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Sozialpolitik

Ökonomisierung verändert die Soziale Arbeit - Fachforum an der KatHo untersuchte den Wertewandel

Soziale Dienste werden zunehmend durch betriebswirtschaftliche Kriterien bestimmt. Werte spielen dabei eine immer geringere Rolle. Das war der Tenor des diesjährigen Fachforums der Katholischen Hochschule, Abteilung Paderborn, das sich unter dem Titel „Ökonomisierung der Sozialen Arbeit“ mit den Perspektiven der Sozialen Arbeit beschäftigte.

Engagiert zeichnete Hauptreferent Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt von der Evangelischen Fachhochschule Bochum zum Auftakt vor mehr als 150 Zuhörern ein kritisches Bild der Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Die Neuorganisation der kommunalen Verwaltungen Anfang der 90er Jahre und die Umsetzung der Agenda 2010 habe bei den Kommunen mehr Leistungsvergleiche und Kontrolle mit sich gebracht. Davor hatte der Staat hauptsächlich als Kostenträger für soziale Aufgaben fungiert. Dabei gewährte er den Wohlfahrtsverbänden als sozialen Dienstleistern weitgehende Autonomie sowie den Klienten ein Wunsch- und Wahlrecht. Durch Wettbewerb, Controlling, Benchmarking und Privatisierung sollten dann die sozialen Dienste kostengünstiger und effektiver werden. Die gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände wurden den privaten Anbietern gleichgestellt, die alte Sozialpartnerschaft aufgelöst. „Ich finde es allerdings falsch, das als Einführung von Marktbedingungen zu sehen“, so Wohlfahrt. „Ich halte es eher für eine Verstaatlichung, weil die Kommunen als Kostenträger immer mehr Einfluss nehmen.“

Dabei hätten sich die Wohlfahrtsverbände dieser Entwicklung angepasst. „Sie denken zunehmend ökonomisch und immer weniger werteorientiert“, so Wohlfahrt. Sie seien heute eher wie Wirtschaftsunternehmen strukturiert und auf Wachstum eingestellt. „Das geht hin bis zur Infragestellung der Gemeinnützigkeit.“ Ein deutlicher Ausdruck dieser Veränderung sei die Ablösung des Leittarifs und die Ausgründung von GmbHs, die den Wohlfahrtsverbänden niedrigere Löhne und flexiblere Arbeitsregelungen ermögliche. „Ich setze allerdings darauf, dass der Widerspruch zwischen Ökonomie und ihrer werteorientierten Identität bei den Wohlfahrtsverbänden irgendwann zu einer Umkehr führt.“

Die Ökonomisierung in der derzeitigen Form sei außerdem ein Programm zur Dezentralisierung der Sozialpolitik, kritisierte Wohlfahrt. „Die Sozialarbeit bekommt immer mehr Aufgaben, die eigentlich einen politischen Kern haben.“ Sie gestalte nicht mehr, sondern habe nur noch bestimmte Funktionen zu erfüllen. „Dabei wird der Sozialarbeiter heute immer mehr zum Manager“, so Wohlfahrt. „Trotzdem ist die Soziale Arbeit beruflich nach wie vor ein Renner. 2008 waren hier immerhin 1,6 Millionen Menschen beschäftigt.“ Dabei gehe mit der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit allerdings auch eine Ökonomisierung der Ausbildung einher, zu der die Umgestaltung der Studiengänge und die Einführung von Studiengebühren gehören. Er appellierte an die Hochschulen, in Zukunft die Produktionsbedingungen des Berufs Soziale Arbeit intensiver zu erforschen.

„Mit dem heutigen Fachforum wollen wir dazu anregen, sich in der Ökonomisierungsdebatte einen Eigensinn zu bewahren oder auch zu erstreiten“, betonte Prof. Dr. Monika Többe-Schukalla, Prodekanin des Fachbereichs Sozialwesen, in ihrer Einführung aus Sicht der Sozialpolitik. „...und sich wenn nötig, auch gegen den Mainstream zu positionieren.“ Ihre Kollegin Prof. Dr. Maria Schafstedde hinterfragte in ihrem Referat unter anderem den aktuellen Trend, soziale Aufgaben durch ehrenamtliches Engagement abzudecken, um so die öffentlichen Kassen zu entlasten. Besondere Brisanz liege hier in der geplanten Abschaffung des Zivildienstes. Nach einer angeregten Diskussion, moderiert von Prof. Dr. Bernadette Grawe, wurden im zweiten Teil der Fachtagung in sieben hochkarätig besetzten Workshops verschiedene Schwerpunkte des Themas intensiv bearbeitet.

Quelle: KatHO NRW