Youth Wiki

Förderung von Kultur und kultureller Teilhabe

Abbau von Hindernissen für den Zugang Jugendlicher zu Kultur

Rechtliche Grundlagen für Kulturelle Jugendbildung in der Kinder- und Jugendhilfe

Im Sozialgesetzbuch (SGB VIII), Kinder- und Jugendhilfe, auch Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) genannt, ist in § 1 festgeschrieben, dass jeder junge Mensch ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hat. Neben der Verantwortung der Eltern wird die des Staates betont, indem die Kinder- und Jugendhilfe in §1 (3) verpflichtet wird, zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen. Das SGB VIII schreibt kulturelle Jugendbildung in §11 (3) als einen Schwerpunkt von Jugendarbeit und einen Leistungsbereich der Kinder- und Jugendhilfe fest. Das SGB VIII ist die bundesgesetzliche Grundlage für die Aktivitäten von Bund, Ländern, Städten und Kreisen und für die Ausgestaltung der Kinder- und Jugendhilfe.

Programme

Die wichtigsten Programme, die kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung fördern sollen, fördern jeweils Strukturen (Einrichtungen, Organisationen) und Maßnahmen kultureller Kinder- und Jugendbildung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Sie sehen in der Regel auch die Förderung von Zusammenschlüssen, Organisation, Qualifikation und Fortbildung des haupt- und ehrenamtlichen Personals vor.

  • Bundesebene
    • Förderung durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP)
      Das Bundesjugendministerium regt als fachlich zuständige oberste Bundesbehörde die Tätigkeit der Kinder- und Jugendhilfe an und fördert diese, wenn sie von überregionaler Bedeutung ist und ihrer Art nach nicht durch ein Land allein wirksam gefördert werden kann. Diese Aufgabe erfüllt das Bundesjugendministerium mit dem im Jahr 1950 eingeführten Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP - vor dem Jahr 1994 Bundesjugendplan). Der KJP ist das zentrale Förderinstrument der Kinder- und Jugendhilfe auf Bundesebene und der größte Haushaltsansatz der Förderprogramme des Bundesjugendministeriums. Ein Leistungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe das, damit abgedeckt wird, ist die kulturelle Bildung nach §11 SGB VIII. 
    • Seit 2009 vergibt die Staatsministerin für Kultur und Medien jährlich den BKM-Preis Kulturelle Bildung. Ausgezeichnet werden Projekte, die Kunst und Kultur innovativ und nachhaltig vermitteln - und bislang unterrepräsentierte Zielgruppen besonders berücksichtigen. Zurzeit wird dieser gemäß des Koalitionsvertrags 2018 fortentwickelt. Der Koalitionsvertrag sieht ein „gesamtstaatliches Bündnis der inklusiven kulturellen Bildung" vor, in dem bereits bestehende Initiativen zur kulturellen Bildung wie der BKM-Preis Kulturelle Bildung gebündelt und gestärkt werden sollen. Aktuell fördert die Kulturstaatsministerin modellhafte Projekte, mit denen Kultureinrichtungen die Diversität bei Personal, Programm und Publikum sowie die kulturelle Vermittlung und Bildung weiter stärken sollen. In diesem Rahmen stehen für Modellprojekte der kulturellen Bildung 2019 rund 2,7 Millionen Euro zur Verfügung.

    Einen Preis erhielt beispielsweise 2017 das Jugend Museum Berlin für die Ausstellung All included! Museum und Schule für sexuelle Vielfalt. Die Ausstellung beleuchtet entlang der Themen Diversity, Gender und Liebe unterschiedliche Lebensweisen. Die Ausstellung, die sich an Kinder ab 10 Jahren und Erwachsene richtet, lädt zu einem Perspektivwechsel ein, blickt auf eine Geschichte der Emanzipation und den Kampf um gleiche Rechte. 2018 erhielt Spielen in der Stadt e. V. einen Preis für das Projekt Stranger than – aus Nachbarn werden Fremde, in dem sich 22 Jugendliche aus neun Nationen, teils selbst vor Krieg und Terror geflüchtet, ein Jahr lang intensiv mit verschiedenen Aspekten der NS-Zeit auseinandersetzten. 2020 wurde der „BKM-Preis“ durch den Preis Kulturlichter – Deutscher Preis für Kulturelle Bildung der Staatsministerin für Kultur und Medien abgelöst. Mit ihm werden Projekte und Ideen gefördert, die digitale Formate innovativ zur Vermittlung von Kunst und Kultur einsetzen.

