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Allgemeiner Rahmen

Haupttrends in den Bereichen Kreativität und Kulturelle Beteiligung Jugendlicher

Die Förderung von Teilhabe an kulturellen Aktivitäten und die Förderung der Kreativität junger Menschen sind Ziele, die in Deutschland

  • a) gesellschaftlicher Konsens sind,
  • b) in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und
  • c) mit Unterstützung aus verschiedenen Politikbereichen stattfinden.

Es besteht bildungsbereichsübergreifend Konsens darüber, dass kulturelle Kinder- und Jugendbildung ein unverzichtbarer Bildungsfaktor ist. Es bestehen weitgehende Erwartungen an ihre Bildungswirkungen wie die Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung junger Menschen und ihre gesellschaftliche, insbesondere soziale und kulturelle Teilhabe.

Das Interesse und die Teilhabe junger Menschen an kulturellen Aktivitäten sind weit verbreitet. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 kam zu dem Ergebnis, dass nur 13% aller 14- bis 24-Jährigen noch nie ein Angebot kultureller Bildung genutzt hatten. 45% der jungen Leute gingen einer künstlerischen Hobbyaktivität nach. Zu beachten sind die unterschiedlichen Interessen von jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. So hatten 61% der jungen Leute mit türkischem Migrationshintergrund schon eine oder mehrere Veranstaltungen besucht, die Kunst aus dem islamisch geprägten Kulturraum thematisierte, jedoch nur 19% Veranstaltungen mit klassischen Kulturangeboten des europäischen Kulturkreises. Nur ca. 25% der befragten Jugendlichen gaben an, ein „starkes“ Kulturinteresse zu haben. Hier ist allerdings zu befragen, was damit gemeint ist.

Kulturelle Teilhabe und Interessen werden vor allem von der Schule und vom Elternhaus beeinflusst, hängen also u.a. vom Sozialmilieu und vom ethnisch-kulturellen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen ab.(Keuchel, S; Larue, D., 2012) Der Rat für kulturelle Bildung benennt in der Studie „Eltern/Kinder/Kulturelle Bildung. Horizont 2017“ (PDF: 794 KB) den Bildungshintergrund der Eltern als stärksten Faktor bezüglich des Zugangs zu kultureller Bildung. Demzufolge ist es ein gesellschaftlich, bildungs- und jugendpolitisch diskutiertes Thema, wie man vor allem diesen so genannten benachteiligten jungen Menschen kulturelle Teilhabe ermöglichen kann.

Neuere Untersuchungen betreffen das Interesse der Gesamtbevölkerung. Eine Sekundäranalyse von knapp 100 quantitativen deutschsprachigen (Nicht-)Besucherstudien der letzten 25 Jahre ergab in Bezug auf Besuche öffentlich geförderter Kulturveranstaltungen (z.B. Theater, Museen oder Konzerthäuser):

  • „Das Potenzial derjenigen, welche regelmäßig Kulturveranstaltungen besuchen, liegt zwischen 5 und 15% der Bevölkerung.
  • Der Anteil der GelegenheitsbesucherInnen, welche seltener als einmal pro Monat, aber mindestens einmal pro Jahr Einrichtungen besuchen, liegt zwischen 35 und 45% der deutschen Bevölkerung.
  • Etwa 50% der Bevölkerung besucht überhaupt keine Kulturveranstaltungen.“  

Kulturelle Bildung findet mittlerweile vermehrt über digitale Medien statt. In einer aktuellen Studie des Rates für Kulturelle Bildung (PDF: 1,2 MB) kristallisierte sich vor allem YouTube als Leitmedium heraus. Da 86% der 12- bis 19-Jährigen YouTube nutzen, empfiehlt der Rat: die „Akteure der Kulturellen Bildung – in formalen wie non-formalen Kontexten – sind aufgefordert, das hohe Aktivierungspotenzial der audiovisuellen Medien zu nutzen und aufzugreifen, um Formate und Inhalte Kultureller Bildung weiterzuentwickeln.“

