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Anerkennung non-formalen und informellen Lernens

Maßnahmen für die Anerkennung non-formalen und informellen Lernens

Die Validierung non-formalen und informellen Lernens ist in Deutschland insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) zum Thema geworden. Bereits 2011 arbeiteten in diesem Rahmen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) verschiedene Expertenarbeitsgruppen (PDF, 115 KB) (aus der kulturellen Bildung, der Erwachsenenbildung, der Jugendbildungsarbeit, dem Sport, Jugendverbänden, den Sozialpartnern), die sich mit der Frage auseinandersetzten, wie non-formal und informell erworbene Kompetenzen dem DQR zugeordnet werden können.  Damit wurde bereits recht früh darüber gesprochen, ob eine formale Gleichstellung von formalen Qualifikationen und informell und non-formal erworbenen Kompetenzen möglich sei und in welcher Form dies bewerkstelligt werden könnte. Bereits 2010 wurde dazu eine Expertise (PDF, 1,2 MB) vorgelegt, die die Möglichkeiten vor dem Hintergrund des deutschen Bildungssystems beurteilt und folgende Optionen vorschlägt:

  1. Beibehaltung des formalen Bildungssystems: Beurteilung und Validierung informellen und nicht formalen Lernens an Standards und Kriterien des Bereichs formalen Lernens, Beibehaltung bisheriger Zertifikate.
  2. Kompetenzbasiertes System: Kompetenzorientierte Neuformulierung von Standards und Kriterien unter gleichwertiger Einbeziehung informellen und nicht formalen Lernens, Erweiterung der Prüf- und Bewertungsverfahren und der Zertifikate.
  3. Parallelsystem: Neben dem bestehenden formalen System konstituiert sich ein eigenständiges kompetenzbasiertes System mit der Bewertung, Prüfung und Zertifizierung vereinbarter Standards zum informellen und nicht formalen Kompetenzerwerb.

Faktisch ließen sich alle Bemühungen, seit 2011 auch mit der Rückendeckung der EU-Ratsempfehlung zur Validierung von 2012, zu einem kompetenzbasierten System zu gelangen, nicht verwirklichen. Forderungen nach der Einführung eines Validierungssystems wurden von den DQR-Gremien zurückgewiesen als außerhalb des Zuständigkeitsbereichs. Die Vorgehensweise, die präferiert wurde, nach Punkt 1, die non-formalen und informellen Lernergebnisse nach den Standards des formalen Bildungsbereichs zuzuordnen, führte wie zu erwarten dazu, dass große Teile des Lernens weiterhin nicht berücksichtigt werden. Starker Widerstand formierte sich im DQR-Prozess gegen die Bestrebungen, eine Validierung non-formalen und informellen Lernens zu ermöglichen, deren Ergebnisse auch formal wirksam werden. Sprachlich hat sich dieser Prozess in der folgenden Formulierung manifestiert, die sich heute im Themenzusammenhang findet: „Validierung berufsrelevanter Kompetenzen“.

Gegen eine Nutzung des Deutschen Qualifikationsrahmens als Anerkennungs- und Berechtigungsinstrument wehren sich vor allem die Vertreter des formalen Bildungssystems und beharren darauf, dass der Deutsche Qualifikationsrahmen lediglich die Transparenz zwischen dem beruflichen und schulischen Bildungsbereich schaffen soll (PDF, 134 KB). Die Befürchtungen richten sich zum einen gegen einen DQR, der europäische oder ggf. sogar internationale (Zugangs-)Berechtigungen schafft, die nicht mehr in den Händen der formalen Bildungsakteure liegen, gegen eine Veränderung von Beruf, Qualifikation und damit verbundenen tariflichen Eingruppierungen und Privilegien sowie gegen eine Auflösung des Berufs und seiner Ausbildung, wie er im dualen System ausgebildet wird.

Somit bleiben in Deutschland weiterhin die folgenden Validierungswege non-formal und informell erworbener Kompetenzen (PDF, 373 KB), die bereits 2011 wirksam waren:

  • Anerkennung:
  1. Hochschulzugang: Begabtenprüfung, Studium ohne Abitur
  2. Möglichkeiten des Berufsbildungsgesetzes  (BBiG) von beruflicher Vorbildung bis Zeugnisgleichstellungen (§§ 7, 8, 43 Abs. 2, 49, 50)
  3. IT-Weiterbildungssystem
  • Anrechnung:
  1. Externenprüfungen (Hauptschulabschluss über Allgemeine Hochschulreife bis BBiG § 45 / Handwerksordnung (HwO) § 37 )
  2. IT-Weiterbildungssystem
  3. Beruflich erworbene Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge

Neu hinzugekommen, aber im Zusammenhang mit dem Thema Validierung eher nebenrangig ist das Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen (auch Anerkennungsgesetz). Es ist am 1. April 2012 in Kraft getreten und verbessert die Anerkennung von Berufsqualifikationen von Staatsangehörigen aus sogenannten Drittstaaten, regelt diese aber im Wesentlichen nicht neu.

