Kindertagesbetreuung / Ganztagsbildung / Inklusion

„Jedes Kind ist ein besonderes Kind“ - ein Interview zum Thema Inklusive Bildung

Porträt Prof. Dr. Andrea Platte, FH Köln
Bild: Andrea Platte

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe war in der Fachhochschule Köln, um sich ein bisschen kundig zu machen über den aktuellen Stand in der Diskussion zur „Inklusiven Bildung“. Rede und Antwort gestanden hat dort Prof. Dr. Andrea Platte, Professorin für „Bildungsdidaktik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Elementarpädagogik“.

Zum Hintergrund:

UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
Das 2006 bei der UNO-Generalversammlung in New York verabschiedete und 2008 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (auch: Behindertenrechtskonvention, BRK) ist ein bis 30. Juni 2011 von 100 Staaten und der EU durch Ratifizierung, Beitritt oder (im Fall der EU) formale Bestätigung abgeschlossener völkerrechtlicher Vertrag, der Menschenrechte für die Lebenssituation behinderter Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Im Übereinkommen finden sich neben grundlegenden Teilen der allgemeinen Menschenrechte, wie z. B. dem Recht auf Leben oder dem Recht auf Freizügigkeit, viele spezielle Bestimmungen, die auf die Lebenssituation behinderter Menschen eingehen.

Salamanca-Erklärung
Eine Erklärung mit Nennung der Inklusion als wichtigstes Ziel der internationalen Bildungspolitik und in der Folge ein erster internationaler Rahmen für deren Umsetzung war das Hauptergebnis der UNESCO-Konferenz, die 1994 in Salamanca stattfand. Die Resolution wurde von 92 Regierungen und 25 internationalen Organisationen unterzeichnet.

Fachkräfteportal: In den letzten Jahren wird viel über Inklusion in der Pädagogik und in der Bildungspolitik diskutiert. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Prof. Dr. Platte:
Eine deutliche Zunahme der Diskussion über das Thema „Inklusion“ nehme ich seit 2009 wahr, seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Den Begriff gab es schon eine ganze Weile vorher, aber da war er noch nicht so präsent in der Öffentlichkeit. Die UN-Konvention hat tatsächlich eine ganze Menge in Bewegung gesetzt, auch wenn das, was sie eigentlich fordert, noch viel mehr Bewegung verlangt.

Fachkräfteportal: Inklusionspädagogik und Integrationspädagogik sind Begriffe, die oft synonym verwendet werden? Sind Sie damit einverstanden?

Prof. Dr. Platte:
Für mich ist Integrationspädagogik aus dem gemeinsamen Spielen und Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern entstanden. Es ist also ein Begriff, der in Deutschland eine Tradition seit den 70er Jahren hat in Praxis und Wissenschaft. In dieser Zeit haben sich Strukturen bewährt und Methoden und Beispiele guter Praxis entwickelt. Allerdings ist die integrative Beschulung immer eine zusätzliche Säule im Bildungssystem geblieben und hat keine grundlegende Veränderung erreicht. 

Diese grundlegende Veränderung verlangt der Begriff der „Inklusion“. Die Inklusive Pädagogik setzt am Bildungssystem an und nicht an einzelnen Kindern, wo man sich Gedanken macht, wie passen die wohin. Nein, ALLE Kinder haben das Recht wohnortnah gemeinsam zu lernen und zu spielen. 