Tendenzen

„Im letzten Jahrzehnt kann ein deutlicher Aufschwung rund um den Diskurs um Kulturelle Bildung beobachtet werden, der auch direkte Auswirkungen auf die aktuelle Praxis hat, wie dies exemplarisch folgende Infrastrukturerhebung zu Bildungsangeboten in klassischen Kultureinrichtungen (Keuchel, S., Weil, B., 2010) verdeutlicht. Der hier seit 2004 extrem gestiegene Anteil richtet sich dabei maßgeblich an Schulklassen (61%) und Kindertagestätten (17%). Noch selten sind hier Bildungsangebote, die sich an Kinder (10%) oder Jugendliche in der Freizeit (6%) richten. (…) Richtet man den Blick auf die Interessen der 14- bis 24-Jährigen wird deutlich, dass die vermehrten Kulturaktivitäten nicht einhergehen mit einem Interessenszuwachs der jungen Bevölkerung. Das heißt, das vermehrte Engagement in der Kulturlandschaft hat nicht dazu geführt, dass sich die Interessen der jungen Leute im Sinne eines breiten Kulturbegriffs, der beispielsweise neben dem Besuch klassischer Kultureinrichtungen, wie Museen oder Theater, auch den Besuch eines Rock-, Popkonzerts oder Poetry-Slam-Veranstaltung mit beinhaltet, positiv verändern.“ Über die Gründe kann nur spekuliert werden. In dem Zeitraum gab es wichtige Veränderungen. 2004 spielten Soziale Medien noch keine Rolle. Außerdem gab es in Deutschland Veränderungen in der Bildungslandschaft, wie z.B. der kontinuierliche Ausbau der Ganztagsschule und einer Verkürzung der Schulzeit in der Sekundarbildung von neun auf acht Jahre, was zu einer Verdichtung der Schul- und Lernzeiten geführt hat. Beide Entwicklungen nehmen intensiv die Zeit junger Menschen in Anspruch.

In den letzten Jahren werden daher erhebliche Anstrengungen der öffentlichen Hand, von Stiftungen, Verbänden und Trägern unternommen, Kooperationen von Schulen mit außerschulischen Trägern kultureller Bildung oder Kultureinrichtungen zu fördern. Diese Kooperationen basieren auf freiwilligen Verabredungen, Schülerinnen und Schülern außerunterrrichtliche Angebote (z.B. in Form von Arbeitsgemeinschaften oder Workshops) zu machen. Im Bereich der kulturellen Bildung sind diese Kooperationen das vorherrschende Thema der letzten 10-15 Jahre. Mit dem Engagement im Ganztag war für die Politik, die Schulen und die außerschulischen Träger die Hoffnung verbunden, mehr Kinder und Jugendliche mit kultureller Bildung zu erreichen. Diese Hoffnung scheint sich bisher nicht zu erfüllen. Eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung aus dem Jahr 2015 (PDF: 933 KB), für die Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen allgemeinbildender Schulen bundesweit befragt wurden, kam zu dem Schluss, dass 29% der Mädchen und 44% der Jungen (gesamt 37%) überhaupt keine schulischen Kulturangebote über den Fachunterricht hinaus wahrnehmen. Dieser Befund war unabhängig von Elternhaus, von der besuchten Schulform oder einem Migrationshintergrund. Dagegen scheint das Angebot in Schulen zu expandieren. 2015 verfügten nach Kenntnis der befragten Schülerinnen und Schüler 71% der Schulen über eine Theater-AG, 63% über einen Schulchor, 58% eine Schülerzeitung, 48% eine Schulband und mehr als ein Drittel der Schulen über eine Kunst-, Foto- und Tanz-AG.

Es wurden in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, um allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu kultureller Bildung zu erleichtern und entsprechende Angebote zu entwickeln und zu verbreiten. Dafür wurden zahlreiche Sonderprogramme auf Bundes- und Länderebene aufgelegt. Nicht zuletzt aufgrund des finanziellen Aufwuchses für kulturelle Bildung in der letzten Zeit wird aktuell zunehmend die Frage nach der Qualität der Angebote, vor allem der kulturellen Bildung an Ganztagsschulen gestellt. Diese Qualitätssicherung ist weder in Bezug auf die Angebote in Ganztagsschulen und Kindertageseinrichtungen, noch auf die als notwendig erachtet Fortbildung  sichergestellt. Der Rat für Kulturelle Bildung stellte 2013 fest, dass die Frage nach der Qualität kultureller Bildung zwar häufig gestellt, aber nur unzureichend beantwortet wird. 2014 betonte er, dass die Sicherung der Qualität kultureller Bildung „eine zentrale Entwicklungsaufgabe“ darstelle.