Die hier genannten Validierungsverfahren betreffen nur allgemein die innerhalb des Bildungssystems wirksamen Verfahren wie Äquivalenzanerkennungen zu formalen Abschlüssen oder realen Anrechnungen auf Bildungsgänge oder Teile von Bildungsgängen. Parallel dazu haben der non-formale Bildungsbereich und der Arbeitsmarkt eine Vielzahl eigener Kompetenzbilanzierungsverfahren und Zertifikate hervorgebracht, die aber alle nicht im formalen Bildungssystem wirksam werden.

Seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gibt es die Initiative VALIKOM. Sie beschäftigt sich, nicht im formalen System wirksam werdend, mit der Identifizierung und Validierung von „berufsrelevanten Kompetenzen“ in Hinblick auf einen Äquivalenzberuf beschäftigt. VALIKOM bietet ein Verfahren mit den klassischen Schritten eines Validierungsverfahrens: 1. Information und Beratung (Identifikation), 2. Dokumentation, 3. Bewertung und 4. Zertifizierung. Das Verfahren richtet sich an Personen über 25 Jahre, die einschlägige Berufserfahrungen nachweisen können, auch aus dem Ausland, aber keinen Berufsabschluss haben. Die Dokumentation erfolgt über ein Portfolioverfahren, die Bewertung kann auch über Arbeitsproben, Fachgespräche und Probearbeit in Betrieben erfolgen. Die „Zertifizierung“ erfolgt in Form einer Bescheinigung (Validierungszertifikat), ausgestellt durch die (Industrie- und Handels)Kammern, die eine teilweise oder vollständige Gleichwertigkeit mit dem Referenzberuf bescheinigt. Dies führt allerdings nicht zu Berechtigungen im formalen Bildungssystem, keinem formalen Berufsabschluss, sondern kann lediglich auf dem Arbeitsmarkt genutzt werden und entspricht damit der schon vorher bestehenden „Qualifikationsanalyse“. Damit ist es ähnlich wie die Verfahren zur Anerkennung von Hochschulabschlüssen, die mittels der anabin-Datenbank eine Bewertung der ausländischen Studienabschlüsse im Vergleich zum deutschen Studienabschluss vornehmen. Sie schaffen jedoch weder Berechtigungen noch Zugänge ins Bildungssystem.
Die Relevanz und Bedeutung dieser für den „Arbeitsmarkt“ ausgestellten Bescheinigungen darf erfahrungsgemäß als gering bezeichnet werden. Das stark formalisierte Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland hat starke Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und seine Flexibilität. Formale Bildungsabschlüsse zählen zum wichtigsten Zugangskriterium auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Mehr Informationen gibt es auch unter:

Siehe auch The European Higher Education Area in 2018: Implementation Report (PDF, 16,9 MB)

Weitere Informationen über die Anerkennung von non-formalem und informellem Lernen in Deutschland bietet eine Expertise des Deutschen Jugendinstituts (PDF, 908 KB).

Information und Beratung

Über die Möglichkeiten zur Anerkennung non-formal und informell erworbenen Kompetenzen, die im Rahmen der oben geschilderten Möglichkeiten im Berufsbildungssystem oder im Hochschulsystem möglich sind, informieren die Seiten Anerkennung in Deutschland für die berufliche Bildung und das Infoportal zu ausländischen Bildungsabschlüssen anabin für Hochschulabschlüsse. Für die Anerkennung von Studien- oder Prüfungsleistungen ist jede Hochschule individuell zuständig.

Qualitätssicherung

Aufgrund eines fehlenden allgemeinen Validierungsverfahrens für non-formal und informell erworbene Kompetenzen gibt es auch keine entsprechenden allgemeinen Qualitätssicherungsinstrumente. Natürlich verfügen die einzelnen oben beschriebenen Anrechnungs- und Anerkennungsverfahren über jeweilige Qualitätssicherungsverfahren und -instrumente, die sich in den Gesetzen und Verordnungen finden sowie von den entsprechenden Berufsbildungsinstitutionen und Hochschulgremien vereinbart werden.

Dieser Artikel wurde auf www.youthwiki.eu in englischer Sprache erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.

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