Mir gefällt an der inklusiven Idee die Vorstellung, dass jeder Mensch einzigartig ist und nicht in Kategorien gesteckt werden soll und will. Das empfinde ich als sehr entlastend, auch für die, die keine diagnostizierte Behinderung oder Schwierigkeit haben, weil jedes Kind ein Recht hat in seiner Individualität gesehen und gefördert zu werden. Ich finde, die Begriffe unterscheiden sich auch darin, dass es Integrationspädagogik praktiziert schon gibt, auch in unserem Schulsystem, das insgesamt ein Segregierendes ist. Die Inklusion ist für mich eher eine Leitidee oder eine Zukunftsorientierung, die noch nicht umgesetzt ist in unserem Bildungssystem. Um ihr gerecht zu werden, müsste es sich radikal verändern. Allerdings gibt es bereits viele „inklusive Momente“, wie ich das nenne, in vielen Bildungseinrichtungen, die sich bemühen, bewusst jedes Kind anzunehmen und jedem Kind gerecht zu werden – und das in einem sie umgebenden segregierenden System. Das ist für mich auch einen Beweis dafür, dass diese Leitidee nicht utopisch ist.

Fachkräfteportal: In vielen anderen Ländern ist die Integrationsentwicklung erheblich weiter fortgeschritten als in Deutschland. Woran liegt das?

Prof. Dr. Platte:
Das Bildungssystem in Deutschland hat eine stark segregierende Tradition. Das bremst natürlich. Man kann aber auch etwas Gutes darin sehen: die Sonder- oder Behindertenpädagogik betreffend hat sich in Deutschland in den letzten 50 Jahren auch sehr viel Know-How herausgebildet. Hinter diesen Anspruch an Förderung dürfen wir auch nicht mehr zurück. All dieses Wissen und diese Kompetenzen brauchen wir – aber in einem gemeinsamen System und nicht in nebeneinander stehenden Säulen.

 Ein Vorzeigebeispiel für gelingende Inklusion ist Toronto in Kanada. Ich kenne eine gehörlose Studentin, die dort ein Praktikum gemacht hat. Sie hat erlebt, dass ihr auf der Straße mit viel weniger Unsicherheit begegnet wurde, weil die Menschen offensichtlich vertrauter sind im Umgang mit Gehörlosigkeit und Behinderung. In Schwerpunktschulen lernen dort  gehörlose und hörende Schülerinnen und Schüler gemeinsam und in diesen Schulen lernen alle die Gebärdensprache. Kanada ist ja auch seit langer Zeit ein Einwanderungsland und auch deshalb stark mit Verschiedenheit und Andersartigkeit konfrontiert. 

Mit einer Exkursion war ich vor einiger Zeit in Norwegen und habe mir dort Schulen und Kindertageseinrichtungen angesehen. Auch dort hatte ich den Eindruck, dass die Idee der Inklusion schon mehr in den Köpfen angekommen ist. Dort wurde zum Beispiel gesagt: „Wir wollen niemanden verlieren. Wir brauchen alle Kinder und Jugendlichen.“ 

Ähnliches wird aus Italien berichtet, wo es beispielsweise auch keine Sonderschulen mehr gibt. 

Fachkräfteportal: Ist eine Integrations- oder Inklusionspädagogik wirklich für ALLE geeignet – auch für schwerstgeschädigte und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche – oder muss man da differenzieren? 

Prof. Dr. Platte:
Ja, wenn man den Gedanken der Inklusion ernst nimmt, muss man diese Frage ganz eindeutig mit JA beantworten. Ein schönes Beispiel dafür – Beispiele machen es ja immer anschaulicher – ist der Dokumentarfilm „Klassenleben“, den Hubertus Siegert an der Fläming-Grundschule in Berlin gedreht hat. Der Film zeigt über den Zeitraum von einem Jahr, wie in der Klasse 5b sehr unterschiedliche Kinder, darunter auch ein Mädchen mit einer schweren Behinderung, gemeinsam lernen und dabei enorm voneinander profitieren. Sehenswert!

Fachkräfteportal:
In der Salamanca-Erklärung heißt es: "Das Leitprinzip, das diesem Rahmen zugrunde liegt, besagt, dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder -gebieten". Bedeutet das, dass der Begriff der Inklusion deutlich über die Behinderten- und Sonderpädagogik hinaus geht?

