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Tagung zu Familie, Freundschaft und Beziehung im Maßregelvollzug

Teilnehmende der LVR-Fachtagung
Bild: © LVR

Anlässlich der 21. Forensischen Fachtagung "Sex & Drugs & Rock’n’Roll" diskutierten rund 350 nationale und internationale Gäste aus Wissenschaft und Praxis neue Forschungs- und Behandlungserkenntnisse. Ein Ergebnis: insbesondere sind Beziehung und Geborgenheit zentrale Aspekte für die Therapie psychisch kranker Straftäter.

In der LVR-Klinik Bedburg-Hau hat am 5. Mai 2015 die 21. Forensische Fachtagung "Sex & Drugs & Rock’n’Roll" mit dem Thema "Stand by me – Familie, Freundschaft und Beziehung im Maßregelvollzug" begonnen. Die renommierte Fachtagung gehört zu den größten forensischen Veranstaltungen in Deutschland und Europa.

Drei Tage lang präsentieren 32 interdisziplinäre Forensik-Expertinnen und -Experten – auch aus der Schweiz und den Niederlanden – neue Forschungs- und Behandlungserkenntnisse. In acht Vorträgen und 21 Arbeitsgruppen zeigen sie den rund 350 Gästen auf, wie forensische Patientinnen und Patienten erfolgreich behandelt und geheilt werden können – mit besonderem Augenmerk auf die Bedeutung von Beziehungen für die Forensische Psychiatrie.

Austausch zu Therapiemodellen und ko-therapeutischen Verfahren

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung diskutieren intensiv die Frage, wie möglichst nachhaltig sichergestellt werden kann, dass sich die psychisch kranken Menschen nach der Behandlung nicht erneut in krankmachenden und destruktiven Beziehungen verlieren. Die Tagungsgäste tauschen sich aus über Therapiemodelle und die Bedeutung von ko-therapeutischen Verfahren wie Kreativ-, Sport- und Ergotherapie – aber auch über Gewalt gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Forensischen Psychiatrie.

Für Dr. Jack Kreutz, Fachbereichsleiter Forensik der LVR-Klinik Bedburg-Hau, hat das Thema der diesjährigen Fachtagung eine besondere Bedeutung: "Die Forensische Psychiatrie unterliegt häufig einer überaus kritischen Beobachtung und Berichterstattung. Trotz dieser Außeneinflüsse müssen wir vom ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Personal für eine Atmosphäre sorgen, die Halt und Verlässlichkeit ermöglicht. Dann können unsere Patientinnen und Patienten oft zum ersten Mal in ihrem Leben gewaltfreie und haltgebende Beziehungen erleben".

Zum Auftakt der Fachtagung beschäftigt sich Prof. Dr. Manfred Cierpka (Universitätsklinikum Heidelberg) in seinem Vortrag "Entwicklung[s-sdefizite] und Familie" unter anderem mit der Prävention von Gewaltkarrieren in belasteten Familien. Ebenfalls am ersten Veranstaltungstag referiert Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan (Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung) zu "Gewalt und Entwicklungsrisiken von Familien mit Zuwanderungsgeschichte"). Er thematisiert dabei psychosoziale Risiken für die Gewaltanfälligkeit von jugendlichen Migrantinnen und Migranten sowie gewaltförderliche Erziehungsmuster in türkischen Familien. Darüber hinaus präsentiert er Ergebnisse seiner eigenen quantitativen Studie über Jugendgewalt und familiäre Gewalt, die wie die erhöhte Akzeptanz von Gewalt bei türkischen Jugendlichen bestätigt.

Der Rolle des Vaters widmet sich Prof. Dr. Matthias Franz (Uniklinikum Düsseldorf) in seinem Beitrag "Wenn der Vater fehlt – Entwicklungspsychologische Bedeutung des Vaters und Langzeitfolgen seines Fehlens", der auch das bindungsorientierte Elterntraining "wir2" für alleinerziehende Mütter vorstellt.

Die größte Berufsgruppe in der interdisziplinären Behandlung forensischer Patientinnen und Patienten ist die der Pflegerinnen und Pfleger. Verschiedene Aspekte der Beziehung zwischen Pflegenden und Kranken greifen Jürgen Hollick (Bildungswerk Kloster Irsee) und Werner Stückmann (Klinik Nette-Gut f. Forensische Psychiatrie Andernach) in ihren Vorträgen auf.

Hintergrundinformation

Forensische Patientinnen und Patienten sind Menschen, die in speziellen Kliniken untergebracht werden, weil sie aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung straffällig geworden, jedoch nur eingeschränkt oder gar nicht schuldfähig sind. Der Landschaftsverband Rheinland verfügt über ein Netzwerk von Spezialeinrichtungen für den Maßregelvollzug. An sieben Standorten mit unterschiedlichen Behandlungsschwerpunkten werden psychisch kranke Straftäterinnen und Straftäter therapiert. Die forensischen Abteilungen der LVR-Klinik Bedburg-Hau, in denen knapp 400 Patientinnen und Patientinnen stationär behandelt werden, sind von überregionaler Bedeutung.

Quelle: Landschaftsverband Rheinland vom 05.05.2015

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