  • Länder- und kommunale Ebene

    Im Rahmen der grundständigen Kinder- und Jugendarbeit nach SGB VIII wird die außerschulische kulturelle Bildung außerdem auf Landes- und kommunaler Ebene gefördert. Die Förderetats schreiben vor allem die Landesjugendpläne sowie die kommunale Kinder- und Jugendförderung fest. Daneben werden in den Bundesländern je nach Bedarf besondere Programme aufgelegt. Beispiele aus den Bundesländern:

    • Kulturkoffer (Hessen): Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) stellt mit dem Modellprojekt Kulturkoffer Finanzmittel für den Ausbau der kulturellen Bildungslandschaft in Hessen bereit. Mit dem ‚Kulturkoffer‘ möchte das HMWK allen Kindern und Jugendlichen in Hessen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihres Wohnorts oder Umfelds Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen. Vom Kulturkoffer sollen Kinder und Jugendliche, insbesondere im Alter von 10 bis 16 Jahren profitieren, die im ländlichen Raum, in sozialen Risikolagen oder in strukturschwachen Stadtteilen aufwachsen, und denen die Teilhabe an Kunst und Kultur bislang nicht oder nur eingeschränkt möglich war. Um das Versprechen verbesserter Teilhabechancen auch einzulösen, werden für die Zielgruppe kostenfreie oder zumindest kostenreduzierte kulturelle Angebote gefördert. Förderberechtigte des Kulturkoffers sind Träger der kulturellen Bildung, vornehmlich öffentliche wie gemeinnützig tätige Kunst- und Kultureinrichtungen sowie -initiativen, die mit mindestens einem Kooperationspartner (zum Beispiel sozialräumliche Partner, Bildungsträger, private Förderer oder Stiftungen) im laufenden Kalenderjahr ein gemeinsames Vorhaben im Bereich der kulturellen Bildung durchführen. 
    • Kulturrucksack NRW (Nordrhein-Westfalen): Der Kulturrucksack NRW knüpft an bestehende Programme wie „Künstler in die Kita", „Jedem Kind ein Instrument", „Kultur und Schule", „KulturScouts" oder „Kulturstrolche" an, die bereits in den Kindertageseinrichtungen und Schulen Nordrhein-Westfalens angeboten werden. Er wendet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren. Ziel ist es, „die Tür zu Kunst und Kultur für alle Kinder und Jugendliche so früh und so weit wie möglich zu öffnen“. Ihnen sollen im Rahmen des Kulturrucksacks Angebote gemacht werden, um Einrichtungen und Organisationen aus den Bereichen Kunst und Kultur sowie kultureller Bildung kennenzulernen und Angebote wahrzunehmen. Kommunen, in denen mehr als 3.500 junge Menschen im Alter von 10 bis 14 Jahren leben, können sich direkt beteiligen, kleinere Städte und Gemeinden können sich im Verbund mit anderen bewerben. Das Land NRW unterstützt die Kulturrucksack-Kommunen mit jährlich 4,40 Euro pro Kind oder Jugendlichen in der genannten Altersgruppe. Es beteiligen sich mehr als 230 Kommunen mit über 70 Kulturrucksack-Standorten.
    • KULTUR_leben! (Saarland): Das Projekt KULTUR_leben! zielt auf die nachhaltige Verankerung der kulturellen Bildung in allen Unterrichtsfächern und im Schulalltag ab. Darüber hinaus geht es um die Schaffung regionaler Netzwerke zwischen den jeweiligen Schulen und Kulturpartnern auf der anderen Seite. Dieses Ziel soll durch entsprechende Curricula in den Lehrplänen, Kongresse, Lehrerfortbildungen, Netzwerk- und Best-Practice-Arbeit wie die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern umgesetzt werden. Realisiert wird das Landesprojekt KULTUR_leben! innerhalb des Rahmenprogramms „Kreativpotentiale“. Mit diesem unterstützt die Stiftung Mercator, für die die kulturelle Bildung ein Schwerpunktthema darstellt, die Länder dabei, Konzepte und Instrumente zur Verankerung kultureller Bildung zu entwickeln und umzusetzen. Das auf zunächst drei Jahre angelegte Projekt wurde von der Stiftung Mercator und dem Saarland mit jeweils 500.000 Euro gefördert.
    • Kultur.Forscher - Kinder& Jugendliche auf Entdeckungsreise (Gemeinschaftsprojekt verschiedener Bundesländer). Als Kulturforscher setzen sich Schülerinnen und Schüler seit 2009 aktiv mit kulturellen Aspekten ihrer Lebenswelt auseinander. Sie stellen eigene Fragen und suchen selbstständig mithilfe vieler Methoden nach Antworten: Sie recherchieren, beobachten, befragen, sammeln, arrangieren, filmen, malen oder beschreiben. Dabei holen sie sich Anregungen von Künstlern, Historikern, Soziologen, dem Bürgermeister oder anderen Experten. Am Ende ihrer kulturellen Forschungsreise tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus, präsentieren ihre Ergebnisse – und stellen neue Fragen. Das Kultur.Forscher!-Netzwerk wird von der PwC-Stiftung gefördert. Es umfasst aktuell (2019) Schulen aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein. Jede Schule kooperiert mit einem oder mehreren Kulturpartnern aus ihrer Region.