Prof. Dr. Platte:
Ja, das ist das Besondere an dem Begriff Inklusion. Er bezieht sich eben nicht nur auf behinderte Menschen, sondern er trägt der Tatsache Rechnung, dass jeder Mensch eigen und anders ist und mit einer Vielzahl an Kapazitäten und Ressourcen, aber eben auch an Schwächen und Förderbedarfen daher kommt. 

In einigen afrikanischen Ländern beispielsweise müssen einem Kind mit einem nomadischen Hintergrund andere Bildungsangebote gemacht werden als einem Kind mit sesshaftem Hintergrund. Jungen und Mädchen sind verschieden. Ein hochbegabtes Kind braucht spezifische  Lernanreize. Das hat aber nichts im eigentlichen Sinne mit Behinderten- oder Sonderpädagogik zu tun. Es geht darum, dass jeder wohnortnah in der Gemeinschaft mit allen anderen Kindern und Jugendlichen lernen darf und dabei möglichst optimal seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend gefördert wird. 

Fachkräfteportal: Wir leben in einem Zeitalter der Qualitätsstandards und der Forderung nach Messbarkeit erreichter Ergebnisse. Dem zollen nicht zuletzt die internationalen Schulleistungsvergleiche wie PISA, IGLU und TIMSS Tribut. Besteht in diesem Zusammenhang die Gefahr einer Leistungsminderung der inklusiven Pädagogik?

Prof. Dr. Platte:
Zum einen zeigen Länder wie Finnland, dass integrierte Bildungssystem in internationalen Schulleistungsvergleichen sehr gut abschneiden. Zum anderen zeigen empirische Forschungsergebnisse in Deutschland, dass eine integrative Pädagogik auch eine leistungsstarke Pädagogik ist, weil sie sehr stark auf den Einzelnen guckt. 

Fachkräfteportal: Der Begriff der „Inklusiven Bildung“ wird recht einseitig in Bezug auf die formale Bildung, die Bildung in der Schule, verwendet. Gibt es entsprechende Ansätze auch in der frühkindlichen Bildung und der außerschulischen Bildung?

Prof. Dr. Platte:
In der frühkindlichen Bildung gibt es eigentlich auch eine starke integrationspädagogische Tradition, die aber in der Tat nicht so im Blick ist. 1987 gab es in Deutschland eine Studie zu integrativen Prozessen im Kindergarten, die dann auch stark die schulische Diskussion geprägt hat.  Dadurch, dass die gesamte Frühpädagogik allmählich  stärker in den Fokus rückt, spielt auch hier der Aspekt der Inklusiven Bildung zunehmend eine Rolle. Ich beobachte einige Veröffentlichungen diesbezüglich in der jüngsten Zeit und denke, dass da eine große Chance liegt. Inklusive Bildung muss bereits im Kindergarten anfangen. Sie kann nicht erst in der Schule beginnen. Hier würde ich mir eine Bereitschaft und auch eine Neugier bei den entsprechenden Fachkräften wünschen, jedes Kind so zu nehmen, wie es kommt – nicht schon mit einer Diagnose oder einem Stigma behaftet und auch mit möglichst wenig Erwartungen. Eine inklusive Haltung muss ganz früh wachsen, bei Kindern, bei Pädagogen und auch bei den Eltern. 

Was Methodik und Didaktik angeht, könnten sich Schulen in der Frühpädagogik sehr viel abgucken für den Umgang mit Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Wer mit kleinen Kindern arbeitet, weiß sehr genau, wie unterschiedlich schnell Entwicklungsschritte aufeinander folgen. Normungen sind da noch nicht so allgegenwärtig wie in der Schule. 

