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Allgemeiner Rahmen

Haupttrends in den Bereichen Kreativität und Kulturelle Beteiligung Jugendlicher

Die Förderung von Teilhabe an kulturellen Aktivitäten und die Förderung der Kreativität junger Menschen sind Ziele, die in Deutschland

a) gesellschaftlicher Konsens sind,
b) in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und
c) mit Unterstützung aus verschiedenen Politikbereichen stattfinden.

Es besteht bildungsbereichsübergreifend Konsens darüber, dass kulturelle Kinder- und Jugendbildung ein unverzichtbarer Bildungsfaktor ist. Es bestehen weitgehende Erwartungen an ihre Bildungswirkungen wie die Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung junger Menschen und ihre gesellschaftliche, insbesondere soziale und kulturelle Teilhabe.

In den letzten Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, um allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu kultureller Bildung zu erleichtern und entsprechende Angebote zu entwickeln und zu verbreiten.  Dafür wurden zahlreiche Sonderprogramme auf Bundes- und Länderebene aufgelegt. Nicht zuletzt aufgrund des finanziellen Aufwuchses für kulturelle Bildung in der letzten Zeit wird aktuell zunehmend die Frage nach der Qualität der Angebote, vor allem der kulturellen Bildung an Ganztagsschulen gestellt. Diese Qualitätssicherung ist weder in Bezug auf die Angebote in Ganztagsschulen und Kindertageseinrichtungen, noch auf die als notwendig erachtete Fortbildung , sichergestellt. Der Rat für Kulturelle Bildung stellte 2013  fest, dass die Frage nach der Qualität kultureller Bildung zwar häufig gestellt, aber nur unzureichend beantwortet wird. 2014 betonte er, dass die Sicherung der Qualität kultureller Bildung „eine zentrale Entwicklungsaufgabe“ darstelle.

Das Interesse und die Teilhabe junger Menschen an kulturellen Aktivitäten sind weit verbreitet. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2012 (2. Jugend-KulturBarometer)  kam zu dem Ergebnis, dass nur 13 % aller 14- bis 24-Jährigen noch nie ein Angebot kultureller Bildung genutzt hatten. 45% der jungen Leute gingen einer künstlerischen Hobbyaktivität nach. Zu beachten sind die unterschiedlichen Interessen von jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. So hatten 61% der jungen Leute mit türkischem Migrationshintergrund schon eine oder mehrere Veranstaltungen besucht, die Kunst aus dem islamisch geprägten Kulturraum thematisierte, jedoch nur 19% Veranstaltungen mit klassischen Kulturangeboten des europäischen Kulturkreises. Nur ca. 25% der befragten Jugendlichen gaben an, ein „starkes“ Kulturinteresse zu haben. Hier ist allerdings zu befragen, was damit gemeint ist.

Kulturelle Bildung findet mittlerweile vermehrt über digitale Medien statt. In einer aktuellen Studie des Rates für Kulturelle Bildung kristallisierte sich vor allem YouTube als Leitmedium heraus. Da 86% der 12- bis 19-Jährigen YouTube nutzen, empfiehlt der Rat: die „Akteure der Kulturellen Bildung – in formalen wie non-formalen Kontexten – sind aufgefordert, das hohe Aktivierungspotenzial der audiovisuellen Medien zu nutzen und aufzugreifen, um Formate und Inhalte Kultureller Bildung weiterzuentwickeln.“

Tendenzen

„Im letzten Jahrzehnt kann ein deutlicher Aufschwung rund um den Diskurs um Kulturelle Bildung beobachtet werden, der auch direkte Auswirkungen auf die aktuelle Praxis hat, wie dies exemplarisch folgende Infrastrukturerhebung zu Bildungsangeboten in klassischen Kultureinrichtungen (Keuchel, S., Weil, B., 2010) verdeutlicht. Der hier seit 2004 extrem gestiegene Anteil richtet sich dabei maßgeblich an Schulklassen (61%) und Kindertagestätten (17%). Noch selten sind hier Bildungsangebote, die sich an Kinder (10%) oder Jugendliche in der Freizeit (6%) richten. (…) Richtet man den Blick auf die Interessen der 14- bis 24-Jährigen wird deutlich, dass die vermehrten Kulturaktivitäten nicht einhergehen mit einem Interessenszuwachs der jungen Bevölkerung. Das heißt, das vermehrte Engagement in der Kulturlandschaft hat nicht dazu geführt, dass sich die Interessen der jungen Leute im Sinne eines breiten Kulturbegriffs, der beispielsweise neben dem Besuch klassischer Kultureinrichtungen, wie Museen oder Theater, auch den Besuch eines Rock-, Popkonzerts oder Poetry-Slam-Veranstaltung mit beinhaltet, positiv verändern.“

Über die Gründe kann nur spekuliert werden. In dem Zeitraum gab es wichtige Veränderungen. 2004 spielten Soziale Medien noch keine Rolle. Außerdem gab es in Deutschland Veränderungen in der Bildungslandschaft, wie z.B. der kontinuierliche Ausbau der Ganztagsschule und einer Verkürzung der Schulzeit in der Sekundarbildung von neun auf acht Jahre, was zu einer Verdichtung der Schul- und Lernzeiten geführt hat. Beide Entwicklungen nehmen intensiv die Zeit junger Menschen in Anspruch.

