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Unstatistik

Jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm – und das wird so bleiben

Ein Mädchen schmeißt Geld in ein Sparschwein
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

„Weiterhin jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet“, meldete das Redaktionsnetzwerk Deutschland am 13. März. Diese Meldung, die ähnliche Meldungen von vor anderthalb Jahren fast wörtlich dupliziert, wurde vielfach nachgedruckt (u.a. in Welt, Bild, FAZ) und in den öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet (u.a. tagesschau.de, BR24, ZDF). Das Team von Unstatistik hat die Meldung als Unstatistik des Monats gewählt.

Sie ist aus verschiedenen Gründen unsere Unstatistik des Monats März, so das Team. So habe etwa die hier allein am Einkommen der Eltern festgemachte Armut der Kinder noch eine Vielzahl weiterer hier nicht berücksichtigter bestimmender Faktoren, etwa das Konsumverhalten der Eltern. Was nutze das beste Einkommen, wenn bei den Kindern nichts davon ankommt?

In der Begründung heißt es weiter:

Angreifbar ist auch das schematische Zurechnen von Extrabedarf bei wachsender Kinderzahl. Hier gibt es verschiedene sogenannte Äquivalenzskalen. Und die können dazu führen, dass bei der einen Äquivalenzskala eine Familie arm ist, bei der anderen aber nicht. Viel bedeutender ist jedoch, dass der Informationsgehalt dieser Meldung nahezu Null ist. Denn auch vergangenes Jahr war jedes fünfte Kind armutsgefährdet, das gleiche wird in einem, in zwei, in fünf und in zehn Jahren auch so sein. Warum? Weil die hier zugrundegelegten Armutsmaße so beschaffen sind, dass per Konstruktion jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet sein muss.

Kinder gelten als armutsgefährdet beziehungsweise arm (diese beiden Begriffe werden oft synonym verwendet), wenn ihre Eltern arm sind, und die sind arm, wenn das Familieneinkommen 60 Prozent des nationalen Durchschnitts unterschreitet. Bei einer gegebenen Einkommensverteilung (und die ändert sich nur langsam) ist der so berechnete Prozentsatz armer Menschen immer gleich, er liegt derzeit bei 16 Prozent für alle und bei 20 Prozent für Kinder. Letztere gehören überproportional oft „armen“ Familien an. Aber diese Prozentsätze bleiben auch bei wachsendem Einkommen immer gleich. Das heißt, wenn sich das reale Einkommen aller Familien verdoppelt oder verdreifacht, gelten nach der aktuellen Definition weiterhin 20 Prozent aller Kinder als arm.

Armutsquote sollte an Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen

Dieses Anbinden der Armutsquote an einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens sei die Kardinalsünde der medialen Armutsberichterstattung. Sie sei wissenschaftlich völlig unhaltbar. Wie etwa von Wirtschaftsnobelpreisträger A.K. Sen überzeugend dargelegt, müsse Armut, wenn man dieses Phänomen wirklich ernst nimmt, an den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen. Die gehen weit über das physische Existenzminimum hinaus, haben aber mit dem Durchschnittseinkommen einer Gesellschaft allenfalls indirekt zu tun:

So kann man durchaus darüber debattieren, ob ein funktionierender Zugang zum Internet für eine gesellschaftliche Teilhabe heute nötig ist. Wer den nicht hat, wäre damit arm. Der Punkt ist: ob jemand arm ist oder nicht, hängt alleine davon ab, was jemand selber kann und darf, nicht was andere können oder dürfen.

Beim Anbinden an den gesellschaftlichen Durchschnitt haben wir dagegen die perverse Situation, dass bei einem Umzug von Boris Becker oder Jürgen Klopp von England zurück nach Deutschland die Armut in Deutschland steigen würde. Der Durchschnitt der Einkommen würde wachsen (mal unterstellt, dass Boris Beckers aktuelles Einkommen immer noch den nationalen Durchschnitt übersteigt), und damit auch der Anteil derjenigen, die weniger als 60 Prozent dieses Durchschnitts verdienen. Dieser Perversion versucht man zwar, durch Verwendung des Medians statt des arithmetischen Mittels die Spitze zu nehmen (der Median ist das Einkommen, das in der Mitte liegt, also von der Hälfte unter- und von der Hälfte überschritten wird), aber es bleibt die völlig sachwidrige Option, dass die Armut durch das reicher werden gewisser Menschen zunimmt und dass man umgekehrt die „Armut“ dadurch senken kann, nicht indem man den Armen etwas gibt, sondern indem man den Reichen etwas nimmt.

Das korrekte Quantifizieren der Armut in einer Gesellschaft ist alles andere als einfach, so das Team hinter Unstatistik. Nicht ohne Grund habe es nach A.K Sen im Jahr 1998 vor kurzem drei weitere Nobelpreise für konstruktive Lösungsvorschläge gegeben: Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer 2019. Sicher sei nur eines: das bloße Anbinden der Armutsquote am gesellschaftlichen Durchschnittseinkommen ist der falsche Weg.

Zum Hintergrund

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden sich im Internet auf der zugehörigen Website und unter dem Twitter-Account @unstatistik. Unstatistik-Autorin Katharina Schüller ist zudem Mit-Initiatorin der „Data Literacy Charta“, die sich für eine umfassende Vermittlung von Datenkompetenzen einsetzt.

Quelle: Unstatistik des Monats - unstatistik.de vom 29.03.2022

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