In der außerschulischen Bildung sehe ich, dass Inklusive Pädagogik ein zunehmend wichtiges Thema im Ganztag wird. Ich erlebe beispielsweise, dass Schulen, die sich in Richtung Ganztag entwickeln, auch nach Qualitätsentwicklung zum Thema Inklusion fragen. Und auch hier liegt meiner Meinung nach wieder eine Chance: in dem etwas druckfreieren, nicht so stark nach Leistung fragenden Bereich von Schule mit einer inklusiven Haltung zu beginnen. Das könnte dann prima auf das Lernen im Unterricht übertragen werden. Im Freizeitbereich ist es durchaus auch ein Thema. Ich selber bin zur Integrationspädagogik gekommen, weil ich schon als Jugendliche Freizeiten mit behinderten Jugendlichen mitgemacht haben.


Fachkräfteportal: Was bedeutet eine stärkere Forderung nach Inklusiver Bildung für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern? Wie ist die Situation diesbezüglich an der FH Köln?

Prof. Dr. Platte:
Mir ist es ein starkes Anliegen, dass die Studierenden der Pädagogik der Kindheit und Familienbildung bei uns in Köln von Anfang an ein Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit von Kindern entwickeln. Die Studentinnen und Studenten hier werden auf den Umgang mit Heterogenität vorbereitet – dafür spielt aus unserer Sicht zum Beispiel die Beobachtung von Kindern eine große Rolle. Die Studierenden erfahren Beobachtung als eine wichtige Voraussetzung und ein wichtiges Werkzeug für didaktische Entscheidungen. Das finde ich eine große Chance. Wenn man das gut beherrscht, kann man auch sehr gut mit Heterogenität umgehen. Der Aspekt der Vielfalt ist hier gut verankert im Studium. Es gibt beispielsweise innerhalb des Moduls „Diversity“ auch ein Angebot mit einem stark heilpädagogischen Fokus.

Bei Studierenden der Sozialen Arbeit erlebe ich ein recht ausgeprägtes Bewusstsein für Heterogenität, Exklusionsprozesse und Benachteiligung. Ich biete ein Modul unter dem Titel „Integrationspädagogik und inklusive Bildung“ an und das wird auch gut nachgefragt. Also die Aktualität des Themas ist den Studierenden stark bewusst. Im Zusammenhang mit Inklusion wird auch stark die Notwendigkeit der Kooperation von Schule und Jugendhilfe diskutiert.

Für die Lehrerausbildung bedeutet es auf jeden Fall, dass das Denken in Zuständigkeiten überwunden werden muss und dass diese zwei Systeme, die da nebeneinander stehen – ein sonderpädagogisches und ein allgemein-pädagogisches - zusammen finden. In einem modularen Studium könnten durchaus grundlegende Kompetenzen zum Lernen mit heterogenen Gruppen verpflichtend verankert sein und darüber hinaus spezifische Angebote, z.B. heil- und sonderpädagogische Kompetenzen gemacht werden. Damit würde dann sichergestellt, dass die entsprechenden Kompetenzen in einem für alle zuständigen Bildungssystem vorhanden sind.   

Fachkräfteportal: „Vielfalt als Normalfall“ ist ein in die Zukunft gerichtetes Konzept, das den Begriff „Inklusion“ möglicherweise irgendwann verzichtbar macht. Halten Sie das für realistisch?

Prof. Dr. Platte:
Ich würde dem zunächst einmal zustimmen. Ob ich das für realistisch halte? Ich kann natürlich nicht in der Lehre ein Konzept vertreten, von dem ich glaube, das können wir nicht erreichen. In vielerlei Hinsicht und in letzter Konsequenz bleibt es vielleicht immer eine Zielorientierung. Aber das ist auch gut so, ein Ziel, an dem man sich immer wieder messen kann und muss und das Korrekturen verlangt. Mir ist das Bild von den Momenten wichtig: in jedem Wassertropfen ist bereits ein Stück vom Regenbogen. Die Momente zeigen, dass es zu realisieren ist. Und das sollte anspornen – denn es geht nicht mehr um die Frage, ob ein inklusives Bildungssystem erstrebenswert ist, sondern wie.

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