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Sozialpolitik / Kinderrechte

Wohnungslosigkeit: Konkrete Maßnahmen für betroffene Kinder gefordert

Kinder- und Erwachsenenhände halten ein
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Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg nimmt den „Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut“ am 17.10.2018 zum Anlass, um auf die Situation von Kindern und minderjährigen Jugendlichen in Familien aufmerksam zu machen, die aufgrund von Wohnungslosigkeit in ordnungsrechtlicher Unterbringung leben müssen. Der Verband fordert Verbesserungen für diese Familien und insbesondere deren Kinder.

Der PARITÄTISCHE und Verein der Wohnungslosenhilfe „SOZPÄDAL“ fordern konkrete Maßnahmen

Rund 3.000 Kinder und Jugendliche lebten 2015 in ordnungsrechtlicher Unterbringung. Das ergab die GISS-Studie im Auftrag des baden-württembergischen Sozialministeriums. Der Verband fordert die Einführung einer landesweiten Wohnungsnotfallstatistik, in der auch betroffene Kinder mit erfasst werden. Zur Beendigung der Wohnungslosigkeit von Kindern fordert der PARITÄTISCHE konkrete Maßnahmen in der Wohnungspolitik sowie spezielle Betreuungsangebote für die betroffenen Familien.

20 % der Kinder allein in Baden-Württemberg leben unterhalb der Armutsgrenze

„Jedes Kind braucht ein Zuhause, in dem es sich wohlfühlt und frei entwickeln und entfalten kann. Das Recht auf eine Wohnung ist Kinderrecht“, betont Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg. Nur so kann auch verhindert werden, dass sich Armut von Generation zu Generation überträgt und diese Kinder automatisch schlechtere Lebensbedingungen und weniger Bildungschancen haben. Deshalb ist eine der vordringlichsten wohnungspolitischen Aufgaben, Familien mit Kindern in ordnungsrechtlicher Unterbringung Wohnungen zur Verfügung zu stellen und ein flexibles Hilfesystem, das sie darin unterstützt dem Armutskreislauf zu entgehen“, so Wolfgramm weiter. Zwanzig Prozent der Kinder allein in Baden-Württemberg leben unterhalb der Armutsgrenze, „diese Zahl ist beschämend und skandalös“, sagt Wolfgramm.

Spiel-und Rückzugsmöglichkeiten für Kinder fehlen

„Die Familien sind meist in einem Raum untergebracht. Kinder – vom Säugling, Schulkind bis hin zum Jugendlichen müssen sich einen Raum teilen und manchmal auch das Bett. Es gibt keine Spiel-und Rückzugsmöglichkeiten für die Kinder, keinen Tisch und keine Ruhe, um die Schulaufgaben zu erledigen. Nicht selten müssen sie auf der Bettkante des Hotelzimmers gemacht werden“, erklärt Jörg Mauter, Geschäftsführer von SOZPÄDAL in Karlsruhe. „Meist gibt es in den Unterkünften lediglich Gemeinschaftsküchen, selten eine eigene Küchenzeile. Freunde zum Spielen einzuladen oder Geburtstag zu feiern, ist in diesem Umfeld so nicht möglich“, so Mauter weiter.

Wohnungsverlust von Familien durch präventive Maßnahmen vermeiden

Der PARITÄTISCHE und SOZPÄDAL sehen die „Soziale Wohnungspolitik“ als eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen, die Bund, Länder und Kommunen in ihrer jeweiligen Verantwortung und Steuerung umfassend wahrnehmen müssen. Für Land und Kommunen in Baden-Württemberg bedeute das, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und neu zu schaffen. Gemeinsames Ziel aller beteiligten Akteure in Gemeinden und Städten müsse sein, den Wohnungsverlust von Familien durch umfassende präventive Maßnahmen zu vermeiden.

Um den Zugang zur Wohnung zu ermöglichen, sollten alle Organisations- und Kooperationsmodelle zur Unterstützung dieser Familien zum Tragen kommen. Zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit sei die flächendeckende Einrichtung von Fachstellen in den Kommunen dringend erforderlich. Freie Träger der Wohlfahrtspflege, die Wohnraum anmieten und an wohnungslose Menschen und Familien weiter vermieten oder durch sogenannte „Lotsen aus der Wohnungslosigkeit“ tätig werden, müssten in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Hintergrundinformation

Die GISS-Studie "Wohnungslosigkeit in Baden-Württemberg – Untersuchung zu Umfang, Struktur und Hilfen für Menschen in Wohnungsnotlagen" im Auftrag des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg (2015) verweist darauf, dass in Baden-Württemberg ca. 22.800 wohnungslose Personen leben, die von Städten und Gemeinden ordnungsrechtlich untergebracht sind oder bei den öffentlichen und freien Trägern Hilfe nach den Strafgesetzbuch §§ 67 ff SGB XII in Anspruch nahmen. 3.000 Kinder und Jugendlichen müssen in ordnungsrechtlicher Unterbringung leben.  

Die dramatischen Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt und der anhaltende Rückgang von Sozialwohnungen sind für wohnungslose Familien zu einem nahezu unlösbaren Problem geworden. Gerade Baden Württemberg weist im Vergleich zu anderen Bundesländern einen deutlich unterdurchschnittlichen Bestand an sozialen Mietwohnungen auf. Dies wird sich laut Mieterbund und anderen Fachleuten auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Je länger die Familien in der Wohnungslosigkeit d.h. in Notunterkünften, Heimen oder Hotels untergebracht sind, desto schwieriger gestalten sich auch die Entwicklungsmöglichkeiten für die in den Familien lebenden Kindern.

DER PARITÄTISCHE Baden-Württemberg

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg ist einer der sechs anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Er ist weder konfessionell, weltanschaulich noch parteipolitisch gebunden. Der Verband steht für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe und wendet sich gegen jegliche Form sozialer Ausgrenzung. Ihm sind in Baden-Württemberg über 870 selbständige Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 4000 sozialen Diensten und Einrichtungen angeschlossen sowie rund 50.000 freiwillig Engagierte. Ihm gehören rund 460 Einrichtungen aus dem Bereich Kinder und Familie an.

Quelle: DER PARITÄTISCHE Baden-Württemberg vom 16.10.2018