Eine weitere wichtige Tendenz ist der Zuzug einer großen Anzahl an Geflüchteten (Höchststand 2015). Während das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf die wichtige Rolle kultureller Bildung zur Förderung einer „Integrationskultur“ hinweist, stehen Organisatoren der kKulturellen Bildung noch vor einer großen Herausforderung in diesem Bereich.  Es gibt bereits eine Sammlung an Formaten und Konzepten für dieses Praxisfeld, aber dabei „gilt es Menschen mit Fluchterfahrung nicht zur Zielgruppe pädagogischer Bemühungen und zu Objekten des Handelns der Mehrheitsgesellschaft zu machen, sondern sie als Beteiligte, Gesprächspartner*innen, als Lehrende und Lernende, als Akteur*innen wahrzunehmen.“ Darüber hinaus sind verschiedene Fördermöglichkeiten für Projekte verfügbar, allerdings ist noch keine Plattform oder Datenbank speziell für Projekte von, mit oder für Geflüchtete vorhanden.

Forschung

Ungeachtet der öffentlichen Aufmerksamkeit für kulturelle Bildung gibt es bis heute keine systematische Beobachtung der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung und keine eigene Berichterstattung auf Bundesebene. Es fehlt es an weiteren flächendeckenden, repräsentativen quantitativen Untersuchungen zur Teilhabe junger Menschen an kulturellen Aktivitäten. Auch belastbare Daten zur kulturellen Schulbildung und zur Kinder- und Jugendhilfe bzw. dem Teilbereich Jugendarbeit/kulturelle Jugendbildung sind nicht vorhanden. Ein Grund sind die Zuständigkeiten der Bundesländer in der formalen Bildung und die hauptsächlich kommunale Zuständigkeit sowie die partizipative Verfasstheit des Kinder- und Jugendhilfesystems. Für beide Bereiche fehlen flächendeckende Statistiken aus amtlichen Quellen oder sozialwissenschaftlichen Erhebungen. Neben den beiden zitierten Untersuchungen gibt es nur Studien, die punktuell ausgewählte Bereiche untersuchen und die nicht verallgemeinerbar sind.

Wichtige Konzepte

Es gibt kein einheitliches öffentliches Konzept, was „kulturelle Teilhabe” oder „Zugang zu Kunst und Kultur” konkret bedeuten kann. Vielmehr gibt es verschiedene Ansätze und Konzepte, je nach politischer und fachlicher Ausrichtung. Dies beginnt bereits mit fachlichen und populär geführten Diskursen darüber, was mit „Kunst“ und vor allem, was mit „Kultur“ gemeint ist. Auch mit der Rede von „kultureller Teilhabe“ oder „kultureller Partizipation“ kann sowohl „nur“ eine Teilnahme gemeint sein (z.B. ein Museums- oder Theaterbesuch oder auch das Lesen eines Buches) wie auch weiterführende Angebote, die stärker auf Bildungsprozesse zielen und diese intentional ermöglichen. Sehr populär ist es in letzter Zeit, den Begriff „kulturelle Bildung“ als Oberbegriff und als Faktor für beides zu reklamieren. „Kulturelle Bildung“ bezeichnet ebenfalls kein festes Konzept, sondern wird als Oberbegriff für viele verschiedene Zugänge zu kulturellen Angeboten bis hin zu fachlich avancierten, pädagogischen Angeboten für eigene kulturell-künstlerische Aktivitäten gebraucht. Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich auch in offiziellen Dokumenten, hier als Beispiel im Kapitel 6.1.1 des 12. Kinder- und Jugendberichts (PDF, 6 MB). Die Begriffsverwendung des Berichts ist uneinheitlich und wird nicht problematisiert („Kulturarbeit“, Jugendkulturarbeit“, „kulturelle Jugendbildung“, „kulturell-musische Bildung“, „kulturell-ästhetische Bildung“ „Jugendkultur“, „Alltagskultur“, „Interkultur“).  

