtäglich wieder Mädchen beschnitten. Auch Rettungszentren, die Mädchen bei der Flucht vor der Beschneidung helfen, wurden aufgrund der Pandemie teilweise oder sogar vollständig geschlossen.

Impffortschritt erschreckend niedrig und Impfbereitschaft gering

Wie läuft das Impfen aus Ihrer Sicht?

Der Impffortschritt ist erschreckend niedrig und nach wie vor werden nicht genügend Impfstoffe geliefert und es kommt immer wieder zu Verzögerungen. Aktuell [Anfang Juni 2021] sind weniger als 1% der Bevölkerung in Afrika geimpft und auch innerhalb der Länder kommt es zu Unterschieden beim Impffortschritt. Die Impfbereitschaft ist besonders in ländlichen Gebieten gering. Auch fehlen in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen und abgelegen Regionen wichtige Gesundheitsstrukturen und Mechanismen eine mehrmalige Impfung zu überwachen und die Verteilung und Lieferung der Impfstoffe zu koordinieren. Das führt teilweise soweit, dass auch jetzt in der fatalen dritten Welle in vielen afrikanischen Länder nicht einmal wichtige Gesundheitsfachkräfte geschützt sind.

Ungleichheit zwischen Arm und Reich wird sich weiter verstärken

Wenn Sie auf ein Ende der Pandemie blicken: Was bleibt von Corona zurück?

Die Pandemie wirft viele Menschen in Afrika in Armut zurück und wird die Ungleichheit zwischen Arm und Reich weiter verstärken, sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch zwischen Armen und Reichen Ländern.

Ich danke Ihnen für diesen tiefen und erschütternden Einblick in Ihre Arbeit und wünsche Ihnen für Ihre wichtige Arbeit alles Gute!

Das Gespräch führte Mareike Ketelaar.

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