In den letzten Jahren werden daher erhebliche Anstrengungen der öffentlichen Hand, von Stiftungen, Verbänden und Trägern unternommen, Kooperationen von Schulen mit außerschulischen Trägern kultureller Bildung oder Kultureinrichtungen zu fördern. Diese Kooperationen basieren auf freiwilligen Verabredungen, Schülerinnen und Schülern außerunterrichtliche Angebote (z.B. in Form von Arbeitsgemeinschaften oder Workshops) zu machen. Im Bereich der kulturellen Bildung sind diese Kooperationen das vorherrschende Thema der letzten 10-15 Jahre. Mit dem Engagement im Ganztag war für die Politik, die Schulen und die außerschulischen Träger die Hoffnung verbunden, mehr Kinder und Jugendliche mit kultureller Bildung zu erreichen. Diese Hoffnung scheint sich bisher nicht zu erfüllen. Eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung aus dem Jahr 2015, für die Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen allgemeinbildender Schulen bundesweit befragt wurden, kam zu dem Schluss, dass 29% der Mädchen und 44% der Jungen (gesamt 37%) überhaupt keine schulischen Kulturangebote über den Fachunterricht hinaus wahrnehmen. Dieser Befund war unabhängig von Elternhaus, von der besuchten Schulform oder einem Migrationshintergrund. Dagegen scheint das Angebot in Schulen zu expandieren. 2015 verfügten nach Kenntnis der befragten Schülerinnen und Schüler 71% der Schulen über eine Theater-AG, 63% über einen Schulchor, 58% eine Schülerzeitung, 48% eine Schulband und mehr als ein Drittel der Schulen über eine Kunst-, Foto- und Tanz-AG.

Wichtige Konzepte

Es gibt kein einheitliches öffentliches Konzept, was „kulturelle Teilhabe” oder „Zugang zu Kunst und Kultur” konkret bedeuten kann. Vielmehr gibt es verschiedene Ansätze und Konzepte, je nach politischer und fachlicher Ausrichtung. Dies beginnt bereits mit fachlichen und populär geführten Diskursen darüber, was mit „Kunst“ und vor allem, was mit „Kultur“ gemeint ist. Auch mit der Rede von „kultureller Teilhabe“ oder „kultureller Partizipation“ kann sowohl „nur“ eine Teilnahme gemeint sein (z.B. ein Museums- oder Theaterbesuch oder auch das Lesen eines Buches) wie auch weiterführende Angebote, die stärker auf Bildungsprozesse zielen und diese intentional ermöglichen. Sehr populär ist es in letzter Zeit, den Begriff „kulturelle Bildung“ als Oberbegriff und als Faktor für beides zu reklamieren. „Kulturelle Bildung“ bezeichnet ebenfalls kein festes Konzept, sondern wird als Oberbegriff für viele verschiedene Zugänge zu kulturellen Angeboten bis hin zu fachlich avancierten, pädagogischen Angeboten für eigene kulturell-künstlerische Aktivitäten gebraucht. Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich auch in offiziellen Dokumenten, hier als Beispiel im Kapitel 6.1.1.1 des 12. Kinder- und Jugendberichts (PDF, 6,0 MB). Die Begriffsverwendung des Berichts ist uneinheitlich und wird nicht problematisiert („Kulturarbeit“, Jugendkulturarbeit“, „kulturelle Jugendbildung“, „kulturell-musische Bildung“, „kulturell-ästhetische Bildung“ „Jugendkultur“, „Alltagskultur“, „Interkultur“).

Kulturelles Erbe

Zwar sind historische Kulturgüter Gegenstand kultureller Bildung. Es wird in Deutschland allerdings nicht von „kulturellem Erbe“ im Zusammenhang mit einer Vermittlung für junge Menschen gesprochen. Institutionen, die historische Kulturgüter bewahren, Kulturvermittlung betreiben und im öffentlichen Auftrag arbeiten, wie Theater oder Museen, haben auch einen kulturellen Bildungsauftrag. Diesen kann man laut Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und nach Artikel 35 Art., Abs. 1, Satz 4 des Einigungsvertrages, in dem Deutschland explizit als „Kulturstaat" bezeichnet wird, ableiten.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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