Verbreitung von Informationen zu kulturellen Angeboten

In Deutschland gibt es keine zentralisierte Informationspolitik für Kinder und Jugendliche, weder auf Bundes- noch auf Länderebene. Informationen über Angebote kultureller Bildung werden über Schulen und Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie über die Medien, vor allem auf kommunaler Ebene, gegeben. Auf Bundesebene gibt es allgemeine Informationen für die breite Öffentlichkeit zu Förderprogrammen, z.B. zu Kultur macht stark oder zum Kinder- und Jugendplan des Bundes

Daneben gibt es Veröffentlichungen auf Landes- oder kommunaler Ebene. Beispiele:

  • Broschüre: Kinder, Jugend & Kultur - Auf dem Weg zum Kinder- und Jugendkulturland NRW  (PDF, 4,75 MB)
  • Kulturnetz Netzwerk kulturelle Bildung in Hamburg. Die Datenbank der Kulturbehörde, der Behörde für Schule und Berufsbildung, der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur (LAG), des Jugendinformationszentrums (JIZ) sowie von Stadtkultur Hamburg erschließt Lehrkräften und Multiplikatoren Kontakte zu Kultureinrichtungen und Kulturinitiativen, Künstlerinnen und Künstlern. Sie gibt zudem Anregungen für die Nutzung unterrichtsergänzender kultureller Angebote und Projekte. Die Datenbank enthält Angebote zu den Kategorien Kunst, Kunsthandwerk/Design, Literatur, Medien, Musik, Tanz/Bewegung, Geschichte, Weltkulturen, Feste/Aktionen sowie den Bereichen Ökologie, Umwelt, Natur, Sport, Soziales Engagement und Wirtschaft.

Nur wenige Informationsquellen richten sich direkt an Jugendliche, wie z.B. die Broschüre Wo ist was los! Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen in Berlin (PDF, 536 KB)  oder die Webseite JugendKulturService, ebenfalls in Berlin.

Wissen über kulturelles Erbe bei Jugendlichen

Wie bereits unter ‚Wichtige Konzepte‘ ausgeführt, wird in Deutschland in politischen Begründungen, auch in Fachdiskursen, nur selten explizit auf ein „kulturelles Erbe” verwiesen. Kulturelle Bildung impliziert auf allen Ebenen immer auch das Anknüpfen an historischer Kunst, Kunststätten und Kunstdenkmäler. Kulturelle Kinder- und Jugendbildung umfasst sowohl die Beschäftigung mit Kunst und Kultur vergangener Zeiten wie auch mit aktueller Jugendkultur.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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