Die Anerkennung des Stellenwerts kultureller Bildung im Bereich der Jugendarbeit, auch in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe, im Elementarbereich und in der Schule sowie anderen Bildungsbereichen hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren deutlich erhöht. Seitdem wird (wieder) stärker von verschiedenen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen sowie in verschiedenen Politikbereichen diskutiert, was damit gemeint ist, welche Konzepte damit verbunden sein sollen und welche Wege als richtig gelten, mehr junge Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen. Besonders stark wird damit argumentiert, dass kulturelle Bildung Sekundär- und Transfereffekte hervorruft, die zur Entwicklung von Kompetenzen junger Menschen, zu ihren beruflichen Aussichten und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.

So formulierte die Kultusministerkonferenz in ihrer Empfehlung zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung vom 10.10.2013 (PDF, 206 KB): „Kulturelle Bildung ist für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen unverzichtbar. Sie verbessert die Bedingungen für eine gelingende Bildungsbiografie und ermöglicht den Erwerb kognitiver und kreativer Kompetenzen. Sie trägt zur emotionalen und sozialen Entwicklung aller Heranwachsenden und zu ihrer Integration in die Gemeinschaft bei und ist somit Grundbedingung gesellschaftlicher Teilhabe.“ Im Bildungsbericht der Bundesregierung 2012 wurde betont, dass die Kulturelle Bildung „dazu beiträgt, Individuen zu einem selbstbestimmten Leben, zur Entdeckung und Entfaltung ihrer expressiven Bedürfnisse sowie zur aktiven Teilnahme an Kultur zu befähigen. In einer Welt, deren soziale, politische und ökonomische Prozesse von einer Fülle ästhetischer Medien geprägt werden, wird kulturelle/musisch-ästhetische Bildung zu einer wichtigen Voraussetzung für autonome und kritische Teilhabe an Gesellschaft und Politik.“ Gleichzeitig wurde Kulturelle Bildung als ein Bildungsbereich mit eigenständigen Zielen beschrieben (ebd.).  Auch der 15. Kinder- und Jugendbericht stellt fest: „Kulturelle Bildungsangebote bieten ein wichtiges Lernfeld für junge Menschen. Sie vermitteln künstlerische Fähigkeiten ebenso wie Kreativität, Ausdrucksfähigkeit, Toleranz und soziale Kompetenzen – wichtige Voraussetzungen für Partizipation und gesellschaftliche Integration.“  

Kritiker dieser Position betonen, dass Kunst und Kultur ein Wert an sich und kulturelle Bildung bzw. die Teilhabe an Kunst und Kultur ein zentraler Faktor einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung seien. Außerdem wird Kunst und Kultur als ein kritisches Korrektiv zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verstanden, das für eine ganzheitliche Existenz und eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung einen zentralen Platz im Leben (aller) Menschen haben sollte.

Kulturelles Erbe

In Deutschland wird selten von „kulturellem Erbe” im Zusammenhang mit einer Vermittlung für junge Menschen gesprochen. Wenn es darum geht, jungen Menschen Zugang zu Kunst und Kultur sowie zur kulturellen Bildung zu ermöglichen, wird dies vor allem mit einem bestimmten Verständnis von Bildung und Persönlichkeitsbildung bzw. mit einem ganzheitlichen Menschenbild begründet. Es gibt keinen Konsens darüber, dass ein „kulturelles Erbe“ weitergegeben werden sollte, zum Beispiel, um nationale Traditionen oder einen nationale Identität zu festigen. Ein Grund dafür ist u.a., dass es in Deutschland aufgrund der jüngsten Geschichte (Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg) eine kritische Haltung zu nationalistischen Haltungen gibt, die (zumindest bisher) gesellschaftlicher Konsens ist.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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